Das beliebte Schmiermittel für schmerzende Gelenke

Immer mehr Arthrose-Patienten sind dank Hyaluronsäure-Injektionen schmerzfrei. Wir fragten Orthopädie-Facharzt Dr. Daniel Wüst, was es damit auf sich hat.

Arthrose Dr Andreas Wuest
Dr. med. Daniel Wüst ist Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates sowie Sportmediziner SEMS in Zürich.

Warum bekommt fast jeder im Laufe seines Lebens Arthrose?

Nicht jeder, jedoch viele, denn viele Menschen dürfen heute ein hohes Alter erreichen. Je älter jemand ist, desto wahrscheinlicher sind Abnützungserscheinungen wie Arthrose.

Welche Gelenke sind am häufigsten betroffen?

Knie- und Hüft-Arthrose sehe ich am meisten. Etwas seltener, aber immer noch häufig, ist Arthrose an den Schultern und am oberen Sprunggelenk. Nicht zu vergessen die Arthrose an Finger- und Grosszehengelenken.

Gibt es typische Alarmzeichen bei Arthrose?

Anlaufschmerzen und Schmerzen bei körperlicher Belastung. Bei fortgeschrittener Arthrose klagen Patienten zusätzlich über Ruheschmerzen im Sitzen und in der Nacht. Daneben sind Arthrose-Gelenke wegen Ergussbildung häufig geschwollen und überwärmt.

Wann sollte man zum Arzt?

Bei jeder Art von Gelenkbeschwerden, denn es ist wichtig, Arthrose möglichst früh zu erkennen und zu behandeln, um eine spätere Operation verzögern oder vermeiden zu können.

Wie kann man einen Knorpel, der ja keine eigene Blutversorgung hat, überhaupt behandeln?

Der Knorpel ernährt sich über die Gelenkflüssigkeit. Dazu braucht es nicht nur genügend Nährstoffe in dieser Flüssigkeit; man muss die Gelenke auch bewegen, damit der Knorpel die Nährstoffe wie ein Schwamm aufnehmen kann.

Immer mehr Patienten setzen auf Hyaluronsäure bei der Behandlung von Arthrose. Welche Rolle spielt sie aus Ihrer Sicht?

Lösungen, die hochmolekulare, also lange Hyaluronsäure-Moleküle enthalten, können die Gleitfähigkeit im Gelenk erhöhen. Man injiziert sie entweder alleine oder manchmal zusammen mit Kortison direkt ins Gelenk.

Was passiert dann im Gelenk?

Gelenkknorpel besteht aus Knorpelzellen, Kollagenfasern und Proteoglykanen – ein Stoff aus Proteinen und vielen Kohlenhydraten – und Hyaluronsäure. Alle Bestandteile sind von vielen Wasser-Molekülen umgeben. Die Hyaluronsäure kann Wasser binden und die Gelenkflüssigkeit viskös, das heisst dickflüssig machen. Sie wirkt wie ein Schmiermittel und kann auch Entzündungen verringern, die bei Arthrose häufig auftreten.

Wann kommt sie zum Zug?

Im frühen und mittleren Stadium.

Wie lange wirkt eine solche intraartikuläre Injektion?

Die Wirkdauer ist individuell sehr unterschiedlich. Bei einigen Patienten kann die Wirkung mehrere Monate anhalten und die Beschwerden bis zu einem Jahr positiv beeinflussen. Andere Patienten verspüren keine deutliche Wirkung. Das Ausmass der Arthrose beeinflusst die Wirkdauer.

Kann man die Injektion wiederholen?

Ja, sogar beliebig oft.

Nicht alle Ärzte machen solche Injektionen. Worauf sollten Betroffene bei der Arztwahl achten?

Wichtig ist, dass die Injektion immer steril durchgeführt wird. Der Arzt soll die Technik der Gelenkpunktion in einer Facharztausbildung erlernt haben. Er muss viel Erfahrung mit der Behandlung von Arthrose am betroffenen Gelenk haben und regelmässig Injektionen durchführen. Er muss sich auch des Risikos einer Gelenkinfektion bewusst sein, sie rasch erkennen und korrekt behandeln können. In der Regel werden Gelenkinjektio­nen von orthopädischen Chirurgen, Rheumatologen, erfahrenen interventionellen Radiologen oder von chirurgisch ausgebildeten Hausärzten durchgeführt.

Gibt es auch unerwünschte Wirkungen?

Vernetzte hochmolekulare Hyaluronsäuren können bei einzelnen Patienten zur Reizung des Gelenkes führen. Sie wird als leichte Schwellung mit leichten Schmerzen wahrgenommen. Aber die Reizung dauert nur ein paar wenige Tage, und man kann sie vermeiden, indem man gleichzeitig Kortison injiziert. Eine entzündungshemmende Tablette bei Bedarf hilft auch.

Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Hyaluronsäure-Präparaten?

Ja. Es gibt niedermolekulare, hochmolekulare, hochmolekulare vernetzte sowie normal konzentrierte und hochkonzentrierte. Hochmolekulare Hyaluronsäure besteht aus langkettigen Molekülen, die mehr Wasser binden können. Sie haften am Gelenkknorpel und erhöhen die Gleitfähigkeit im Gelenk. Früher gab es nur niedermolekulare und hochmolekulare vernetzte Präparate. Heute werden hauptsächlich nichtvernetzte hochmolekulare verwendet. Neu gibt es auch Präparate mit niedermolekularer und hochmolekularer Hyaluronsäure gleichzeitig. Die Gemische sind sehr hochkonzentriert, verweilen daher lange im Gelenk und zeigten in Laboruntersuchungen eine überdurchschnittliche entzündungshemmende Wirkung.

Worauf achten Sie persönlich?

Ich verwende hochkonzentrierte hochmolekulare Hyaluronsäure-Präparate, weil ich eine möglichst lange Wirkdauer erreichen möchte. Akute Entzündungen eines Gelenkes behandle ich mit Kortison. Kortison ist übrigens ein lebenswichtiges Hormon, das vom Körper selber produziert wird. Ebenso ist Hyaluronsäure eine körpereigene Substanz in Gelenken und vielen anderen Geweben.

Obwohl die Therapie mit Hyaluronsäure schon in frühen Arthrose-Stadien sehr gut wirkt, ­starten viele Ärzte eine Behandlung oft mit ­anderen Massnahmen. Wie gehen Sie vor?

Ich empfehle einen Mix verschiedener Massnahmen. Bei Übergewicht – besonders bei Knie-Arthrose – eine Gewichtsreduktion. Fünf Kilo weniger können die Beschwerden schon spürbar vermindern. Vorübergehend können auch Schmerzmittel und Entzündungshemmer eingesetzt werden. Mittel- und langfristig lindern Medikamente mit Chondroitinsulfat die Schmerzen und unterstützen den Gelenkknorpel. Sie müssen mindestens für drei bis sechs Monate täglich genommen werden. Bei guter Wirkung verschreibe ich sie als Dauertherapie. Auch physiotherapeutisch begleitete Muskelkräftigung kann die Beschwerden lindern. Und auf jeden Fall ist regelmässige Bewegung sinnvoll. Gelenke belasten, aber nicht überlasten. Velofahren, spazieren in der Ebene, Nordic Walking, schwimmen oder Wassergymnastik sind ideal. All diese Aktivitäten können durch eine Hyaluronsäure-Injektion unterstützt werden, denn ohne oder mit weniger Schmerzen bewegt man sich viel lieber.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26.08.2021.

Kommentare sind geschlossen.