Das Cholesterin-Desaster

Cholesterinsenker retten Leben. Trotzdem setzen viele Patienten ihre Medikamente ab, aus Angst vor Nebenwirkungen oder weil sie nicht an den Nutzen glauben. Das führt zu hohen Kosten und tragischen Todesfällen.

Bild: AdobeStock, Urheber: Zerbor
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Der Beweis ist längst erbracht. Das Cholesterin hat einen direkten Einfluss auf die Gesundheit der Blutgefässe. Der Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfällen ist noch stärker als beim Bluthochdruck. Eindrücklich sieht man das bei der familiären Hypercholesterinämie. Bevor es eine Behandlung gab, erlitten 50 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen vor dem 60. Geburtstag einen Herzinfarkt oder Hirnschlag. Seit es wirksame Medikamente gibt, hat sich das völlig geändert.

Auch bei allen übrigen Risikopatienten kommt es dank der cholesterinsenkenden Behandlung zu einer markanten Reduktion von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Herzkreislauf-Todesfällen. Bypass-Operationen und Stent-Implantationen sowie Hospitalisationen gehen ebenfalls zurück. Nach einem ersten Herzinfarkt treten oft weitere solche Ereignisse innerhalb der nächsten Jahre auf.

Cholesterin tut nicht weh

Dennoch nehmen 20 bis 30 Prozent der Patienten die Cholesterinsenker nicht so wie vom Arzt verordnet oder setzen sie sogar eigenmächtig ab. Neben fehlender Kenntnis mangelt es auch am Krankheitsempfinden. Arteriosklerose verursacht keine Schmerzen. Sinkt das Cholesterin, fühlt sich niemand besser. Dass eigenmächtiges Absetzen das Risiko für tödliche Herzinfarkte unmittelbar erhöht, machte eine dänische Studie auf drastische Weise deutlich.

Von den Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit nehmen nur zwei Drittel die Cholesterinsenker einigermassen zuverlässig ein. Der Rest nimmt sie nur unregelmässig oder lässt sie ganz weg. Das Risiko zu sterben erhöht sich so auf den Wert, den die Patienten vor der Behandlung hatten. Denn diese Medikamente schützen nur, solange man sie einnimmt.

Die Margarine allein hilft nicht

Verunsichert wurden viele Menschen durch die jahrelange Empfehlung, auf Butter, Eier und fettes Fleisch zu verzichten. Heute weiss man, dass der Cholesteringehalt im Blut hauptsächlich durch die Leber und nicht die Nahrung reguliert wird. Und was ist mit cholesterinsenkenden Margarinen? Studien zeigen zwar, dass man damit das schlechte Cholesterin etwas senken kann. Aber keine Untersuchung beweist, dass man auch das Herz-Kreislauf-Risiko reduziert.

Hat jemand ein hohes Risiko für Herzinfarkt oder Hirnschlag, braucht er wirksame Medikamente. Ist das Risiko tief, sollte er seinen Lebensstil anpassen und nicht bloss die Margarine. Eine mediterrane Ernährung reduziert das schlechte Cholesterin zwar nur wenig, senkt jedoch das Herz-Kreislauf-Risiko um bis zu 30 Prozent. Und mit regelmässiger körperlicher Aktivität lässt sich das gute Cholesterin markant erhöhen.

Der berüchtigte Nocebo-Effekt

Noch ein Wort zu den Muskelschmerzen, den vielzitierten Nebenwirkungen der Cholesterinsenker. Zwar treten sie unter der Therapie gehäuft auf, vor allem bei älteren Patienten. In grossen Doppelblindstudien konnte jedoch gezeigt werden, dass sie sehr selten durch die Medikamente selber verursacht werden. Verantwortlich ist vielmehr der berüchtigte Nocebo-Effekt. Die Patienten fürchten Muskelschmerzen und spüren sie selbst dann, wenn sie gar keinen Wirkstoff eingenommen haben.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19.02.2021.

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