Die meisten Patientinnen kennen die Ratschläge, wie eine Blasenentzündung behandelt werden kann. Die Infekte kommen leider trotzdem zurück. Woran liegt es?
Die Therapie konzentriert sich meist auf die akute Infektion, das heisst auf die rasche Eliminierung der krankmachenden Bakterien. Wir haben aber mittlerweile gelernt, dass auch eine gesunde Blase nicht steril ist, sondern von unterschiedlichen Bakterien besiedelt wird, die das sogenannte Mikrobiom bilden und ein mikrobielles Gleichgewicht gewährleisten. So verpassen wir einen umfassenderen Therapieansatz, der individuelle Risikofaktoren wie das Mikrobiom und das Immunsystem berücksichtigt. Sind diese Faktoren verändert oder geschwächt, erleichtert das wiederholte Harnwegsinfektionen. Daher ist es ratsam, über die Akuttherapie hinauszugehen und effektive vorbeugende Massnahmen zu entwickeln.
Gibt es Hinweise, dass wiederkehrende Infekte auch Ausdruck eines gestörten Immunsystems
sein könnten?
Absolut. Unser Immunsystem ist meist in der Lage, die Erreger erfolgreich zu bekämpfen. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, kann dies die Anfälligkeit für Infekte erhöhen. Stress, falsche Ernährung, Schlafmangel oder andere gesundheitliche Probleme gelten als Risikofaktoren, die die Abwehrkräfte beeinträchtigen und die Wahrscheinlichkeit von wiederkehrenden Infekten erhöhen können. Dazu kann ein Ungleichgewicht zwischen der bakteriellen Wirkung und der Immunantwort Harnwegsinfektionen begünstigen. Treten solche Infektionen häufig auf, ist das ein möglicher Hinweis, dass die immunologische Erinnerung nicht ausreicht, um Neuerkrankungen zu verhindern. Zudem kann der Krankheitserreger E. coli, der häufigste Erreger von Harnwegsinfektionen, langanhaltende Veränderungen in der Blasenschleimhaut verursachen, die zu einer erhöhten Anfälligkeit führen. Auch eine genetische Prädisposition kann das Risiko erhöhen.
Was sagen die aktuellen Leitlinien?
Angesichts des weltweiten Anstiegs der Antibiotikaresistenzen nimmt die Bedeutung von nicht-antibiotischen Therapien zu. Dies steht im Einklang mit der Strategie des Bundesamtes für Gesundheit. Dazu gehören auch Medikamente zur Stärkung des Immunsystem. Eine systematische Übersichtsarbeit analysierte 14 Vergleichsstudien – darunter acht mit Placebo-Kontrolle – mit über 2800 Frauen zur Wirksamkeit von fünf Präparaten gegen verschiedene Blasenerreger zur Vorbeugung wiederkehrender Blasenentzündungen. Frauen, die mit Immunmodulatoren behandelt wurden, hatten eine um etwa 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, innerhalb von einem halben bis einem Jahr keine neue Blasenentzündung zu bekommen, verglichen mit einem Placebo. Die Wirksamkeit variierte je nach verwendeten Immunmodulatoren. Nicht alle Präparate sind in der Schweiz erhältlich.
Gibt es wissenschaftlich untersuchte Möglichkeiten, das Immunsystem bei Harnwegsinfekten gezielt zu stärken?
Das einzige in der Schweiz zugelassene Präparat ist eine orale Therapie mit Tabletten aus getrockneten Bakterien. Studien zeigen über einen Zeitraum von sechs Monaten, dass bis zu 88 Prozent der Behandelten keine Harnwegsinfektionen hatten, verglichen mit 50 Prozent in der Placebogruppe und 70 Prozent bei einer Antibiotikaprophylaxe. Im Ausland ist das Angebot breiter: Es gibt eine Impfung aus abgetöteten Bakterien von verschiedenen Stämmen, die eine Senkung der Infektionsrate um 26 bis 93 Prozent zeigte. Doch fand eine gross angelegte Studie keinen signifikanten Unterschied zum Placebo. Ein weiteres Präparat ist ein Mundspray, der wiederkehrende Harnwegsinfektionen verringern kann. Untersucht wurde die Immunstimulation durch das vaginale Einführen von hitzeabgetöteten typischen Blasenerregern, was die Rückfallquote im Vergleich zu Placebo deutlich verringert: 50 Prozent infektionsfrei gegenüber 14 Prozent mit Placebo. Immunmodulatoren zur Behandlung von Blasenentzündungen gelten als sicher.
Was raten Sie einer Patientin, die sich vom Antibiotikakarussell befreien möchte und nach einer nachhaltigen Lösung sucht?
Das Karussell der ständigen Infekte lässt sich häufig stoppen. Einerseits durch die Prophylaxe mit Immunmodulatoren und andererseits durch eine alternative Behandlung der akuten Infektion, wenn diese trotzdem mal auftreten sollte. Antibiotika helfen kurzfristig, doch können sie das Mikrobiom von Blase, Scheide und Darm nachteilig verändern und resistente Bakterien hervorrufen. Dies wiederum erhöht das Risiko für wiederkehrende und schwer behandelbare Harnwegsinfektionen. Vor einer erneuten Antibiotikagabe sollte zudem abgeklärt werden, ob tatsächlich ein bakterieller Infekt vorliegt und nicht ein anderes Problem, wie zum Beispiel eine Reizblase. Zunächst sollten Risikofaktoren wie Östrogenmangel, beeinträchtigte Scheidenflora, Restharnbildung oder allenfalls Scheidensenkung korrigiert werden. Je nach individueller Situation stehen nicht-antibiotische Massnahmen für die Behandlung der akuten Infektion zur Verfügung: lokale Östrogenisierung, Laktobazillen, Entzündungshemmer, pflanzliche Präparate, D-Mannose oder Preiselbeersaft. Bei ausbleibender Besserung haben wir gute Erfahrung mit Hyaluronsäure und Chondroitinsulfat gemacht. Sie werden in die Blase eingeflösst und helfen, die Schutzbarriere zu reparieren. Antibiotika sollten dagegen, wenn möglich, zurückhaltend eingesetzt werden, das heisst z. B. bei einem eindeutigen Infekt, der nicht ohne abheilt oder mit Komplikationen wie Fieber verbunden ist und idealerweise gezielt nach Nachweis von Erregern. Dieses Vorgehen erfordert Geduld, da der Wiederaufbau einer stabilen Blase Zeit benötigt.
Es fehlt an fundiertem Wissen
Sieben von zehn Frauen wissen nicht, dass man mit einer Immuntherapie wiederkehrende Blasinfektionen wirksam vorbeugen kann. Das zeigt unsere Umfrage. Knapp ein Drittel der befragten Frauen geben an, dass sie zwei bis drei Blaseninfektionen pro Jahr haben. Ein Fünftel leidet sogar vier bis sechs Mal darunter. Ein Viertel der betroffenen Frauen nimmt Antibiotika, weil sie den quälenden Zustand so schnell wie möglich beenden wollen. 40 Prozent fürchten sich vor Resistenzen und behelfen sich mit pflanzlichen Präparaten, D-Mannose oder Preiselbeersaft und dem Ratschlag, viel zu trinken. Welche Rolle das Immunsystem bei Blaseninfektionen spielt, ist den wenigsten Frauen bekannt. 70 Prozent haben noch nie davon gehört. Knapp ein Fünftel der betroffenen Frauen kann sich aber vorstellen, dass ein Zusammenhang besteht und bestätigen, dass bei jeder neuen Infektion ihr Immunsystem geschwächt war. Ob sich eine Immuntherapie für Sie eignet, besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt.
Weitere Infos:
Blasenzentrum Zürich
www.blasenzentrum.ch
