Natürlich sollen sich möglichst viele Menschen gegen Corona impfen. Und das machen sie auch. Rekordhohe 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung wollen das tun. Von einer Impfeuphorie ist schon die Rede. Erstaunlich ist das nicht. Denn das Impfzertifikat, das im Juni gestaffelt eingeführt werden soll, relativiert die freie Wahl, sich impfen zu lassen. Vielmehr erzeugt es auf jeden Einzelnen gehörigen Druck. Denn wer möchte im Sommer nicht an ein Konzert gehen oder Ferien machen können, wo und wie das Herz begehrt?
Der Impfpass wiegt in falscher Sicherheit
Doch ist der digitale Impfpass wirklich das Tor zur Welt und zu wiedergewonnener Lebensfreude oder schafft es nur Probleme? Erstens vermittelt er eine falsche Sicherheit. Dass eine geimpfte Person nicht mehr ansteckend ist, stimmt so nicht. Denn die Impfung vermittelt längst keinen hundertprozentigen Schutz. So sind nun auch in der Schweiz weit über 100 Impfdurchbrüche bekannt. Zweitens weiss im Moment niemand, wie lange der Schutz anhält. Sechs Monate, ein Jahr, zwei Jahre? Entsprechend kurz ist das Verfalldatum eines Impfnachweises. Und welchen Wert hat ein solcher Nachweis, wenn plötzlich eine Variante auftaucht, gegen die die gängigen Impfstoffe nicht mehr oder nur beschränkt wirksam sind? Drittens schafft ein Zertifikat zwei Klassen von Menschen. Solche, von denen scheinbar keine Bedrohung mehr für die Gesellschaft ausgeht. Und solche, die als potenziell gefährlich gelten.
Es ist äusserst problematisch, wenn ein Zertifikat an Grundrechte gekoppelt wird, nämlich sich frei bewegen zu können. Es passt auch schlecht zum Versprechen, dass Impfen in Europa freiwillig sein soll. Bundesrat Alain Berset versichert, das Zertifikat sei nur eine vorübergehende Erscheinung und werde nicht für die Ewigkeit gelten. Je später der Impfpass kommt, je mehr Menschen sich impfen lassen, desto überflüssiger wird er. Klingt paradox, ist aber so.
Die Geimpften schützen die Ungeimpften
Wenn ein ausreichender Teil der Bevölkerung geimpft ist, gibt es keine Berechtigung und auch keinen Bedarf mehr für Impfnachweise. Mindestens nicht im Inland. Die Vorstellung, am Eingang einer Bar oder Restaurants die eigene Immunität beweisen zu müssen, ist unerträglich. Für Auslandreisen wird das Zertifikat hingegen wohl unumgänglich bleiben. Leider. Wenn sich viele Menschen impfen lassen, wird es das Virus extrem schwer haben, sich weiter zu verbreiten. Die vielen Geimpften werden die wenigen Ungeimpften schützen. Dazu braucht es keinen Impfpass. Oder ist er am Ende nur dazu da, um uns zum Impfen zu zwingen? Und welcher Pass kommt als nächstes? Ein Aids-Pass? Wäre doch auch nötig für einen freien Personenverkehr.