Der Fortschritt ist enorm

Heute dank moderner Therapien behandelbar. Dr. Rouven Müller sagt, ­weshalb man sich mit einem Multiplen Myelom immer an ein universitäres Zentrum wenden sollte.

Myelom
Mikroskopisches Bild eines Knochenmarkausstriches mit für die Erkrankung typischer Infiltration durch bösartige Plasmazellen: bläuliche Zellen mit exzentrisch liegendem Zellkern.

Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung der Plasmazellen und eine der häufigsten malignen Erkrankungen des Blutes. Gesunde Plasmazellen sind ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems und verantwortlich für die Produktion von Antikörpern. Diese Abwehrstoffe spielen bei der Kontrolle von Infektionen eine entscheidende Rolle. Während gesunde Menschen ein grosses Repertoire unzähliger verschiedener Plasmazellen haben, die jeweils Antikörper gegen unterschiedliche Ziele bilden, führt die Entartung einer Plasmazelle zum Verlust der natürlichen Wachstumskontrolle und zur Ansammlung identischer Tochterzellen, die alle denselben Antikörper produzieren.

Unterschiedliche Beschwerden und Symptome

Die Beschwerden und Symptome, die den Patienten zum Arzt führen, sind sehr unterschiedlich. Man versteht sie, wenn man sich das natürliche Vorkommen und Verhalten der Plasmazellen vor Augen führt. Plasmazellen finden sich beim gesunden Menschen überwiegend im Knochenmark, dem Ort der Blutbildung. Die Entartung führt zu unkontrollierter Teilung und Infiltration des Knochenmarkes durch bösartige Plasmazellen mit Verdrängung der gesunden Blutbildung. Folge ist eine Blutarmut mit Müdigkeit und verminderter Belastungsfähigkeit. Durch die Ansammlung von Plasmazellen im Knochenmark werden natürliche Knochenumbauvorgänge aus dem Gleichgewicht gebracht. Resultat ist vermehrter Knochenabbau, der zu Instabilität bis hin zu Knochenbrüchen führen kann. Im Röntgenbild oder Computer­tomogramm sieht man wie ausgestanzt wirkende Aufhellungen, sogenannte Osteolysen. Das aus dem Knochen freigesetzte Kalzium macht eine Erhöhung des Blutkalziumspiegels und kann zu Herzrhythmusstörungen und zur Beeinträchtigung des Nervensystems führen. Die übermässige Produktion eines Antikörpers bewirkt einen Verlust der Diversität des Immunsystems und eine Neigung zu Infekten sowie Organschädigung, beispielsweise der Niere durch Verstopfung der Harnkanälchen mit abnormem Anti­körpereiweiss.

Ziel ist rasche Reduktion der Krankheitsaktivität

Die Behandlung des Multiplen Myeloms umfasst in der Regel eine einleitende Thera­pie mit einer Kombination verschiedener Medikamente mit dem Ziel einer raschen Reduktion der Krankheitsaktivität. Darauf folgt eine Hochdosistherapie mit anschlies­sender Rückgabe zuvor gesammelter eigener Blutstammzellen. Nach der Hochdosis-Chemotherapie und der Ausscheidung der toxischen Substanzen werden die Stammzellen per Infusion in die Blutbahn zurückgeführt. Danach suchen diese sich ihre natürliche Nische im Knochenmark und sind in der Lage, das gesamte blutbildende System erneut aufzubauen. Eine sich an die Hochdosistherapie anschliessende Erhaltungstherapie mit Wirkstoffen in Tablettenform gehört mittlerweile zum Standard und hat in Studien eine deutliche Verbesserung des Behandlungsergebnisses gezeigt. Patienten, die sich aufgrund schwerer Begleiterkrankungen, hohen Alters oder anderer Ursachen nicht für eine intensive Hochdosistherapie und Blutstammzelltransplantation eignen, erhalten eine angepasste Kombinationstherapie.

Jeder Patient sollte nach der Diagnose im interdisziplinären hämato-onkologischen Tumorboard am Zentrum vorgestellt werden, um einen optimalen Behandlungs­plan zu erhalten, angepasst an das individuelle Risikoprofil und an eventuelle Be­gleiterkrankungen. Zu Beginn der Therapie muss geprüft werden, ob der Patient für eine intensive Hochdosistherapie mit Rückgabe seiner eigenen Stammzellen in Frage kommt. In seltenen Fällen kann eine Transplantation von allogenen, das heisst, von verwandten oder nicht verwandten Fremdspendern gewonnenen Stammzellen geprüft werden. Durch Einschluss in klini­sche Studien am universitären Zentrum erhält der Patient Zugang zu neuen Therapiekonzepten wie Antikörpertherapien in der Erstlinienbehandlung oder – bei einem Rückfall – eine an die Situation und die Vortherapie optimal angepasste Behandlung. Auch hier werden therapeutische Weiterentwicklungen wie beispielsweise bispezifische Antikörper im Rahmen von Studien zur Verfügung stehen. Optionen, die unbedingt vor jeder erneuten Therapie geprüft werden sollten.

Das Multiple Myelom gilt bis auf wenige Ausnahmen noch heute als nicht heilbare Tumorerkrankung. Allerdings haben die Fortschritte der vergangenen Jahre in der Entwicklung neuer, zielgerichteter Medikamente dazu geführt, dass durch optimale Wahl und Abfolge der verschiedenen Therapien häufig eine langjährige Kontrolle der Erkrankung bei guter Lebensqualität möglich ist. Zahlen verdeutlichen dies. Im Vergleich mit der Situation vor 20 Jahren haben wir nahezu eine Verdopplung des mittleren Gesamtüberlebens. Ein Trend, den es durch kontinuierliche Verbesserungen in der Therapie fortzusetzen gilt.

Die Kontaktgruppe

Die Myelom Kontaktgruppe Schweiz versucht, durch Informationen, in schriftlichen, telefonischen und persönlichen Kontakten unter Betroffenen und mit Ärzten, das Leben für Patienten mit Multiplem Myelom und ihren Angehörigen zu verbessern.

www.multiples-myelom.ch

Dr. Rouven Müller
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13.06.2019. Setzte ein Lesezeichen permalink.

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