Warum ist Herz-Kreislauf-Forschung heute wichtiger denn je?
Krebsforschung ist für viele Menschen selbstverständlich. Doch wenn es um Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht, fehlt oft das gleiche Bewusstsein. Dabei sind sie nach wie vor die häufigste Todesursache in Europa. Die Führung der European Society of Cardiology, der grössten medizinischen Gesellschaft von Herzspezialisten, hat gemeinsam mit der EU den Cardiovascular Health Plan ins Leben gerufen. Damit sollen vorzeitige und vermeidbare Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Krankheiten durch wirksame Prävention und innovative Forschung reduziert werden. Denn die kardiovaskuläre Prävention war noch nie so wichtig wie heute. Der Grund: Mit dem Anstieg der Fettleibigkeit nehmen auch Folgeerkrankungen wie Diabetes, Fettleber, Niereninsuffizienz und chronische Entzündungen zu. Wir sprechen hier von einer neuen Pandemie – und das betrifft fast alle Länder.
Warum kommen wir trotz Fortschritt nicht weiter?
Wir wissen heute sehr viel, aber wir setzen es nicht um! Die Menschen werden immer dicker. Und sie werden immer älter. Ab 50 steigt das Risiko deutlich. Und mit der Langlebigkeit steigt auch die Zahl der Betroffenen. Und es gibt noch einen dritten, oft unterschätzten Faktor, die Umwelt.
Wie belastet die Umwelt unser Herz?
Luftverschmutzung, Mikroplastik, Nanopartikel, all das gelangt in die Lungen oder in den Darm und danach in die Gefässe und fördert Entzündungen. Auch Lärm, insbesondere in der Nacht, stört den Schlaf und führt zu sogenannten arousals, also Stressreaktionen. Dauerlicht stört unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Der ideale Schlaf liegt bei sieben bis acht Stunden, weniger ist ungesund, mehr aber auch. Schlafmangel beeinflusst auch das Gewicht. Leptin, das Sättigungshormon, wird nachts ausgeschüttet. Wer zu wenig schläft, hat weniger Leptin und dementsprechend mehr Appetit.
Wie schädlich ist Stress?
Stress ist ein weiterer, oft unterschätzter Faktor. Er ist subjektiv, aber messbar. Studien zeigen, dass eine überaktive Amygdala – das Angstzentrum im Mittelhirn, wo unsere Emotionalität reguliert wird – mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignissen in den nächsten zehn Jahren einhergeht. Besonders betroffen sind postmenopausale Frauen. Wir beginnen erst zu verstehen, wie stark das Gehirn unser Herz beeinflusst. Ungesunder Stress hat direkte Auswirkungen auf die Gefässe.
Was für eine Rolle spielt die Vererbung?
Natürlich spielt auch die Genetik eine Rolle. Es gibt Menschen, die können leben, wie sie wollen und bleiben gesund. Andere sind genetisch vorbelastet. Doch ein schlechtes genetisches Risikoprofil lässt sich durch einen gesunden Lebensstil deutlich abmildern. Wer sich mediterran ernährt, nicht raucht, sich bewegt und soziale Kontakte pflegt, kann sein Risiko auf das Niveau genetisch weniger belasteter Menschen senken. Das genetische Risikoprofil ist also durch unser Verhalten stark modulierbar.
Welches sind die Säulen der Herz-Kreislauf-Prävention?
Wer mehr Gemüse und Früchte isst – also mehr Kalium aufnimmt – hat meist einen tieferen Blutdruck. Auch Bewegung wirkt sich blutdrucksenkend aus. Ein hoher Blutdruck erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Hirnschlag und vaskuläre Demenz – eine Form der Demenz, die häufiger ist als Alzheimer und oft durch Bluthochdruck und Vorhofflimmern verursacht wird. Auch das LDL-Cholesterin, das in zu hohen Konzentrationen im Blut zur Arteriosklerose führt, wird durch einen gesunden Lebensstil gesenkt. Jeder sollte seine Blutdruck-, Cholesterin- und Blutzuckerwerte kennen und wissen, ob sie im guten oder schlechten Bereich liegen.

Was macht die Herzstiftung?
Die Schweizerische Herzstiftung fördert jährlich rund 30 Forschungsprojekte mit insgesamt 2,5 Millionen Franken. Wir unterstützen sowohl Grundlagen- als auch klinische Forschung. Die Gesuche werden international begutachtet, um höchste Qualität sicherzustellen. Es gibt zwei Schwerpunkte: neurovaskuläre, also Hirnschlagforschung und klassische Herz-Kreislauf-Forschung. Darüber hinaus setzt sich die Stiftung für einen gesunden Lebensstil, die Lebensrettung und die Prävention ein und bietet umfangreiche Informationen für Betroffene.
Braucht es im Gesundheitswesen neue Anreize?
Die grösste Herausforderung ist die Umsetzung des bereits Bekannten. Wir wissen, wie man Blutdruck, Cholesterin und Gewicht senkt, aber es wird zu wenig umgesetzt. Ein Grund sind falsche Anreize. In England erhalten Ärztinnen und Ärzte mehr Geld, wenn sie die Zielwerte ihrer Patienten erreichen. In der Schweiz ist es leider umgekehrt: Komplikationen bringen mehr Honorar. Ich plädiere deshalb für ein Honorierungssystem aufgrund der Zielerreichung und für mehr Selbstverantwortung der Patientinnen und Patienten. Wer sich gesund verhält, muss in irgendeiner Form dafür belohnt werden, zum Beispiel durch tiefere Prämien.
Was für eine Rolle spielen Alkohol und Zucker?
Alkohol ist ein Neurotoxin. Er erhöht den Blutdruck, fördert Vorhofflimmern und Demenz. Studien zeigen eine klare lineare Beziehung zwischen Alkoholkonsum und kognitivem Abbau. Meine Empfehlung: maximal zwei bis drei Gläser pro Woche. Auch industriell verarbeitete Lebensmittel, Softdrinks und künstliche Süssstoffe sind problematisch. Die permanente Verfügbarkeit von Essen – 24 Stunden am Tag – ist ein Problem. Wir sind auf Mangel programmiert, leben aber im Überfluss.
Was für einen Einfluss haben die steigenden Temperaturen auf unser Herz?
Wir unterschätzen den Einfluss der Klimaerwärmung massiv. Eine aktuelle Studie aus Abu Dhabi zeigt: Junge Arbeiter, die bei 50 Grad im Freien arbeiten, erleiden mit 40 Jahren Herzinfarkte – verursacht durch Hitzestress und in der Folge Gerinnselbildung. In der Schweiz waren Infarkte früher vor allem bei Kälte häufig. Jetzt sehen wir: Auch Hitze ist gefährlich.
Was müssen wir jetzt tun?
Wir brauchen mehr Aufklärung, mehr Anreize, mehr Verantwortung – auf allen Ebenen. Die Patientinnen und Patienten, die Ärztinnen und Ärzte, die Politik, die Industrie, alle müssen mitziehen. Die Schweizerische Herzstiftung steht hier vor einer Herkulesaufgabe.
Ihre wichtigste Botschaft?
Herzgesundheit ist kein Zufall. Sie ist beinflussbar. Und sie beginnt bei jedem Einzelnen von uns.
Diese Forschung rettet Leben
In der Herz-Kreislauf-Medizin werden fast alle Krankheiten nur symptomatisch und nicht ursächlich behandelt. Vielen Krankheitsbildern stehen wir deshalb nach wie vor hilflos gegenüber. Die Schweizerische Herzstiftung setzt sich mit Forschungsförderung dafür ein, dass Prävention, Diagnose und Therapie verbessert werden.
Dank der Forschungsförderung können neue und effektivere Behandlungsmethoden entwickelt werden. Das bedeutet kürzere Krankenhausaufenthalte, eine schnellere Genesung und Lebensqualität für die Betroffenen. Die Erforschung neuer Eingriffe und Therapien ist ein wichtiger Schritt, um Krankheiten wie Herzinfarkt, Hirnschlag und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekämpfen.
Zudem unterstützt die Schweizerische Herzstiftung junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit Stipendien und Forschungsprogrammen. Das sichert nicht nur den Fortschritt, sondern auch die Zukunft der medizinischen Forschung in der Schweiz.
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