Der Vagusnerv gilt als eine Art Datenautobahn zwischen Gehirn und Körper. Er ist an zentralen körperlichen Funktionen beteiligt, unter anderem an der Regulation von Herz, Verdauung und Teilen des autonomen Nervensystems. Dass eine gezielte Stimulation dieses Nervs physiologische Effekte haben kann, ist unbestritten.
Problematisch wird es dort, wo ein Universalversprechen gemacht wird. Plötzlich soll ein kleines Gerät am Ohr nicht nur zur Entspannung beitragen, sondern gleichzeitig das Immunsystem regulieren, Entzündungen reduzieren, den Schlaf verbessern, Ängste lindern, die Konzentration steigern, die Herzgesundheit verbessern und die Leistungsfähigkeit erhöhen.
Diskrepanz zwischen Forschung und Marketing
Die invasive Vagusnerv-Stimulation mit einem implantierten Stimulator ist seit Jahren ein medizinisch etabliertes Verfahren für bestimmte Erkrankungen. Daneben wird intensiv an nicht-invasiven Verfahren gearbeitet, beispielsweise an der transkutanen aurikulären Vagusnerv-Stimulation, bei der elektrische Reize über bestimmte Bereiche des Ohres gesetzt werden.
Die Studien bestätigen jedoch keinen verlässlichen antiinflammatorischen Effekt der Vagusnerv-Stimulation beim Menschen. Ein weiteres beliebtes Verkaufsargument ist die angebliche Beruhigung des Nervensystems. Solche und ähnliche schwammige Konzepte sind wissenschaftlich unhaltbar. Besonders gross ist die Diskrepanz zwischen Forschung und Marketing dort, wo Vagusnerv-Stimulation als Biohacking- oder Selbstoptimierungsinstrument angepriesen wird. Hier ist eine grosse Portion Skepsis angebracht.