Der verlorene Mann oder der Irrtum mit dem Testosteron

Wenn alternde Männer lustlos und dick werden, liege das an den Wechseljahren, behaupten viele Ärzte. Und verschreiben für einen besseren Lifestyle Testosteron. Dabei müsste man ein ernstes Wörtchen mit ihnen reden.

Testosteron Bild AdobeStock Urheber thodonal
Bild: AdobeStock, Urheber: thodonal

Andropause, Wechseljahre, Aging-Male-Syndrom. Mit diesen Begriffen will uns die Gesundheitsindustrie weismachen, dass irgendwann jeder Mann zum Kandidaten für eine Testosteron-Behandlung wird. Das Lifestyle-Hormon soll für mehr Muskeln, weniger Fett, gute Laune und harten Sex sorgen und ihm Lebensqualität, ja ewige Jugend zurückgeben. Wenn dem bloss so wäre.

Hormonspiegel schwanken enorm

Steckt hinter emotionalen Verstimmungen, Leistungsabfall und mangelnder Libido wirklich immer ein Testosteron-Mangel? Eine Andropause gibt es nicht. Im Gegensatz zu Frauen sinkt der Hormonspiegel bei Männern nicht abrupt, sondern schon ab Mitte 20 kontinuierlich. Die Hormonpegel sind dabei von Mann zu Mann sehr unterschiedlich und hängen stark von den Lebensgewohnheiten ab. Einige Männer haben schon mit 40 tiefe, andere noch mit 70 hohe Werte. Die einen sind munter und voll leistungsfähig, obwohl sie tiefe Testosteron-Spiegel haben. Andere sind depressiv und leiden unter Schlafstörungen, obwohl ihr Testosteron normal oder sogar erhöht ist.

Kein Testosteron ins Blaue hinaus

Der Testosteron-Wert allein ist überhaupt nicht aussagekräftig Und vor allem ist ein erniedrigter Wert nicht automatisch behandlungsbedürftig. Weder ist Testosteron ein Geheimtipp gegen das Altern noch der Schlüssel für eine grandiose Potenz. Bis heute ist noch weitgehend unklar, ob Testosteron-Präparate Männern in der Lebensmitte überhaupt einen Nutzen bringen. Dringend gewarnt werden muss von Testosteron-Therapien ins Blaue hinaus. Die Palette gravierender Nebenwirkungen und Langzeitschäden ist riesig. Um zu wissen, ob bei einem Patienten wirklich ein Testosteron-Mangel vorliegt, braucht es eine sorgfältige Abklärung, und zwar nicht in einem Zentrum, das Testosteron-Präparate auch noch selber verkauft.

Trauer über verpasste Lebensziele

Die meisten Symptome, die im Zusammenhang mit dem Aging-Male-Syndrom genannt werden, müssen keineswegs hormonelle Ursachen haben. Oft sind sie schlicht und einfach altersbedingt. Organfunktionen lassen im Alter nun mal nach. Dagegen kann sich auch der stärkste Mann nicht wehren. Vielmehr sollte er sich diesem Prozess auf eine gelassene und kluge Art stellen. Freude und Dankbarkeit über das Erreichte gehören genauso dazu wie Trauer über verpasste Lebensziele. Zugegeben, in einer Spass- und Überflussgesellschaft, wo ältere Menschen als Ballastexistenz angesehen werden, fällt das oft nicht leicht. Aber allein der Versuch lohnt sich, nicht mehr einfach unbedarft in den Tag hineinzuleben, sondern die enger werdenden Grenzen demütig zu akzeptieren.

Das Zeitfenster schliesst sich

Dazu gehört auch, sich mehr Zeit für sich selbst und die eigene Gesundheit zu nehmen. Fast die Hälfte der Männer über 50 ist zu dick. Das sagt eigentlich schon alles aus. Wer abspeckt und sich mehr bewegt, kann bis zu 30 Prozent mehr eigenes Testosteron bilden. Auch Alkoholkonsum und Medikamentengebrauch muss jeder Mann kritisch unter die Lupe nehmen. Beides hat einen grossen Einfluss auf das psychische und körperliche Wohlbefinden – sowie die geistige und körperliche Potenz. Männer um die 50 sollte man mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass sie sich in einem günstigen Zeitfenster befinden, das nur noch zwei bis fünf Jahre offen ist, bevor es zu einem Herzinfarkt oder Hirnschlag kommen kann.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 03.09.2020.

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