Manche Frauen schreien wie am Spiess, wenn nur schon eine Hand in die Nähe ihrer Genitalien kommt. Der Gedanke an eine Penetration löst bei ihnen unheimliche Schmerzen aus. Beim Vaginismus zieht sich die Beckenbodenmuskulatur und der vordere Drittel der Vagina unwillkürlich, reflexartig zusammen, so dass oft nicht einmal mehr ein o.b., geschweige denn ein Penis, eingeführt werden kann.
Vaginismus ist mit viel Scham behaftet
«Beim Vaginismus handelt es sich um eine psychosomatische Funktionsstörung der Frau. Das heisst, dass keine unmittelbaren körperlichen Ursachen bestehen, der Schmerz aber trotzdem real ist. Oft bleibt Vaginismus unerkannt, obwohl schätzungsweise 5 bis 17 Prozent der Frauen im klinischen Setting darunter leiden», erklärt Sexologin Sarah Graf. In ihrer Praxis behandelt sie auch Frauen, bei denen jede Art von Penetration unmöglich ist. «Das Thema ist mit grosser Scham behaftet. Vaginismus beginnt oft im Teenageralter, etwa beim Einführen eines Tampons, bei der ersten Menstruation oder beim ersten gynäkologischen Besuch. In anderen Fällen ist eine schwere Geburt oder ein traumatisches Erlebnis der Grund. Egal, wie alt die Frauen sind, alle haben das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und getrauen sich aus lauter Scham nicht, mit jemandem darüber zu sprechen.»

Sarah Graf, Sexologin MA, Paartherapeutin, www.sarah-graf.ch
Dass das Thema ein Tabu ist, merkt Sarah Graf auch bei ihren Schulbesuchen im Rahmen des Aufklärungsunterrichts in Oberstufen. «Vaginismus sagt den Jugendlichen nichts. Genau deshalb erzähle ich ihnen davon. Sie müssen wissen, dass es dafür Hilfe gibt.» Den Erwachsenen geht es übrigens gleich. Wenn man sexuell nicht funktioniert, fühlt man sich als Versagerin und schweigt lieber. «Dabei wäre es wichtig, frühzeitig zu handeln. Denn je länger man wartet, desto grösser das Risiko für Begleiterkrankungen wie Depressionen, Beckenbodensenkung oder chronische Blasenbeschwerden. Auch Beziehungsprobleme oder ein unerfüllter Kinderwunsch sind möglich Folgen.»
Der Penis scheint riesig, die Vagina winzig
Die Behandlung von Vaginismus erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Er sollte immer den Körper und die Psyche miteinbeziehen. «Die Therapieziele sind eine Verbesserung und Kontrolle über die Beckenbodenmuskulatur, die Reflexion von Ängsten und Glaubenssätzen sowie die Linderung von Schmerzen», sagt Sarah Graf. Beim Zeichnen von Genitalien zeigen Vaginismus-Betroffene häufig ein verzerrtes Bild: der Penis wird übergross, die Vagina sehr klein dargestellt. Aufklärungsarbeit, etwa das Verständnis der Vagina als anpassungsfähiges Organ, stärkt das Körpervertrauen und unterstützt den therapeutischen Prozess.
Auch Männer können helfen
Sind die Frauen in einer gefestigten Partnerschaft, kommt teils auch der Mann mit in die Therapie. «Meistens in dem Moment, wenn ein Paar sich ein Kind wünscht. Ich erinnere meine Klientinnen und Klienten auch immer wieder daran, dass eine erfüllende Sexualität keine Penetration braucht. Es gibt sehr kreative und unendlich viele Wege, um ein erfülltes Sexleben zu haben. Aber wenn die Angst vor einer Penetration die Lust nimmt, dann sollte man wissen, dass man damit nicht alleine ist und dass man etwas dagegen unternehmen kann.»
Kontakt:
Sarah Graf
Sexologin – Sexualberatung und Sexualpädagogik
www.sarah-graf.ch