Die Blase und der Schock unter der Dusche

Dr. med. Daniele Perucchini vom Blasenzentrum am Stadelhoferplatz in Zuerich PD Dr. med. Daniele Perucchini, Schwerpunkt Urogynäkologie FMH, Schwerpunkt operative Gynäkologie/Geburtshilfe FMH, www.blasenzentrum.ch

Ist es falsche Scham oder einfach nur Angst vor einer schlimmen Erkrankung? «Meistens kommen die Frauen erst zu uns, wenn die Blase bereits sicht- und tastbar nach aussen schaut. Beim Duschen geht ein grosser Schreck voraus», sagt PD Dr. med. Daniele Perucchini, Urogynäkologe am Blasenzentrum Zürich. «Dann, wenn die Patientinnen plötzlich die Senkung ertasten. Leider wissen die Frauen auch heute noch viel zu wenig über dieses Tabu-Thema.» Dabei sei nichts Schlimmes daran. Es gäbe einige Dinge, die das Risiko einer Senkung erhöhen, und es gäbe Anzeichen, die vorgängig zumindest auf die Möglichkeit einer Senkungsthematik hinweisen würden.

Eine Schwangerschaft erhöht das Risiko

«Ja, es ist tatsächlich so. Frauen, die auf natürliche Art und Weise gebären, haben ein zehn Mal höheres Risiko für Blasensenkungen und ein doppelt so grosses für Inkontinenz wie Frauen, deren Kinder per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind», sagt Daniele Perucchini. «Die Beckenbodenmuskulatur und das Beckenbodenbindegewebe können während der Schwangerschaft oder bei der Geburt verletzt werden. Das erkennt man oft nicht sofort.»

Eine Rolle spielen auch das Alter der Mutter bei der Geburt, das Geburtsgewicht des Kindes, die Körpergrösse der Mutter und ihr allfälliges Übergewicht; des Weiteren eine mögliche genetisch veranlagte Bindegewebsschwäche sowie die hormonellen Veränderungen in den Wechseljahren und der Zeit danach. Häufiges schweres Heben von Gegenständen, intensives Husten und dauerndes Pressen beim Stuhlgang wegen Verstopfung belasten die Blase ebenfalls und können sie mit der Zeit immer mehr in Richtung Scheidenausgang drücken. Und nicht nur die Blase. Auch die Gebärmutter und der Darm können von Senkungen betroffen sein.

Für die Diagnose braucht es einen Spezialisten

«Es ist für die Frauen nicht ganz einfach, eine drohende Blasensenkung zu erkennen. Die Begleiterscheinungen können häufiges Wasserlassen, unvollständige Blasenentleerung oder ungewollter Urinverlust sein», so der Facharzt. «Diese Symp­tome haben auch andere Ursachen. Und es gibt Mischformen. Und viele Patien­tinnen wissen nicht, dass Inkontinenz auch ohne Senkungsbefund häufig ist. Für eine genaue Analyse ist die Untersuchung bei einem erfahrenen Spezialisten oder einer Spezialistin erforderlich. Nicht in jedem Fall ist eine Therapie nötig und eine Operation oft erst dann, wenn Becken­bodentraining und andere Massnahmen nicht genügend helfen. Entscheidend ist der Leidensdruck.»

Was rät der Urogynäkologe den Frauen? «Sie sollen auf ihren Körper hören! Wenn sie das Gefühl eines Fremdkörpers, einer Missempfindung oder sogar eine Vorwölbung beim Scheideneingang feststellen, empfehle ich eine Untersuchung beim Facharzt. Das Problem ist häufig, rund ein Fünftel aller Frauen­ wird heute wegen einer Senkung operiert. Und doch wissen die ­wenigsten ­darüber Bescheid.»

Beckenbodentraining oder OP

Wie wird eine Blasensenkung heute behandelt? «Bei leichten Beschwerden mit ­Beckenbodentraining und mit stützenden Pessaren, die von der Betroffenen am Morgen selbstständig in die Scheide eingeführt und am Abend wieder entfernt werden. Mit Östrogensalben direkt in der Scheide kann der Kollagenstoffwechsel verbessert werden. Und letztlich gibt es heute sehr gute Operationsmöglichkeiten. Dabei hat sich Eigengewebe bewährt. Der Zugriff erfolgt meist minimal invasiv durch die Scheide. Je nach Präferenzen des Operateurs und aufgrund der Untersuchungsbefunde kommen auch Kunststoffnetze zum Einsatz. Sie werden via Bauchspiegelung platziert. In der Schweiz gibt es einen Schwerpunkttitel für Urogynäkologie. Erfahrene Operateure haben eine gute Erfolgsquote.»

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