Die Heilkraft der Düfte

Die konzentrierte Kraft der Pflanzen. Aromatherapie hilft bei Erkältungen, hebt die Stimmung und kann Antibiotika reduzieren.

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Bild Adobestock, Urheber jchizhe

Bei wem liegt auch eine mit Nelken bestückte Orange in der Früchteschale? Im Winter gibt es kaum eine beliebtere Deko. Aus aromatherapeutischer Sicht macht das durchaus Sinn. Der frische Duft der Orange hilft nämlich gegen Müdigkeit. Dass das nicht nur irgendeine Grossmuttertheorie ist, belegen mittlerweile viele Studien. Pflanzenöle wirken bei unterschiedlichen gesundheitlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen oder Hautproblemen.

Trotzdem werden die Düfte immer wieder mit Esoterik in Verbindung gebracht. «Damit hat Aromatherapie absolut nichts zu tun», erklärt Dr. Maja Dal Cero. «Im Gegenteil, es handelt sich dabei um hochkonzentrierte Pflanzeninhaltsstoffe.» Die Ethnobotanikern ist in der Schweiz eine gefragte Expertin. «Pflanzen haben mich schon immer fasziniert, und auch aus wissenschaftlicher Sicht ist dieses Gebiet unglaublich spannend.»

Jedes Öl löst eine andere Reaktion aus

Trifft man die 53-Jährige zum Gespräch, fischt sie schon nach ein paar Minuten die ersten Fläschchen aus dem Rucksack. Sie gibt ein paar Tropfen auf einen Papierstreifen und fordert zum Schnuppern auf. «Es ist spannend, jedes Öl löst eine andere Reaktion aus», sagt sie. Was immer gleich ist, sie erfolgt unverzüglich. Die Duftstoffe werden vom Riechkolben in elektrische Impulse umgewandelt und gelangen direkt ins limbische System. Darunter versteht man den Teil des Gehirns, der alle Emotionen wie Angst, Freude oder Wut kontrolliert. Er hat aber auch Einfluss auf die Libido, auf vegetative Funktionen und das Gedächtnis.

«Düfte wirken immer individuell», sagt Maja Dal Cero. Das erschwert die Anwendung in der Medizin. «Wenn Laborstudien herausfinden, dass Lavendel schlaffördernd ist, dann kann man das trotzdem nicht verallgemeinern. Wer den Duft nicht mag, kann sich nicht entspannen.» Eine andere Möglichkeit ist es, ätherische Öle einzunehmen. «Dann setzt die Wirkung so oder so ein, einfach das Dufterlebnis fehlt», erklärt die Ethnobotanikerin. Weil Pflanzenkonzentrate aber toxisch wirken können, darf das nur unter ärztlicher Aufsicht passieren.

Alternative zu Antibiotika

Eine grosse Chance sieht Dr. Maja Dal Cero in der Möglichkeit, Antibiotika zu reduzieren. So zeigen Laborversuche, dass ätherische Öle in manchen Fällen sogar besser helfen als Antibiotika. Vor allem dann, wenn es sich um multiresistente Keime handelt. «Die antibakterielle Wirkung von manchen Ölen ist bestens bekannt. Sie sind deshalb so wirksam, weil sie Vielstoff-Charakter haben und auf mehreren Ebenen angreifen. Sie durchbrechen die Kern­membran, verändern Prozesse im Zell­innern und verhindern die Vermehrung. Ein Einzelstoff kann das nicht.» Zudem können ätherische Öle Antibiotika wieder aktivieren. «Bakterien schützen sich mit einem Film vor einem Angriff. Die Öle können diesen Film durchbrechen und öffnen so den Weg für die Antibiotika.»

Dieses Prinzip funktioniert auch präventiv. Um sich im Winter vor Viren und Bakterien zu schützen, schaltet Maja Dal Cero ab und zu einen Vernebler mit ein paar Tropfen Weisstannenöl, Zitrone und Bergamotte ein. Dieser erzeugt Aerosole und verteilt sie gleichmässig im Raum. «Ein Duftlämpchen mit einer Kerze schafft das leider nicht.» Natürlich funktioniert Aromatherapie auch ohne ätherische Öle in Fläschchenform. «Ein Rosmarintee oder ein paar aufgeschnittene und getrocknete Mandarinenschnitze haben die gleichen Inhaltsstoffe, einfach in sehr viel geringerer Konzentration.» Unsere Grossmütter lagen also wieder einmal richtig – wie fast immer. Zumindest, wenn es um einfache Heilmittel geht.

Aromatherapie
Dr. Maja Dal Cero

Praktische Tipps

  • Achten Sie beim Kauf darauf, dass die Öle 100 Prozent naturrein sind.
  • Gewusst? Wenn man die Fusssohlen mit frischem Knoblauch einreibt, kann es sein, dass man nach ein paar Minuten Mundgeruch bekommt. Deshalb wirken ätherische Öle auch, wenn man damit die Füsse massiert. Wichtig: Nie pur, immer zusammen mit einem nativen Öl wie zum Beispiel Mandelöl verwenden.
  • Wer die Düfte nur ab und zu braucht, kauft am besten eine Mischung verschiedener Sorten. Die meisten ätherischen Öle laufen nach 1 bis 2 Jahren ab.
  • Eine feuchte Inhalation mit ein paar Tropfen ätherischem Öl hält die Schleimhäute feucht und schützt so vor Viren.
  • Düfte sollte man nicht direkt am Fläschchen erschnuppern, das ist viel zu intensiv. Am besten gibt man ein paar Tropfen auf einen Teststreifen oder ein Taschentuch.

Die besten Öle im Winter

Erkältung

Eukalyptus ist ein Klassiker im Winter. Das enthaltende Cineol wirkt antiviral, antibakteriell und gleichzeitig schleimlösend. Bei einem verhockten Husten, kann man auch eine feuchte Inhalation machen. 1 bis 3 Tropfen Öl in etwa 3 Deziliter Wasser reichen bereits.

Müdigkeit

Zitrone und Rosmarin wirken aktivierend. Wer möchte, kann die Düfte auch in einem praktischen Riechstift mischen. Immer wenn man einen Energiekick braucht, eine Nase davon nehmen – wirkt sofort.

Depressive Verstimmung

Bergamotte wurde in zahlreichen Stu­dien untersucht. Ihre Inhaltsstoffe können ein Gefühl von Freude und Energie auslösen, weil die Blutzirkulation angeregt wird. Bergamotte hilft auch gut gegen Angst.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 01.12.2022.

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