Die Jagd nach dem Happy End

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Die heutige Sexualität ist von einem bemerkenswerten Widerspruch geprägt. Noch nie wurde so offen über Sex gesprochen, noch nie standen so viele Informationen über Lust, Techniken und sexuelle Gesundheit zur Verfügung. Gleichzeitig scheint sich das Verständnis von Sexualität zunehmend auf ein messbares Ergebnis zu verengen: den Orgasmus. Er gilt häufig als Höhepunkt, als Beweis gelungener Sexualität und als Ziel, das möglichst zuverlässig erreicht werden soll. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass Sex weit mehr sein kann als die Jagd nach einem kurzen physiologischen Ereignis.

Der Orgasmus als Leistungsziel

Medien, Pornografie, Ratgeberliteratur und teilweise sogar wissenschaftliche Popularisierung vermitteln den Eindruck, eine sexuelle Begegnung sei erst dann wirklich gelungen, wenn beide Partner einen Orgasmus erlebt haben – idealerweise gleichzeitig. Dadurch entsteht eine subtile Form von Leistungsdruck. Der Mann soll seine Erektion kontrollieren, lange genug durchhalten und schliesslich den Orgasmus der Frau ermöglichen. Die Frau wiederum soll ihren eigenen Höhepunkt erleben und zugleich dem Partner vermitteln, dass dieser erfolgreich war. Sex wird dadurch nicht selten zu einer Aufgabe mit klar definiertem Endpunkt.

Psychologisch betrachtet verschiebt sich der Fokus von der unmittelbaren Erfahrung auf das zukünftige Ergebnis. Aufmerksamkeit richtet sich weniger auf Berührung, Nähe und gemeinsames Erleben als auf die Frage: „Komme ich zum Orgasmus?“ oder „Bringe ich meinen Partner zum Orgasmus?“

Der Orgasmus ist nur ein kurzer Moment

Aus neurophysiologischer Sicht ist der Orgasmus tatsächlich ein relativ kurzes Ereignis. Je nach Person dauern die intensivsten Muskelkontraktionen und die höchste neuronale Aktivierung meist nur wenige Sekunden.

Die eigentliche sexuelle Erfahrung umfasst dagegen häufig viele Minuten oder sogar Stunden: Annäherung, Blickkontakt, Zärtlichkeit, Erregungsaufbau, Berührungen, Kommunikation und das gemeinsame Erleben von Intimität.

Wenn die gesamte Begegnung ausschliesslich auf diesen kurzen Höhepunkt ausgerichtet wird, entsteht ein bemerkenswertes Missverhältnis. Ein Ereignis von wenigen Sekunden erhält eine Bedeutung, die den gesamten Verlauf bestimmt.

Das bedeutet nicht, dass der Orgasmus unwichtig wäre. Vielmehr stellt sich die Frage, ob ihm eine Rolle zugeschrieben wird, die seiner tatsächlichen Dauer und Funktion angemessen ist.

Warum nach dem Orgasmus manchmal Leere entsteht

Dann gibt es dieses seltsame Gefühl, dass unmittelbar nach einem intensiven Orgasmus die sexuelle Spannung schlagartig verschwindet. Dieses Phänomen hat biologische Ursachen.

Während sexueller Erregung steigen unter anderem Dopamin, Noradrenalin und verschiedene aktivierende Botenstoffe an. Nach dem Orgasmus verändert sich dieses neurochemische Gleichgewicht deutlich. Der Dopaminspiegel sinkt, während unter anderem Prolaktin ansteigt. Gleichzeitig setzt häufig eine Phase körperlicher Entspannung ein.

Diese Veränderungen können als wohltuende Ruhe erlebt werden. Manche Menschen empfinden jedoch auch eine gewisse Ernüchterung oder Leere. Das gilt insbesondere dann, wenn der gesamte emotionale und mentale Fokus auf den Moment des Orgasmus gerichtet war. Ist das Ziel erreicht, fehlt plötzlich die Spannung, welche die Begegnung zuvor getragen hat.

Das erklärt, weshalb manche Menschen rückblickend feststellen, dass die Phase des Begehrens und der Annäherung oft intensiver und emotional reicher war als der eigentliche Höhepunkt.

Das Missverständnis des Happy Ends

Viele kulturelle Vorstellungen behandeln den Orgasmus wie den Schlussakkord eines Musikstücks. Danach scheint alles Wesentliche vorbei zu sein. Diese Sichtweise prägt Erwartungen tiefgreifend. Sobald der Orgasmus erreicht wurde, endet gewöhnlich auch die sexuelle Begegnung. Körperliche Nähe nimmt ab, Gespräche verstummen oder beide Partner wenden sich anderen Dingen zu.

Dabei muss Sexualität keineswegs mit dem Orgasmus enden. Kuscheln, Streicheln, gemeinsames Atmen oder einfach das bewusste Verweilen miteinander können mindestens ebenso bedeutsam sein wie der Höhepunkt selbst. Untersuchungen zeigen, dass gerade diese Phase nach dem Sex, oft als Afterglow beschrieben, mit Bindungsgefühlen und Beziehungszufriedenheit zusammenhängt.

Ergebnisoffene Sexualität

Eine Alternative zur Orgasmus-Fixierung besteht in einer ergebnisoffenen Sexualität. Ergebnisoffen bedeutet nicht, auf Orgasmen zu verzichten oder sie abzuwerten. Vielmehr geht es darum, den Orgasmus nicht als verpflichtendes Ziel zu betrachten. Er darf entstehen, muss aber nicht. Diese Haltung verändert die Aufmerksamkeit grundlegend.

Statt zu fragen: Wann kommt der Orgasmus? War der Sex erfolgreich? Haben wir unser Ziel erreicht? treten andere Fragen in den Vordergrund: Wie fühlt sich diese Berührung an? Wie verändert sich unsere Verbindung gerade? Was geniessen wir in diesem Moment? Welche Form von Nähe entsteht zwischen uns? Damit rückt der Prozess stärker in den Mittelpunkt als das Ergebnis.

Die Begegnung zweier Menschen

Gerade in einer partnerschaftlichen Beziehung ist Sexualität weit mehr als die Auslösung neurophysiologischer Reflexe. Sie ist Kommunikation ohne Worte.

Ein Blick kann mehr ausdrücken als eine Technik. Eine langsame Berührung kann intensiver sein als jede bestimmte Stellung. Gemeinsames Lachen kann die Intimität vertiefen. Manchmal entsteht die grösste Nähe gerade in Momenten, in denen niemand versucht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Weniger Druck, mehr Präsenz

Psychologische Forschung zeigt, dass Leistungsdruck paradoxerweise genau das erschweren kann, was er erreichen soll. Wer ständig überprüft, ob der Orgasmus bald kommt oder ob der Partner zufrieden ist, richtet Aufmerksamkeit auf Bewertung statt auf unmittelbares Erleben. Dieses Phänomen wird in der Sexualforschung häufig als Form der Selbstbeobachtung oder „Spectatoring“ beschrieben und kann Erregung und Lust beeinträchtigen.

Ergebnisoffene Sexualität fördert dagegen Präsenz. Die Aufmerksamkeit bleibt beim gegenwärtigen Erleben, nicht beim zukünftigen Resultat. Interessanterweise berichten viele Paare, dass Orgasmen unter solchen Bedingungen oft sogar leichter entstehen gerade, weil sie nicht mehr erzwungen werden sollen.

Ein neuer Blick auf sexuelle Erfüllung

Vielleicht wäre es hilfreich, sexuelle Erfüllung nicht mehr ausschliesslich am Orgasmus zu messen, sondern an der Qualität der Begegnung. War gegenseitige Aufmerksamkeit vorhanden? Gab es Vertrauen? Konnten beide Menschen sich zeigen, ohne funktionieren zu müssen? Entstand das Gefühl echter Nähe? Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, war die Begegnung bereits erfüllend, unabhängig davon, ob ein Orgasmus stattfand.

Der Orgasmus bleibt dann das, was er biologisch betrachtet ist: ein intensiver, kurzer Moment menschlicher Sexualität. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die eigentliche Tiefe sexueller Begegnungen entsteht in den vielen Minuten davor und danach, in der gemeinsamen Präsenz, im spielerischen Entdecken und in einer Intimität, die keinen Beweis ihrer Qualität durch einen bestimmten Endpunkt benötigt.