Die Masern schlagen wieder zu

Increase In Measles Cases Bild: AdobeStock, Urheber: freshidea

Masern werden durch ein hoch ansteckendes Virus übertragen, das sich über die Atemluft verbreitet. Infizierte Menschen können das Virus bereits weitergeben, bevor die Erkrankung eindeutig erkannt wird. Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten überhaupt.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob einzelne Menschen geimpft sind. Entscheidend ist die Immunität der gesamten Bevölkerung. Bei Masern liegt die notwendige Impfquote besonders hoch: Rund 95 Prozent der Bevölkerung müssen immun sein, damit sich das Virus langfristig nicht in einer Gemeinschaft halten kann. Sinkt die Quote darunter, entstehen Immunitätslücken. Das Virus kann dann von aussen eingeschleppt werden und sich innerhalb kurzer Zeit ausbreiten. Genau dieses Muster lässt sich derzeit beobachten.

Schwere Komplikationen

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Die Krankheit beginnt typischerweise mit Fieber, Husten, Schnupfen und geröteten Augen. Danach entwickelt sich der charakteristische Hautausschlag. Doch bei einem Teil der Betroffenen kommt es zu schweren Komplikationen. Eines von 20 erkrankten Kindern bekommt eine Lungenentzündung. Etwa eines von 1.000 Kindern entwickelt eine Enzephalitis, also eine Entzündung des Gehirns, die bleibende neurologische Schäden verursachen kann.

Masern kennen keine Grenzen. Das Virus kann mit Reisenden problemlos von einem Land in ein anderes gelangen. Entscheidend ist, ob es auf eine ausreichend immunisierte Bevölkerung trifft. Eine wichtige Rolle spielen die Impflücken, die während und nach der COVID-19-Pandemie entstanden sind. Impfprogramme wurden in vielen Ländern unterbrochen oder erreichten bestimmte Bevölkerungsgruppen schlechter.

Hochansteckende Krankheit

Dabei ist die Masernimpfung sehr wirksam. Weltweit haben Masernimpfungen zwischen 2000 und 2024 schätzungsweise 59 Millionen Todesfälle verhindert. Trotzdem starben allein 2024 schätzungsweise 95.000 Menschen an Masern – überwiegend in Ländern mit niedrigem Einkommen und schwachen Gesundheitssystemen. Die Rückkehr der Masern in wohlhabenden Ländern ist deshalb besonders paradox: Sie betrifft eine Krankheit, deren Übertragung mit einer seit Jahrzehnten bewährten Impfung weitgehend verhindert werden kann.

Eine hohe Impfquote schützt nicht nur den Geimpften. Sie schützt auch Menschen, die selbst keinen ausreichenden Impfschutz aufbauen können. Die Diskussion über Masern wird häufig als Frage individueller Impfentscheidung geführt. Epidemiologisch greift das zu kurz. Bei einer hoch ansteckenden Krankheit beeinflusst der Impfstatus jedes Einzelnen auch das Risiko anderer Menschen. Je niedriger die Immunität in einer Gemeinschaft, desto wahrscheinlicher wird eine Infektionskette.

Hinzu kommt, dass Masern erhebliche Ressourcen des Gesundheitssystems binden können: Erkrankte müssen diagnostiziert und isoliert werden, Kontaktpersonen identifiziert werden und gegebenenfalls nachgeimpft werden. Bei schweren Verläufen kommen Spitaleinweisungen hinzu. Ein Masernausbruch ist deshalb nicht nur eine Ansammlung einzelner Krankheitsfälle, sondern eine Belastungsprobe für das gesamte öffentliche Gesundheitswesen.

Mangelnde Immunität

Die wichtigste Massnahme ist gleichzeitig die unspektakulärste: Impflücken schliessen. Die aktuelle Masernwelle ist medizinisch gesehen kein Zeichen dafür, dass die Medizin eine neue Herausforderung entdeckt hätte. Im Gegenteil: Sie zeigt, wie schnell bereits gelöste Probleme wieder relevant werden können, wenn Prävention nachlässt. Masern sind ein besonders eindrückliches Beispiel, weil das Virus extrem ansteckend ist und weil die entscheidende Präventionsmassnahme seit Jahrzehnten existiert.

Die zentrale Botschaft lautet daher nicht, dass Masern plötzlich gefährlicher geworden wären. Das Virus hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich die Immunität der Bevölkerung.

In den USA zeigt sich dies exemplarisch: Mehr als 2.500 bestätigte Fälle bis Mitte August 2026, nachdem bereits 2025 mehr als 2.200 Fälle registriert wurden. Für Europa ist das eine Warnung. Wo Impflücken entstehen, kann ein importierter Masernfall wieder zum Ausgangspunkt eines grösseren Ausbruchs werden.