Die neue Sorglosigkeit gegenüber Aids

Banana and condom on turquoise background, flat lay with space for text. Safe sex concept Bild: AdobeStock, Urheber: New Africa

Im Netz wimmelt es nur so von AO-Foren. AO, alles ohne, ist der neue Standard. Oralverkehr ohne Gummi ist schon seit längerem selbstverständlich, jetzt wird auch noch ohne Kondom gerammelt, zu zweit oder in Gruppen. Woher kommt diese Sorglosigkeit?

Da sind einmal die grossen Fortschritte in der Behandlung. Antiretrovirale Therapien ermöglichen eine nahezu normale Lebensführung und eine Reduktion der Viruslast auf unnachweisbare Level, wodurch die Weitergabe des Virus stark sinkt.

Verbesserte Prävention: PrEP (Präexpositionsprophylaxe) bietet eine wirksame Schutzoption für Menschen mit hohem Infektionsrisiko; PEP (Postexpositionsprophylaxe) kann nach potenziell riskanten Expositionen verhindern, dass eine Infektion entsteht.

Aids ist in vielen Köpfen zu einer beherrschbaren Erkrankung geworden, wodurch das Risikobewusstsein stark gesunken ist. Begünstigt wird diese Entwicklung durch veränderte Gewohnheiten wie Dating-Apps oder Drogenkonsum. Ein weiterer Faktor ist mangelnde Gesundheitskompetenz. Nur ein Teil der Bevölkerung kennt aktuelle Empfehlungen zu HIV-Prävention, Beratung und Behandlung.

Haut Lautenschlager
Prof. Stephan Lautenschlager

Wie riskant ist ein solches Verhalten? Prof. Stephan Lautenschlager, Facharzt Dermatologie und Venerologie, Zürich: «Tatsächlich hat sich bei einer kleinen Risikogruppe (überwiegend Männer, die mit Männern Sex mit meist zahlreichen unterschiedlichen Partnern haben), die eine Präexpositionsprophylaxe regelmässig und korrekt einnehmen, das Risiko, mit HIV infiziert zu werden, massiv minimiert. Leider geht dabei oft vergessen, dass andere sexuell übertragbare Erkrankungen – wovon es über 30 unterschiedliche Typen von Bakterien über andere Viren gibt – natürlich weiterhin übertragen werden können. Das heisst, dass zum Beispiel für eine Syphilis, einen Tripper, Herpes oder humane Papillom-Viren keinerlei Schutz besteht. Nicht alle diese Infektionen sind heilbar. Wenn diese Sorglosigkeit nun auf die ganze Gesellschaft übergreift, müssen wir wieder mit höheren Zahlen rechnen. Bei gewissen Geschlechtskrankheiten – wie zum Beispiel der Gonorrhoe – sehen wir in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg.»

Und wie soll man sich schützen? Prof. Laugenschlager: «Auch im PrEP-Zeitalter ist immer noch ein mehrschichtiger Schutz am zuverlässigsten. Einziger hochwirksamer Schutz vor den meisten Geschlechtskrankheiten bietet die korrekte Anwendung eines Kondoms. Insbesondere bei neuen und wechselnden Partnern oder Partnerinnen oder bei Analverkehr. Zusätzlich empfehlen sich nach Risikokontakten regelmässige Tests, da nicht selten Geschlechtskrankheiten ohne Symptome auftreten können. Je nach Sexualpraxis müssen Tests aus dem Rachen, Anus und Urin / genital entnommen werden.»