Die Neurodermitis beeinflusst fast jeden Lebensbereich

Basispflege, Ernährung, Stress, Allergien, neue Medikamente. PD Dr. med. Kathrin Scherer Hofmeier, Klinik für Dermatologie, Universitätsspital Basel, beantwortet die wichtigsten Fragen zur Neurodermitis.

Neurodermitis Aufmacher

Was muss man sich unter Neurodermitis ­vorstellen?

Neurodermitis oder atopisches Ekzem bedeutet, dass wegen einer angeborenen Veranlagung die Haut überall besonders trocken ist, häufig stark juckt und lebenslang intensiv gepflegt werden muss. Die Haut ist aufgrund einer Barriere-Störung empfindlicher gegenüber Einflüssen aus der Umwelt, zum Beispiel gegenüber Wärme oder Kälte, Feuchtigkeit, Krankheitserregern etc. Wegen der Trockenheit und des Juckreizes entstehen überall – aber vor allem in den Ellbeugen, Kniekehlen, am Hals – schubweise juckende, schuppende Ekzeme. Darunter versteht man Entzündungsherde, die sich durch Rötung, Schuppung, Krustenbildung und starken Juckreiz auszeichnen. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind besonders das Gesicht und die Streckseiten der Arme sowie Hände und Füsse betroffen.

Was ist am schlimmsten?

Betroffene klagen neben der kosmetischen Beeinträchtigung vor allem über Schlaf- und Konzentrationsstörungen wegen des Juckreizes. Zudem sind viele in ihren alltäglichen Verrichtungen und nicht zuletzt in der Berufswahl durch das Ekzem eingeschränkt. Die Neurodermitis beeinflusst je nach Schweregrad fast jeden Lebensbereich.

Lohnt sich die Suche nach Allergien?

Im Allgemeinen handelt es sich bei der Neurodermitis nicht um eine Erkrankung, die durch Allergien wesentlich verschlechtert wird. Allerdings geht mit der Veranlagung zu Ekzemen auch häufig eine Veranlagung zur Entwicklung von anderen atopischen Erkrankungen wie allergisches Asthma und Heuschnupfen einher. Bei manchen Patienten wird das Ekzem während der Pollenflugsaison oder durch Hausstaubmilben schlimmer. Vor allem im Kindesalter können Nahrungsmittelallergien zur Verschlechterung der Ekzeme führen. Ebenso können Patienten auf einen Kontaktstoff, zum Beispiel auf einen Inhaltsstoff einer Pflegecreme allergisch werden.

Und eine Lebensstiländerung?

Bei vielen Neurodermitis-Patienten kommt es – zusätzlich zu den Effekten anderer Umwelteinflüsse – in Phasen von grossem beruflichem oder privatem Stress zu einer Verschlechterung. Diäten haben häufig keinen nennenswerten und anhaltenden Einfluss auf die Neurodermitis. Allerdings lösen bei einigen Patienten scharfe, saure oder sehr heisse Nahrungsmittel verstärkten Juckreiz aus, was zu vermehrtem Kratzen und einer Verschlechterung des Ekzems führt. Grundsätzlich sollte die Ernährung möglichst ausgewogen sein, auch im Hinblick auf den durch die andauernde Entzündung erhöhten Grundumsatz.

Was sagen Sie den Eltern von einem Kind, bei dem Sie gerade Neurodermitis diagnostizieren mussten?

Ich erkläre ihnen, dass es sich um eine anlagebedingte Störung der Hautbarriere handelt, die Haut also empfindlicher ist gegenüber Einflüssen der Umwelt. Es gibt nicht den einen Auslöser der Erkrankung, durch dessen Elimination die Haut wieder vollständig heilt, sondern in der Regel viele äussere und innere Faktoren, die zusammenwirken. Wie schwer das Krankheitsbild verlaufen wird, ist nicht sicher vorherzusagen und ändert sich häufig in verschiedenen Lebensphasen. Kinder sind im ersten Lebensjahr in der Regel besonders schwer betroffen. Der Verlauf kann kontinuierlich oder wellenförmig sein, die kindliche Neurodermitis kann aber mit zunehmendem Alter auch ganz verschwinden.

Gehen Patienten mit Neurodermitis überhaupt noch zum Arzt?

Ein erfahrener Neurodermitis-Patient weiss in der Regel, welche Hautpflege für ihn in welcher Situation besonders geeignet ist. Ebenso hat er oder sie Erfahrung mit der Behandlung eines neuen Schubes mit entzündungshemmenden Cremes. Viele dieser Patienten gehen daher nicht mehr regelmässig zum Arzt, sondern nur, wenn sie ein neues Rezept benötigen oder die Situation aus irgendwelchen Gründen besonders schlimm geworden ist. Diese Visiten bieten allerdings die Möglichkeit, über neue Therapiemöglichkeiten zu sprechen und die Behandlung je nach Situation zu optimieren. Für Patienten oder Eltern, die neu mit der Diagnose umgehen müssen oder die noch nie systematisch aufgeklärt und informiert worden sind, lohnen sich zertifizierte Schulungen.

Immer liest man, wie wichtig die Basispflege sei. Was bringt diese aufwendige Prozedur?

Durch die Basispflege, also das tägliche Eincremen mit mehr oder weniger reichhaltigen Cremes und Salben, kann der Haut, der anlagebedingt viele Lipide fehlen, ein Teil davon ersetzt werden, was sich günstig für ihre Barriere-Funktion auswirkt. Sie wird dadurch widerstandsfähiger gegenüber Umwelteinflüssen, trocknet nicht so schnell aus und juckt weniger. Eine gute Rückfettung kann der Bildung von Rötung, Entzündung und Ekzemen vorbeugen. Dadurch sinkt der Verbrauch von entzündungshemmenden Cremes.

Wenn ein Neurodermitis-Patient diesen Zusammenhang verstanden hat und er oder sie über eine Basispflege verfügt, die ihm oder ihr guttut, sich leicht einstreichen lässt und die angenehm ist, dann klappt meistens auch die Umsetzung. Allerdings muss die Basispflege oft je nach Jahreszeit, sonstiger Belastung, Alter etc. angepasst werden, und häufig müssen verschiedene Externa versucht werden, bevor man die optimale Creme oder Salbe für den jeweiligen Patienten in seiner jeweiligen Situation gefunden hat.

In Fachkreisen und bei Selbsthilfegruppen hört man viel von einer neuen Spritze.

Es handelt sich um einen Antikörper, der seit Ende 2017 in Deutschland für die Behandlung der mittelschweren bis schweren Neurodermitis bei Erwachsenen zugelassen ist. Das kleine Molekül ist einem körpereigenen Molekül nachempfunden und unterdrückt in der Haut ganz spezifisch einen wichtigen Entzündungsmechanismus bei der Neurodermitis. Die Spritze muss alle zwei Wochen in die Bauchhaut verabreicht werden. Nach einer Schulung können das die Patienten selbst durchführen. Im Rahmen von Studien konnte gezeigt werden, dass der neue Wirkstoff gegenüber herkömmlichen Therapien den Juckreiz deutlich effizienter bekämpft und ebenso einen günstigen Einfluss hat auf Schlafstörungen und die Lebensqualität. Das Hautbild insgesamt wird bei vielen Patienten besser. Allerdings tritt bei circa 20 bis 30 Prozent als typische Nebenwirkung eine Bindehautentzündung auf, die in machen Fällen schwierig zu behandeln ist.

Wohin sollen sich Patienten wenden, die einen Anlauf für eine wirksame Behandlung nehmen wollen?

Hautfachärzte oder Hautkliniken sind die geeigneten Ansprechpartner. Sie haben nicht nur am meisten Erfahrung mit der Behandlung der Neurodermitis, ssie verfügen in der Regel auch als erste über Informationen zu neuen Therapien.

 

Typisch für Neurodermitis ist extrem trockene Haut mit stark juckenden, schuppenden Ekzemen. Aufgrund einer Barriere-Störung ist die Haut sehr empfindlich gegenüber allen möglichen Einflüssen.

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29.11.2018. Setzte ein Lesezeichen permalink.

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