Die Renaissance der Gicht

Die Gicht ist die häufigste Ursache für schmerzhafte Gelenk­entzündungen im Alter. Dr. Langenegger vom Zuger Kantonsspital sagt, auf was man bei der Behandlung achten muss.

Gicht neu

Die Gicht erlebt eine Renaissance. Warum ist das so?

Die Häufigkeit der Gicht nimmt in den westlichen Industrieländern tatsächlich konstant zu. In den USA sind inzwischen vier Prozent der Bevölkerung davon betroffen, in Europa ist es ein Prozent. Das hat einerseits mit der Wohlstandsgesellschaft und der Ernährung zu tun, andererseits mit dem Älterwerden der Bevölkerung. Die Harnsäure muss über die Nieren ausgeschieden werden, und beim Älterwerden kommt es zu einer verminderten Härnsäure-Ausscheidung in den Nieren, weil die Nierenfunktion im Alter naturgemäss abnimmt.

Wer ist vor allem betroffen?

Es sind häufiger Männer als Frauen betroffen, und zwar im Verhältnis von vier zu eins. Der grösste Risikofaktor bei der Gicht ist die genetisch festgelegte Harnsäureausscheidung in der Niere. Weitere Risiken sind Nierenfunktionsstörungen sowie Übergewicht, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und Diabetes. So sieht man einen klaren Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index und der Häufigkeit von Gicht. Daneben gibt es seltene genetische Erkrankungen, die mit einer Gicht vergesellschaftet sind sowie gewisse Medikamente.

Wie zeigt sich eine Gicht typischerweise zum ersten Mal?

In 80 bis 90 Prozent der Fälle kommt es zu einer akuten Arthritis mit Schwellung, Rötung und Schmerzen eines oder mehrerer Gelenke. Bei rund der Hälfte ist das Grosszehengrundgelenk betroffen. Alle anderen Gelenke an den Extremitäten können ebenfalls befal­len sein, beispielsweise das Kniegelenk, das Sprungelenk oder das Handgelenk.

Kann die Gicht auch eine Zeit lang unentdeckt bleiben? Welche Gefahren sind mit der Nicht-Diagnose verbunden?

Eine Gicht zeigt sich praktisch immer in Form einer Arthritis und bleibt selten unbemerkt. Ein anderes Problem ist die Hyper­urikämie, also ein zu hoher Harnsäurespiegel im Blut, welcher der Gicht vorausgeht. Man weiss heute, dass die Hyperurikämie ein unabhängiger kardiovaskulärer Risikofaktor ist mit einer erhöhten Gefährdung, einen Herzinfarkt oder einen Hirninfarkt zu erleiden.

Wann wird eine Gicht chronisch? Können auch andere Organe betroffen sein?

Bei der Gicht handelt es sich in aller Regel um eine chronische Erkrankung, die sich durch zunehmende Ablagerungen von Harnsäurekristallen in den Gelenken und durch wiederkehrende Gelenkentzündungen manifestiert. Ablagerungen der Harnsäure können aber prinzipiell in jedem Organ vorkommen, unter anderem auch in den Nieren, sehr selten im Herz oder im Bereich des Ohrs unter der Haut oder noch seltener sogar im Bereich der Wirbelsäule.

Auf was muss man bei der Therapie achten?

Zielwert für die Harnsäure ist ein Serumspiegel unter 360 µmol/l, bei tophöser Gicht unter 300 µmol/l. Mit einer Ernährungsumstellung lässt sich die Harnsäure höchstens 60 bis 100 µmol/l senken. Deshalb sind meistens Medikamente notwendig. Es gibt inzwischen sehr potente Wirkstoffe. Wichtig zu wissen ist, dass nach medikamentösem Therapiebeginn die ersten sechs bis zwölf Monate immer noch Gichtschübe auftreten können. Darum wird empfohlen, während der ersten sechs Monate der harnsäuresenkenden Therapie eine Schubprophylaxe zu machen.

Was versteht man unter dem Bergiff Treat-to-target, der immer wieder auftaucht?

Treat-to-target ist eine medikamentöse und nutritive Harnsäuresenkung mit dem Ziel, die Serumharnsäure unter 360 µmol/l zu senken. Unterhalb dieser Serumkonzentration sind Gichtschübe sehr unwahrscheinlich.

Welche Lebensstiländerungen sind für die ­Betroffenen nötig beziehungsweise sinnvoll?

Umstellung der Ernährung, vor allem weniger Fleisch und Alkohol. Bei übergewichtigen Personen Gewichtsreduktion, Behandlung von einem allfällig erhöhten Blutdruck und von Diabetes.

Weitere Informationen und nützliche Tipps finden Sie auf der Website der Rheumaliga Schweiz und auf www.hilfebeigicht.ch.

www.rheumaliga.ch/rheuma-von-a-z/gicht

Dr. med. Thomas Langenegger, Leitender Arzt Medizinische Klinik, Rheumatologie und Osteoporose, Zuger Kantonsspital
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29.11.2018. Setzte ein Lesezeichen permalink.

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