Die Wahrheit über Antidepressiva

Antidepressiva sind in die Kritik geraten. Prof. Gregor Hasler, Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg, über Nutzen und Risiken der Seelentröster.

Antidepressiva Bild AdobeStock Urheber xyz
Bild: AdobeStock, Urheber: xyz

Eine ketzerische Frage vorweg. Handelt es sich bei der Depression wirklich um eine Krankheit oder nicht viel eher um den Versuch, sich eine gewisse Zeit aus dem Hamsterrennen zu nehmen?

Depressionen sind eine sehr belastende Krankheit und der häufigste Grund für Suizid. Sie betreffen auch Menschen, die nicht im Hamsterrad sind. Falls die Depression jemand aus dem Hamsterrat wirft, handelt es um einen unnötig schmerzhaften und qualvollen Rauswurf.

Fast 10 Prozent der Bevölkerung nehmen Antidepressiva. Ist das nicht ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft und die Hausärzte, die solche Psychopillen im Übermass verschreiben?

Eine neue Studie zur Verschreibung von Antidepressiva durch Hausärzte zeigt, dass die Patienten diese gerne nehmen, weil sie angstlösend wirken und so das Wohlbefinden verbessern. Mit Depression im engeren Sinn scheint dieser enorme Erfolg gar nicht so viel zu tun zu haben. Allgemein finde ich, dass sich Hausärzte mehr Zeit nehmen sollten, ihren Patienten verschiedene Therapieoptionen zu erklären. Die verbreitete Einnahme von Antidepressiva hat aber nicht nur mit den Ärzten zu tun. Es kommt immer häufiger vor, dass Patienten mich bitten, ihnen ein Antidepressivum zu verschreiben. Wenn ich abrate, sind sie ganz erstaunt. Das war vor 10 Jahren noch ganz anders.

Sind Bewegung, Sport und Gesprächstherapie nicht bessere Alternativen?

Meines Erachtens sollten bei leichten und mittelgradigen Depressionen immer zuerst nicht-medikamentöse Therapien ausprobiert werden. Ob nun Sport, Gespräche oder eine Internet-Therapie hilft, ist individuell verschieden.

Wie wirken Antidepressiva? Scheinbar nicht viel besser als ein Placebo.

Es ist nicht selten, dass ein Antidepressivum nicht wirkt. Zum Glück gibt es viele verschiedene Antidepressiva und viele andere Medikamente, die man bei Depression einsetzen kann, die verwirrenderweise nicht Antidepressiva heissen. Ferner hilft oft eine Erhöhung der Dosis, um die Wirksamkeit zu verstärken. Und wie ich gesagt habe, Antidepressiva wirken besser auf Ängste als auf depressive Kernsymptome. Weil Ängste sehr unangenehm und sehr häufig bei Depressionen vorkommen, wollen viele Patienten die Medikamente weiternehmen.

Wie ist das mit den Botenstoffen im Gehirn, die von den Antidepressiva angeblich wieder ins Lot gebracht werden?

Antidepressiva wirken bei depressiven Symptomen, die vielerlei Ursachen haben, zum Beispiel genetische, nach einem Hirnschlag, wegen einer schwierigen Kindheit etc. Dies spricht dafür, dass Antidepressiva nicht die Ursachen ändern, also kein ursächliches Ungleichgewicht reparieren. Sie wirken vermutlich eher wie Aspirin bei Schmerz. Wer würde denn so verrückt sein zu behaupten, dass jeder Schmerz ein Aspirin-Mangel sei?

Es wird immer wieder Kritik laut, dass Antidepressiva viel zu leichtfertig verschrieben werden. Sind Traurigkeit und Niedergeschlagenheit wirklich ein Fall für die chemischen Seelentröster?

Der Schweregrad und vor allem die Dauer der Symptome sind zentral. Jeder ist mal ein paar Tage niedergeschlagen, vielleicht sogar ein paar Wochen. Die Patienten, die sich bei mir melden, sind oft über Jahre niedergeschlagen und haben über Jahre keine Freude mehr erlebt, obwohl in ihrem Leben alles rund läuft. Das ist schwerwiegend. Wenn sich diese Symptome unter einem Antidepressivum verbessern, ist das ein Segen.

Wann ist eine Therapie mit Antidepressiva gerechtfertigt?

Antidepressiva haben viele Anwendungen, was auch erklärt, weshalb sie so häufig verschrieben werden. Es geht nicht nur um mittelgradige und schwere Depressionen, sondern auch um schwere Angst- und Zwangsstörungen, die auf Psychotherapie nicht ansprechen. Viele Schmerzpatienten profitieren von Antidepressiva, weil sie weniger Nebenwirkungen haben als klassische Schmerzmittel.

Welche Nebenwirkungen muss man in Kauf nehmen?

Es gibt viele verschieden Antidepressiva, die sich in Bezug auf die Nebenwirkungen deutlich unterscheiden. Patienten müssen über diese Unterschiede informiert werden. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen werden ich der Schweiz fast nur Antidepressiva vom Typ SSRI verschrieben, die eher viele mögliche Nebenwirkungen haben. Ich verschreibe selten SSRI’s. Es gibt viele Alternativen, die weniger Nebenwirkungen verursachen.

Wann würden Sie selber Antidepressiva nehmen?

Wenn ich zur Einsicht käme, dass alle psychosozialen Massnahmen nicht helfen, mich aus einer Depression, aus anhaltenden, lähmenden Ängsten oder chronischen Schmerzen herauszuholen.

Prof. Gregor Hasler, Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30.01.2020.

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