Die zweite Art von Intelligenz

Emotional intelligent ist, wer es schafft, vom Spielball zum Spieler seiner Gefühle zu werden. Der Weg dorthin ist das Ziel.

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Bild: AdobeStock, Urheber: Fokussiert

Genies scheitern in der Kaffeepause. Vielen Hochbegabten fällt es schwer, Emotionen zu deuten und intime Bindungen aufzubauen. Im Extremfall werden sie im stillen Kämmerchen wahnsinnig, weil sie sich in kein Team integrieren können und mit den eigenen Gefühlen völlig überfordert sind. Diese Gefahr droht nicht nur den brillanten Köpfen.

Im Komfort-Bunker in Deckung

Emotionale Intelligenz ist entscheidend für Erfolg im Leben. Sie beschreibt die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle einzuordnen, zu beeinflussen und für eigene Ziele zu nutzen. Im Unterschied zur kognitiven Intelligenz, also der Fähigkeit gut und schnell logisch zu denken, ist sie weniger angeboren und darum lernbarer.

Als erstes haben emotional Intelligente begriffen, dass sich Gefühle nicht daran messen, wie viele Glückshormone sie gerade ausschütten. Sie ordnen Emotionen nicht nach gut oder schlecht ein, sondern geben ihnen Namen wie Trauer, Freude oder Gleichgültikeit. Sie erkennen auch, dass Gefühle, im Unterschied zu vergänglichen Empfindungen, subtiler sind und länger bleiben. Deshalb ist es dumm, in dem Moment über sie zu urteilen, in dem sie auftauchen.

Wer aufhört, Glückshormone mit guten Gefühlen gleichzusetzen, erkennt auch, dass äussere Impulse, wie Essen, Unterhaltung und Drogen, missbraucht werden, um die echten Signale der Gefühlswelt mit Reizen zu überfluten. Viele Menschen irren dem Glauben hinterher, dass ein gutes Leben erreicht wird, indem man Schmerz systematisch vermeidet, die Komfort-Zone mit möglichst vielen Kissen füllt und ein Gefühl der permanenten Heiterkeit provoziert. Das funktioniert so lange, bis einen das Leben einholt.

Beschissen aber klar

Gefühle erkennt man in der Stille, ohne Bildschirm und mit Geduld. Nach einer schmerzhaften Weile trocknen die Tränen, die Trauer um den verstorbenen Partner oder die Angst vor einer Prüfung gewinnen an Kontur. Es fühlt sich immer noch beschissen an, aber die Emotionen werden vielschichtiger als ihre dumpfe, schwarz-weisse Erscheinung im Alltag und sie enthüllen ihre wahre Kraft.

Emotional intelligent wird, wer das regelmässig übt. Mit der Zeit offenbaren sich Muster, es wird leichter, Launen von Signalen zu unterscheiden. Hinter der Trauer erscheint hin und wieder die Liebe und unter der Angst kriecht die Lust auf Herausforderungen hervor. Schliesslich richtet man die Kraft der Gefühle auf ein Ziel anstatt auf sich selbst.

Die emotional Intelligentesten konfrontieren sich mit ihrer Gefühlsgewalt auch dann, wenn es ihnen scheinbar gut geht. Denn Gefühle sind kein Problem, das man irgendwann löst, sondern die Lösung, die man irgendwann hoffentlich entdeckt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 08.04.2021.

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