Eingreifen, bevor die Krankheit das Ruder übernimmt

Die meisten Menschen mit Typ-2-­Diabetes kommen spät und durch Zufall zur Diagnose. Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?

Seit 2009 kümmern wir uns intensiv um Menschen mit Diabetes. Die Blutzucker­überwachung, je nach familiärem Risiko, gehört zur frühen Check-up-Strategie. Wir suchen Personen mit Prädiabetes und betreuen sie mit dem Ziel, dass es gar nicht zur Diagnose Diabetes kommt. Gegenüber vor 20 bis 30 Jahren sind die Patienten von sich aus mehr sensibilisiert und stellen Fragen.

Betrachten Betroffene die Diagnose als Stigma?

Vielleicht zu Beginn. Wir versuchen aber, sie möglichst schnell mit dem Thema Diabetes vertraut zu machen. Das reduziert Ängste, motiviert den Patienten oder die Patientin, das Ruder selber in die Hand zu nehmen.

Was sind die ersten Symptome eines Typ-2-Diabetes?

Häufig ist es ein Zufallsbefund, vor allem bei Übergewicht oder Fehlernährung. Ab und zu kommt es zu einem Infekt wie eine Blasenentzündung als erstes Zeichen. Die klassischen und bekannten Symptome für Diabetes mellitus wie Durst, häufiges Wasserlösen, Müdigkeit und Gewichtsverlust sind heute eher selten geworden, da die Diagnose früher gestellt wird.

Können Sie die Medikation selber bestimmen oder schicken Sie Betroffene zur Einstellung zum Spezialisten?

Wir haben in den letzten 16 Jahren viel Erfahrung gesammelt in der Betreuung und Therapie von Menschen mit Diabetes. Auch bilden wir im Careum Aarau MPAs in Diabetesberatung und Chronic Care Management aus. So bleiben wir auf dem Laufenden. In den letzten Jahren sind zum Glück neue Medikamentengruppen entwickelt worden, die uns die Therapie erleichtern. Die Spezialisten spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel für Menschen mit Typ-1-­Diabetes. Diese haben ein ganz anderes Krankheitsbild und benötigen eine entsprechende Therapie. Oder auch bei komplexen Fällen von Typ-2-Diabetes. Die Zusammenarbeit mit den Spezialisten ist entscheidend für ein gutes Diabetesmanagement.

Seit 2009 übernehmen in Ihrer Praxis MPAs mit Zusatzausbildung die Diabetesberatungen. Wird das von den Patientinnen und Patienten geschätzt?

Und wie! Unsere MPA Miriam Grob betreut alle Patientinnen und Patienten mit Diabetes in unserer Praxis. Einige sehe ich gar nicht, wenn alles in Ordnung ist oder dann wegen anderen Problemen. Mittels eines Ampelsystems wird auch die Sicherheit der Betreuung grossgeschrieben. Das bedeutet, wenn ein Wert nicht in Ordnung ist, komme ich dazu. Die Betroffenen schätzen diese Betreuung auf Augenhöhe und erzählen Frau Grob oft Dinge, die sie mir aus Schamgefühl kaum erzählen würden, aber sehr relevant für die Lebensqualität der Patienten sind.

Ohne Sensor würde es nicht mehr gehen

Vor gut zwei Jahren erhielt Martin Reichlin die Diagnose Typ-2-­Diabetes. Es war kein Zufallsbefund. In dem Heim, wo er wohnt, wird er öfters untersucht. Sein Blutzucker war schon längere Zeit zu hoch. Symptome hatte er keine. Am Anfang bekam er Tabletten. Die nützten aber nichts. Also musste er auf Insulin wechseln. «Ich habe vier Mal pro Tag gespritzt und mich zur Kontrolle in den Finger gestochen. Das war eher mühsam, und mein Zuckerspiegel war trotzdem nicht optimal eingestellt», sagt der 64-Jährige. Von einer Kollegin hörte er, dass es einen Sensor gibt, der die Werte kontinuierlich misst. Den musste er haben. «Ich habe jetzt einen kleinen, runden Sensor am Arm, der mir hilft, den Verlauf des Zuckerspiegels zu sehen. Das Dosieren des Insulins ist so auch einfacher. Dadurch ist der Wert häufiger im grünen Bereich. Der Sensor ist hervorragend, ohne würde es nicht mehr gehen. Zeigt er 10 oder 11 an, gibt es einen Alarm, und wenn der Wert zu tief ist, nehme ich einen Trauben­zucker. So habe ich meinen Zuckerspiegel immer im Blick.»

Mehr Infos: www.FreeStyle.Abbott