Schneller als der Rettungsdienst

First Aid Emergency CPR on a Man who has Heart Attack or Shock , One Part of the Process Resuscitation Bild: AdobeStock, Urheber: Platoo-Studio

Wenn das Telefon piept, muss sich Sandra Zaugg vielleicht sofort auf den Weg machen. Egal ob sie am Arbeiten, im Freibad oder am Schlafen ist. Als First Responderin wird sie in Notfallsituationen über eine App alarmiert und gefragt, ob sie Erste Hilfe leisten kann. «Wenn ich sehe, dass ich genügend schnell vor Ort sein kann, rücke ich sofort aus», sagt die 35-Jährige. Im Durchschnitt braucht die Ambulanz etwa 13 Minuten, bis sie ihr Ziel erreicht. Über 80 Prozent der First Responder sind schon vorher vor Ort. Zum Glück: Denn mit jeder verlorenen Minute sinkt die Überlebenschance um 10 Prozent.

Jeder kann First Responder werden

Diese wenigen Sekunden können über Leben oder Tod entscheiden. «Wir First Responder überbrücken in einem Notfall durch lebensrettende Massnahmen die erste Zeit, bis die Profis eintreffen», erzählt Sandra Zaugg, die seit sechs Jahren aktiv ist. «Menschen zu helfen, war schon immer mein Herzenswunsch. Ich habe zwar keine medizinische Grundausbildung, wurde aber entsprechend geschult und bilde mich kontinuierlich weiter, um sicherzustellen, dass mein Wissen stets auf dem neusten Stand ist. Jeder kann First Responder werden, der mindestens 18 Jahre alt ist und einen vierstündigen BLS-AED-Kurs absolviert hat. In der Einführungsschulung wird der Gebrauch der App, mögliche Vor-Ort-Szenarien und die korrekte Übergabe an den Rettungsdienst erlernt.»

Alarmiert wird per App

First Responder sind Privatpersonen, die ausserhalb des regulären Rettungsdienstes eine koordinierte Ersthilfe anbieten. Sie haben Kurse besucht, sind in ihrer Wahlregion registriert und werden bei Notfällen mit Herz-Kreislauf-Stillstand, Bewusstlosigkeit oder Atemstillstand per App alarmiert. Meistens sind gleich zwei bis drei First Responder vor Ort, um sich die Aufgaben zu teilen. «Sobald ich mein Gilet und Handschuhe anhabe, bin ich in meiner Rolle und funktioniere», erzählt Sandra Zaugg.

In kritischen Situationen Ruhe bewahren

«Ein Einsatz, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war, als ich die Meldung bekam, dass sich ein Kind verschluckt habe. In meinem Kopf ging ich unzählige Szenarien durch, man muss immer auf alles gefasst sein. Doch als die Mutter mir die Tür öffnete und ihr gesundes und munteres Kind im Arm hielt, war ich unglaublich erleichtert.» Die Arbeit als First Responderin erfordert nicht nur schnelles Handeln und Fachwissen, sondern auch Empathie und Mitgefühl. «Es ist mir wichtig, in kritischen Situa­tionen Ruhe zu bewahren und den Menschen, die Hilfe benötigen, beizustehen. Jeder Einsatz ist einzigartig und bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich, aber die Dankbarkeit der Menschen, denen ich helfen kann, motiviert mich immer wieder aufs Neue.»

Einander helfen

Dass nicht jeder den Mut, die Zeit oder Lust dazu hat, versteht Sandra Zaugg. «Alle können etwas bewirken. Denn es ist genauso wichtig, dass jede und jeder die Zeichen für einen Herz-Kreislauf-Stillstand oder einen Hirnschlag erkennt und dann richtig handelt. Ohne rechtzeitige Alarmierung können First Responder nichts ausrichten. Ich möchte möglichst viele Menschen dazu ermutigen, einen Basic Life Support, also einen BLS-Kurs zu besuchen, denn ich bin überzeugt, dass ihnen diese Schulung hilft, im Notfall schnell und richtig zu handeln.»

Angst, einen Fehler zu machen, hat Sandra Zaugg nicht. «Nur nichts tun, wäre falsch. Wenn jeder in einer Notfallsituation aufmerksam ist und die Notrufnummer 144 wählt, wäre das ein gros­ser Schritt in die richtige Richtung. Lasst uns gemeinsam Verantwortung übernehmen und einander helfen!»

Sandra Zaugg, First Responderin und­ Mitarbeiterin bei der Schweizerischen Herzstiftung im Bereich Aufklärung,­ Prävention und ­Patienten.

Gewusst?

  • Ein First Responder ist eine in BLS-AED ausgebildete Person, welche durch die Sanitätsnotrufzentrale 144 für Herz-Kreislauf-Stillstand-Einsätze aufgeboten werden kann.
  • Der BLS-Kurs steht für Basic Life Support und kann jederzeit aufgefrischt werden.
  • Der AED-Kurs steht für Automatisierter Externer Defibrillator und baut auf den BLS-Kurs auf.
  • In der Schweiz wurden im Jahr 2023 rund 7200 Herz-Kreislauf-Stillstände aus­ser­halb des Krankenhauses registriert.
  • In 68 Prozent waren Männer betroffen, und 67 Prozent der Vorfälle ereignen sich in der eigenen Wohnung.
  • In 35 Prozent der Notfälle waren First Responder im Einsatz, 84 Prozent von ihnen waren vor dem Rettungsdienst vor Ort.
  • Rund 157 000 Personen nahmen im Jahr 2023 an BLS-AED-Kursen teil.