Frau Templin, warum forschen Sie im Bereich Frau und Herz?
Weil Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen sind und sie trotzdem über Jahrzehnte primär als Männerkrankheit betrachtet wurden. Frauen sterben zum Beispiel häufiger nach einem Herzinfarkt, werden später diagnostiziert und oft weniger leitliniengerecht behandelt.
Was ist der Grund?
Für mich ist das kein Zufall, sondern die Konsequenz eines medizinischen Systems, das die weibliche Biologie zu lange nicht ausreichend berücksichtigt hat.
Wie unterscheidet sich denn das Frauen- vom Männerherz?
Frauen haben kleinere Herzkranzgefässe, häufiger Störungen der Mikrozirkulation, eine andere Funktionsfähigkeit der Gefässe sowie eine unterschiedliche Entzündungs- und Stressantwort. Hormonelle Einflüsse prägen Gefässtonus, Gerinnung und Herzfunktion über Jahrzehnte hinweg. Dennoch basieren viele diagnostische Kriterien und therapeutische Strategien weiterhin auf männlichen Normwerten. Ein Ansatz, der aus medizinischer Sicht nicht mehr zeitgemäss ist.
Begegnen Sie diesem Problem auch in der Praxis?
Ja, ich sehe immer wieder Frauen mit eindeutigen kardialen Beschwerden, und dennoch passen sie in kein gängiges diagnostisches Raster. Junge Frauen ohne klassische Risikofaktoren, Frauen mit chronischem oder emotionalem Stress, Frauen mit atypischen Symptomen. Das hat mir deutlich gemacht, dass das Problem nicht bei den Patientinnen liegt, sondern in der Medizin selbst.
Und das möchten Sie ändern?
Genau. Forschung ist für mich kein Selbstzweck und kein rein akademisches Ziel, sondern ein Instrument, um diese Konzepte zu verändern. Mein Anspruch ist, wissenschaftliche Erkenntnisse so zu entwickeln, dass sie konkret im klinischen Alltag ankommen und für Patientinnen einen unmittelbaren, individuellen Nutzen haben.
Was beschäftigt Sie als Forscherin?
Die unterschiedlichen Formen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen. Vom klassischen Herzinfarkt bis zu stressbedingten Erkrankungen wie dem Broken-Heart-Syndrom. Auf den ersten Blick wirken diese Erkrankungen sehr verschieden. Oft haben sie jedoch Gemeinsamkeiten: gestörte Gefässfunktionen, ein aus dem Gleichgewicht geratenes Hormonsystem und die enge Verbindung zwischen Herz und Gehirn.
Wo steht die Forschung heute, was weiss man konkret?
Dass viele Frauen keinen klassischen arteriosklerotischen Herzinfarkt erleiden, sondern funktionelle, entzündliche oder mikro-vaskuläre Gefässerkrankungen haben. Was wir noch nicht ausreichend verstehen, ist, warum einige Frauen besonders empfindlich reagieren, wie psychosozialer Stress biologische Prozesse im Herzen auslöst und wie wir präventiv oder therapeutisch eingreifen können.
Was ist das Ziel Ihrer Forschung?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen präziser zu verstehen und personalisiert zu behandeln. Wir müssen uns von der Einheitsmedizin lösen. In Zukunft sollte jede Patientin eine Therapie erhalten, die ihre individuelle Biologie, ihr Geschlecht, ihren Hormonstatus, ihre Stressbelastung und psychische Faktoren berücksichtigt inklusive angepasster Dosierungen und Präventionsstrategien. Da könnte auch die KI hilfreich sein.
Daran forschen Sie auch, oder?
Ja. Künstliche Intelligenz ermöglicht es uns, komplexe Zusammenhänge zwischen Herzbildgebung, klinischen Daten, mikro-vaskulären Parametern, Hormonprofilen und Stressfaktoren systematisch zu analysieren. Dabei verfolge ich einen Ansatz, der weltweit bislang kaum etabliert ist: die Identifikation sogenannter Female Cardiac Stress Phenotypes, also weiblicher Herz-Stress-Erscheinungsformen.
Das müssen Sie etwas genauer erklären …
Unsere KI analysiert Daten aus verschiedenen Quellen und in unterschiedlichen Formaten und erkennt Muster, die mit klassischen diagnostischen Kategorien nicht erfasst werden. Dadurch lassen sich neue weibliche kardiale Erscheinungsformen definieren, etwa ein neurovaskulärer Stress-Typ, ein hormonell getriggerter Mikrozirkulations-Typ, ein posttraumatischer kardialer Vulnerabilitäts-Typ oder ein sogenanntes Caregiver-Burnout-Herz, womit die kardiale Belastung durch Angehörigenpflege gemeint ist. Diese Typen manifestieren sich häufig lange bevor ein klassischer Herzinfarkt, strukturelle Schäden oder formale Symptome auftreten.

Center for Molecular Cardiology, Universität Zürich & Swiss
CardioVascularClinic, Privatklinik Bethanien
Weitere Infos: www.swissheart.ch
Schweizerische Herzstiftung
3000 Bern 14
Telefon 031 388 80 80
Spendenkonto IBAN CH 21 0900 000 30004356 3
Möchten auch Sie wichtige Forschungsprojekte unterstützen? Informieren Sie sich auf
www.swissheart.ch/Forschung, damit Prävention, Diagnose und Therapie von Herz-Kreislauf-Krankheiten weiter verbessert werden.