Glück gehabt beim Hirnschlag

Tempo, Erfahrung und Engelsgeduld. Neurologe Dr. med. Reto Agosti über das, was nach einem Hirnschlag am wichtigsten ist.

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Nicht jede Hirnschlagpatientin hat einen Neffen, der Arzt ist. Theres Waser aus Wollerau SZ schon. Sie ist die Tante von Neurologe Dr. med. Reto Agosti von der Neurologica und dem Kopfwehzentrum Hirslanden. Seine Telefonnummer ist in ihrem Handy gespeichert. Aber ganz von vorne.

Theres Waser ist 93 Jahre alt, körperlich und intellektuell auf der Höhe. Sie hat keinen Diabetes, keinen Bluthochdruck, keine zu hohen Cholesterinwerte, kein Übergewicht und ausser dem hohen Alter keine Risikofaktoren für einen Hirnschlag. Als sie eines Morgens ihr linkes Bein nicht mehr bewegen konnte, dachten alle an eine vorübergehende Muskelschwäche. Ihr Physiotherapeut, ihr Hausarzt und sie selber auch. Erst Tage später im Spital entdeckte man bei der Computertomografie die Gefässverengungen mit Gerinnseln. Sie hatten die Blutversorgung zu jenem Teil des Gehirns gestört, der das linke Bein steuert. Theres Waser rief per Handy sofort ihren Neffen in der Neurologica in Zollikon an.

Das Alter allein ist nicht entscheidend

Dr. Reto Agosti: «Meine Tante schilderte mir präzis und ohne Hektik, was passiert war. Weil man zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau wusste, welche weiteren Eingriffe nötig sein würden, nahm ich die Sache selber in die Hand. Niemand sollte auf die Idee kommen, bei einem so alten Menschen lohne es sich vielleicht nicht mehr. Das Lebensalter allein ist keine gute Grundlage zur Beurteilung von Lebensqualität und Lebenserwartung. Trotzdem spielt es natürlich eine Rolle. Mir war darum wichtig, dass eine so betagte Patientin in erfahrene Hände kommt. Ein Operateur muss ein ausgeprägtes Gefühl für die Innenarchitektur der Arterien haben. Je mehr Erfahrung er hat, desto weniger Kontrastmittel braucht er beim Öffnen der verstopften Gefässe. Zu viel Kontrastmittel ist schlecht für die 93-jährigen Nieren.»

Hirnschlag Agosti und Tante
Theres Waser mit ihrem Neffen Dr. med. Reto Agosti, Facharzt für Neurologie

Dass man als Seniorin in mancher Situation anders beurteilt wird, erlebt Theres Waser häufig. «Viele Leute nehmen mich nicht mehr so ernst. Ich höre noch gut, doch alle schreien mir ins Ohr. Ich sehe noch gut und brauche keine Brille für die Zeitung. Den Fahrtauglichkeitstest habe ich dieses Jahr mit Bravour bestanden. Im Alter ist man bestimmt weniger hektisch und etwas gemütlicher unterwegs. Ich nehme mir auch gerne Zeit zu überlegen, bevor ich rede. Aber das ist kein Grund, mich als unmündig anzusehen. Beim Hausverkauf vor zwei Jahren war es so. Oder beim Kleiderkauf. Da bringen mir die Verkäuferinnen Ladenhüter statt moderne Hosen. Ich empfinde das als Beleidigung.»

So schnell wie möglich in ein Stroke-Center

Der Hirnschlag bei Theres Waser verlief glimpflich. Das Gerinnsel war auseinandergefallen und verstopfte nur kleine Äste der Hirnarterien. Ist Glück das Wichtigste bei einem Hirnschlag? Dr. Agosti: «Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Man kann das, was gemeinhin als Glück bezeichnet wird, auch herausfordern. Bei Verdacht auf Hirnschlag ist Tempo die erste Devise. Wer so schnell wie möglich in ein Stroke-Center kommt, wo man nicht nur Diagnosen erstellt, sondern auch sofort die richtigen Massnahmen ergreifen kann, spricht nachher vielleicht von Glück. Wichtig ist, dass die Blutzirkulation möglichst schnell wieder hergestellt wird, damit jeder Teil des Gehirns so schnell wie möglich wieder mit Sauerstoff versorgt wird. Andernfalls sterben die betroffenen Areale ab. Der Sauerstoff im gestauten Blut reicht nur für wenige Minuten.»

Üben, üben und nochmals üben

Mit dem Eingriff und der medikamentösen Einstellung im Spital – Hirnschlagpatienten brauchen eine lebenslange Blutverdünnung – kommt der zweite wichtige Teil, die Rehabilitation. «Was man in der Klinik lernt, muss zu Hause unbedingt fortgeführt werden. Es braucht intensive Unterstützung durch Physiotherapeuten. Und dann heisst es üben, üben und nochmals üben. Meine Tante muss zum Beispiel lernen, das linke Bein wieder zu benutzen. Erst nur stehen, dann wenige Schritte gehen. Das ist aufwendig, braucht Geduld und die Koordination zwischen Physiotherapeuten und erfahrenen Neurologen. Die Nachbetreuung und Verhinderung weiterer Hirnschläge wird immer komplizierter, aber auch präziser. Doch der Aufwand lohnt sich, denn das Hirn lernt in jedem Alter – bis ganz zum Schluss.»

Fragen zu Hirnschlag?

Migraene Reto Agosti
Dr. med. Reto Agosti, Facharzt für Neurologie

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8702 Zollikon

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11.11.2021.

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