Man sagt, jemand ist so alt wie seine Blutgefässe. Ist dem so?
Tatsächlich hängt vieles in unserem Körper vom Zustand der Blutgefässe ab. Sie versorgen alle unsere Organe und Gewebe mit Blut, also mit Sauerstoff und Nährstoffen. Ist das Versorgungsnetzt beeinträchtigt, kann dies im ganzen Körper zu Erkrankungen führen. Das Hauptproblem für unsere Gefässe ist die Arteriosklerose. Das sind Fett- und Kalkeinlagerungen in den Arterien, welche diese verengen und schädigen. Dies führt zu einer Störung der Durchblutung. Mit dem Alter nimmt das Risiko für die Arteriosklerose zu. Doch das Alter ist nicht der einzige Faktor. Unser Lebensstil hat einen sehr grossen Einfluss.
Was lässt unsere Blutgefässe alt aussehen?
Vereinfacht gesagt vieles, was das Leben heute mit sich bringt. Wir sprechen von beeinflussbaren Risikofaktoren. Dazu zählen die mangelnde Bewegung, die einseitige und kalorienreiche Ernährung, das Rauchen, der dauerhafte Stress und das Übergewicht. Damit verbunden sind oft ungünstige Blutfett-, Blutdruck- und Blutzuckerwerte. Aber nicht für alles sind wir selbst verantwortlich. Unsere Gene können den Zustand unserer Gefässe beeinflussen und mit zunehmendem Alter werden diese immer anfälliger.
Dann geht es, wenn man von gesunden Blutgefässen spricht, längst nicht nur ums Herz?
Die grösste Gefahr, die von erkrankten Gefässen ausgeht, ist der Herzinfarkt oder Hirnschlag. Aber wie gesagt, andere Organe leiden ebenfalls. Beeinträchtigt werden können die Durchblutung der Beine, die Funktion der Nieren, des Gehirns, der Augen oder der Geschlechtsorgane beim Mann. Umgekehrt gilt, wer die Gefässe gesund hält, hält sich generell fit.
Es gibt doch nichts Schöneres, als friedlich einzuschlafen, das heisst in der Nacht einen Herzinfarkt zu erleiden!
Das verstehe ich, wer wünscht sich nicht ein rasches, schmerzloses Ende. Die Realität sieht leider anders aus. Die meisten Menschen sterben heute zum Glück nicht mehr an einem Herzinfarkt. Dank der sehr guten Akutbehandlung gelingt es uns zwar immer besser, auch die entstandenen Schäden am Herzen möglichst kleinzuhalten. Die Folgen jedoch können das Leben nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Partner/-innen und Familie stark belasten.
Welche Herz- und Gefässkrankheiten bedrohen die Selbständigkeit im Alter am meisten?
In Bezug auf das Herz ist es die fortgeschrittene Herzinsuffizienz, also das schwache Herz. Wenn Ihr Herz nicht mehr ausreichend zu pumpen vermag, kann Sie dies schon bei alltäglichen Handlungen, wie zum Beispiel der Körperpflege einschränken. In Bezug auf das Gehirn sind es die Folgen eines schweren Hirnschlags und die Demenz.
Wie hoch ist bei den Ursachen einer Demenz der Anteil der Blutgefässe?
Lange hat man gedacht, dass die Demenz hauptsächlich ein neurologisches Problem sei. Heute geht man davon aus, dass es sich in etwa 25 Prozent der Fälle um eine vaskuläre, also gefässbedingte Demenz handelt. Da viele Betroffene an einer Mischform zwischen einer vaskulären und neurodegenerativen Demenz erkranken und sich beide Prozesse gegenseitig beeinflussen, wird die Bedeutung der Gefässe wohl immer noch unterschätzt. Man darf darüber hinaus nicht vergessen, dass auch Herzrhythmusstörungen wie das Vorhofflimmern eine Demenz begünstigen können. Die Herz- und Hirngesundheit sind stark miteinander verbunden.
Asketisch leben möchten die wenigsten. Deshalb die Frage: Was bringt bei der Vorbeugung am meisten?
Auf alles Genussvolle zu verzichten, ist sicher nicht der richtige Weg. Umgekehrt kann ein gesunder Lebensstil ja auch Spass machen. Eine herzgesunde Ernährung oder körperliche Aktivität ist oft mit viel Freude verbunden. Man darf beim Thema Prävention nicht immer nur den Mahnfinger und die Verbote sehen. Sehr ratsam ist, im Erwachsenenalter – spätestens ab 40 – das Cholesterin, den Blutdruck und den Blutzucker regelmässig kontrollieren und allenfalls behandeln zu lassen.
Soll man bei einem 85-Jährigen einen hohen Blutdruck oder erhöhte Cholesterinwerte noch behandeln? Macht das wirklich Sinn?
Wenn eine solche Behandlung gut vertragen wird und vor einem schweren Ereignis schützt, macht das durchaus Sinn. Klar, je älter Patient/-innen sind und je mehr Medikamente sie nehmen, desto wichtiger wird es, Nutzen und Risiken der einzelnen Wirkstoffe gut abzuwägen.
Sie wollen die Vision der Schweizerischen Herzstiftung über das Herz hinaus weiterentwickeln. Was heisst das konkret?
Unsere Gesellschaft wird immer älter. Wir leben immer länger über den Arbeitsprozess hinaus. Hier stellen sich grundsätzliche Fragen. Wie wollen wir das Älterwerden gestalten? Wie kann man sich auch im Pensionsalter in der Familie, in der eigenen Umgebung oder gar in der Gesellschaft einbringen? Hier bringt eine robuste Herz-Kreislauf-Gesundheit eine wichtige Voraussetzung. Und weil die Herz- und Hirngesundheit eng miteinander verwoben ist, liegt uns die Vorbeugung und Behandlung der vaskulären Demenz besonders am Herzen. Je besser wir diese hinauszögern, desto länger bleiben wir selbständig und produktiv.
Alter als Risikofaktor
Männer sind früher als Frauen von Arteriosklerose betroffen. Die Gefahr eines Herzinfarkts ist bei ihnen ab 45 Jahren deutlich erhöht. Bei Frauen steigt das Arteriosklerose-Risiko in der Regel erst nach der Menopause an. Danach holen sie aber rasch auf, oft mit schwereren Erkrankungen als die Männer. Gegen das Altern gibt es kein Wundermittel. Eine herzgesunde Lebensweise verhilft zu einer längeren Jugendlichkeit des ganzen Körpers.
Neben Alter und Geschlecht spielt die erbliche Veranlagung eine Rolle. Sie lässt sich ebenfalls nicht beeinflussen. Eine koronare Herzkrankheit oder ein Hirnschlag, die bei Familienangehörigen ersten Grades (Eltern, Geschwister, Kinder) bei Frauen vor dem 65. und bei Männern vor dem 55. Lebensjahr auftreten, sind ein Hinweis auf eine erbliche Veranlagung.
Auch wenn eine erbliche Belastung vorliegt, gibt es Möglichkeiten, selbst viel für die Herzgesundheit zu tun. Hier finden Sie alle Infos: swissheart.ch.
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