Hilfe, ich bin pornosüchtig!

Noch nie war der Zugang zur Pornografie leichter als heute. Etwa fünf Prozent der Männer sind süchtig nach Pornos. Henri Guttmann, Paartherapeut in Winterthur, sagt, wann die Grenze zur Sucht überschritten wird und was dagegen hilft.

Pornosucht
Bild: AdobeStock, Urheber: jwblinn

Die schrankenlose Verfügbarkeit und der in den meisten Fällen kostenlose Zugang zu allen möglichen und unmöglichen sexuellen Spielarten ist zu einem Massenphänomen geworden. Pornhub und Youporn haben wesentlich dazu beigetragen, dass es noch nie so einfach war, Pornos im Internet zu schauen. Bei einer Untersuchung zum Pornokonsum von 15-Jährigen suchten die Wissenschaftler vergeblich nach einer Kontrollgruppe von Jugendlichen, die keine Pornos im Internet konsumieren.

Psychotherapeuten berichten von Männern, die mehrere Stunden am Tag im Netz surfen, sich durch sämtliche Pornoseiten klicken und dabei andere Aktivitäten vernachlässigen. Nicht selten landen sie früher oder später wegen depressiven Symptomen beim Hausarzt. Zwanghaftes konsumieren von Internetpornos ist von der WHO noch nicht als Krankheit anerkannt, während die Gamesucht kürzlich in den Katalog der psychischen Krankheiten aufgenommen wurde.

Medizinische Diagnosen sind keine wissenschaftlichen Wahrheiten. Die Frage „wer oder was krank ist“, beinhaltet auch die Frage: wer oder was ist eigentlich normal? Was als krank oder gesund zu gelten hat, hing schon immer von den gesellschaftlichen Moralvorstellungen ab.

Für die Pornosucht ist typisch, dass sich die Betroffenen für ihre sexuellen Wünsche schämen und diese heimlich und allein im Netz ausleben. Darüber reden wäre ein eigentlich ein simples Heilmittel.

Überfordert von den eigenen sexuellen Sehnsüchten

Es scheint, dass viele Männer überfordert sind von ihren eigenen sexuellen Sehnsüchten. Sie sind beschämt und peinlich berührt von dem, was sie sexuell erregt. Das schamvoll besetzte Verhalten passt so gar nicht zum vertrauten Selbstbild.

Was passiert eigentlich im Hirn von Pornoguckern? Beim Betrachten von sexuellen Handlungen kommt es zur Ausschüttung von Dopamin, einem wichtigen, vorwiegend erregend wirkenden Neurotransmitter. Das Belohnungszentrum wird stimuliert und erzeugt Handlungsdruck. Es will mehr, weil die immer gleichen Bilder oder Filme eine zusehends schwächere Dopamin-Antwort auslösen. Das bedeutet, dass neue, geilere Bilder und Filme angeklickt werden müssen, um die Dopamin-Ausschüttung zu forcieren, oftmals in rascher Folge.

Woran erkennt man, dass jemand pornosüchtig ist?

  1. Jeden Tag Pornokonsum – manchmal mehrmals täglich. Der Konsum hat spürbare negative Konsequenzen. Viele Nutzer, die süchtig sind, fühlen Wut, Scham, Traurigkeit und Isolation. Genau diese negativen Emotionen führen dazu, dass die Betroffenen wieder im Pornokonsum Trost und kurzfristige Befriedigung suchen.
  2. Wer süchtig ist, braucht immer öfter immer härtere und seltsamere Szenen, um erregt zu werden und um zum Orgasmus zu kommen. Ungewöhnliche Präferenzen lösen Schamgefühle aus. Oft fühlen sich Männer nach der Ejakulation schlecht und fragen sich: Was habe ich mir da gerade angeschaut? Im Zustand der sexuellen Erregung wird im Hirn das Zentrum, welches für Moral zuständig ist, vorübergehend ausgeschaltet. Es geht nur noch darum, was maximal erregend ist.
  3. Pornosüchtige suchen 30 Minuten im Netz nach dem perfekten Video. Einzelne Bilder langweilen.
  4. Beim Sex mit der Partnerin haben Betroffene Mühe, eine Erektion zu bekommen.
  5. Ein Orgasmus ist für den Pornosüchtigen nur noch möglich, wenn er sich beim Sex mit der Partnerin in seinem Kopf-Kino knallharte Pornosituationen vorstellt.
  6. Er zeigt kein Interesse mehr an Frauen oder an der eigenen Partnerin. Er findet seine Partnerin nicht mehr so attraktiv. Ein sexuelles Vorspiel ist ihm zu anstrengend und ein perfekter Body muss der optische Standard sein. Realer Sex wird zu kompliziert und zu aufwendig. Selbstbefriedigung im Netz ist praktisch, einfach und ohne eine Verpflichtung für irgendetwas.
  7. Bei männlichen Singles führt Pornosucht dazu, dass sie unrealistische Erwartungen an potentielle Partnerinnen haben. Die Traumfrau muss total sportlich sein, ohne die geringsten Fettpölsterchen, grosse Brüste, einen knackigen Hintern, eine schmale Hüfte und ständig Lust auf tollen Sex haben und ihn kritiklos bewundern.

 

Henri Guttmann, Paartherapeut

www.henri-guttmann.ch

Was hilft bei Pornosucht?

Die Therapie der Pornosucht zielt darauf ab, der Sucht etwas entgegenzusetzen, um ihr die grosse Bedeutung zu nehmen. Was hat früher Spass gemacht? Und es geht darum, wieder Beziehungen zu andern Menschen aufzubauen und zu pflegen.

Wichtigster Ratschlag im Umgang mit Pornosucht:

Auf die Willenskraft ist kein Verlass!

In der Praxis hat sich folgendes Vorgehen bewährt:

Installation einer speziellen Software, zum Beispiel von Covenant Eyes. Bei dieser Software kann der Betroffene eine Person bestimmen, die umgehend informiert wird, wenn er wieder auf einer Pornoseite landet. Es sollte nicht die Partnerin sein, sondern eine Person des Vertrauens, die ihn beim Entzug freundschaftlich unterstützt.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, nur noch mit stehenden Bildern zu masturbieren und keine Filme mehr zu schauen. Im weiteren Verlauf kann zu schwarz/weiss Bildern aus Kunstbüchern gewechselt werden. Am Schluss dieses Prozesses sollte es gelingen, ganz ohne Vorlage, nur noch aus dem Kopf-Kino heraus Bilder abzurufen, um sich zu erregen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 07.11.2019.

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