Hilfe, ich habe Leichenfinger

Die Finger sehen aus wie abgestorben und werden taub. Andrea Y. Furrer leidet am Raynaud-Syndrom und sucht verzweifelt Hilfe. Erläuterungen von Dr. med. Silviana Spring, Angiologin an der HerzGefässKlinik Bethanien in Zürich.

Leichenfinger Bild AdobeStock Urheber soumen
Bild: AdobeStock, Urheber: soumen

Wenn ich an meine Grossmutter denke, kommen mir als erstes ihre blauen, kalten Finger mit den blutigen, tiefen Rissen in den Sinn. Das sei wegen der vielen Gartenarbeit, wurde mir erklärt. Heute weiss ich, dass sie an der Weissfingerkrankheit, dem Raynaud-Syndrom, litt, genau wie ich heute.

Bei Temperaturen unter 20 Grad, bei Temperaturschwankungen oder schon bei leichtem Luftzug treten die Symptome auf. Die Finger werden erst blau, dann weiss, und das Gefühl geht weg. Meistens sind nicht alle Finger in gleichem Mass betroffen und nie der Daumen. Arbeite ich mit den Händen, bewege ich die Finger oder massiere ich sie, werden die Symptome schlimmer. Abhilfe schafft nur, wenn ich die Finger in sehr heisses Wasser tauche, oder heisse Gegenstände in die Hände nehme.

Raynaud Syndrom Andrea Huber 002
Andrea Y. Furrer

Je älter ich werde, desto mehr nehmen die Symptome zu. Traten sie früher nur bei Kälte auf, braucht es heute nur ein leichtes Absinken der Temperatur oder bei sommerlichen Temperaturen eine leichte Brise. Vor allem bei kühlem Wetter behindert es mich in meiner beruflichen Tätigkeit bei der Spitex. Nicht nur für mich ist es unangenehm, auch für die Klienten, wenn ich sie mit den kalten Fingern berühre. Auch mein geliebtes Hobby, das Reiten, musste ich aufgeben. Mit gefühllosen Fingern das Pferd pflegen oder die Zügel halten ist unmöglich.

Die gut gemeinten Ratschläge die ich schon als Kind zu hören bekam, verletzen mich. Ich machte mir selber immer wieder Vorwürfe, weil ich glaubte, ich mache etwas falsch. Ich leide unter der Situation. Alles, was ich schon ausprobiert habe, brachte keine Linderung. Die vom Arzt verschriebene Nitroglycerinsalbe half gar nicht. Ein blutdrucksenkendes Medikament, das die Gefässe erweitert, kommt für mich nicht in Frage, da ich erblich bedingt einen aussergewöhnlich tiefen Blutdruck habe. Für die erfolgversprechende Infusionsbehandlung sind noch keine Folgeschäden der Krankheit aufgetreten, beispielsweise tiefe Risse oder Abschälen der Haut an den Fingern.

Guter Rat ist teuer. Ich wünsche mir sehnlichst, die Hände wieder gebrauchen zu können. Vielleicht hat jemand Erfahrung mit dieser Krankheit und kann mir helfen.

Das sagt Dr. med. Silviana Spring, Angiologin an der HerzGefässKlinik Bethanien in Zürich:

Bei der Leserin gehe ich von einem Raynaud-Syndrom aus, das in jungen Jahren auftritt und in der Regel harmlos ist. Werden die Beschwerden mit zunehmenden Alter jedoch schlimmer, die Attacken häufiger, die Daumen mitbefallen und treten offene Wunden an den Fingern auf, muss dringend eine Ursache ausgeschlossen werden. Das trifft auch dann zu, wenn eine Raynaud-Symptomatik erst nach dem 40. Lebensjahr auftritt. Manchmal kann sich eine rheumatologische Erkrankung dahinter verbergen, etwa eine Bindegewebserkrankung. Auch Medikamente, Stoffwechselstörungen oder eine Tumorerkrankung – vor allem ein Lymphom – können ein Raynaud-Syndrom auslösen.

Die Abklärung beim Gefässspezialisten umfasst die Prüfung der Durchblutung an den Armen und Fingern sowie die Kapillarmikroskopie, welche die kleinsten Arterien des Menschen am Nagelfalz darstellt. Diese Untersuchung ist im Hinblick auf Bindegewebserkrankungen sehr spezifisch, allen voran die Sklerodermie. Zusätzlich werden auch noch verschiedene rheumatologische Laborwerte bestimmt.

Wenn eine Ursache für das Raynaud Syndrom gefunden wird und behandelt werden kann, bessern sich die Beschwerden. Zur Symptombekämpfung können Nitroglyzerinsalben an den Fingern angewandt werden. Sie sind jedoch schmierig und hindern im Alltag mehr als sie nützen. Einen Blutdrucksenker kann man versuchen, doch häufig wird dieses Medikament nicht gut vertragen, weil Raynaud-Patienten in der Regel einen tiefen Blutdruck haben. Infusionen mit Prostaglandin werden nur bei sehr schweren Formen mit offenen Wunden an den Fingern gegeben und haben häufig Nebenwirkungen. Eine Sympathektomie kommt nur in ganz extremen Fällen in Frage. Das A&O sind Kälte- und Verletzungsschutz. Stress, Kälte und Nikotin sollten vermieden werden, um keine Attacken zu provozieren.

Dr. Silviana Spring, Gefässspezialistin an der Privatklinik Bethanien in Zürich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13.08.2020.

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