I am a happy man

Der Mann ist ein Phänomen. Er hat den Hautkrebs besiegt, eine Herzoperation­ mit zwei Bypässen überstanden, eine schwere Lungeninfektion mit Covid und langer Rekonvaleszenz sowie nicht immer erfreuliche Zeiten bei der Fifa, einem Haifischbecken, hinter sich. Für einen bald 90-Jährigen wäre jetzt eigentlich die Zeit gekommen, sich zurückzulehnen und die restlichen Jahre zu geniessen. Fehlalarm. Seit vergangenen Dezember muss er zweimal die Woche zur Dialyse. Seine Nieren haben ihn auch im Stich gelassen.

Ein Ultraschall schuf Klarheit

Begonnen hat alles mit einem Sturz. Ihm wurde plötzlich schwarz vor den Augen. «Ich verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Hintern. Gott sei Dank nicht auf dem Kopf. Das Schlimmste war, dass ich nicht mehr selbst aufstehen konnte», erzählt der rüstige Ex-Fifa-Boss. Seitdem trägt er eine Uhr mit einigen Notfallnummern. Als sich die Gleichgewichtsstörungen wiederholten, schauten die Ärzte genauer hin. «Die Nieren waren schon lange ein Thema. Bei jedem Check-up in den vergange­nen Jahren stand ‹Achtung Niere›. Aber niemand hat etwas unternommen. Ich hatte ja keine Beschwerden.» Ein Ultra­schall brachte es an den Tag. Prof. ­Andreas Serra von der Klinik Hirslanden in Zürich wurde ziemlich laut: «Vor 20 Jahren hätten Sie kommen sollen!»

Die stille Gefahr

Das ist typisch für Nierenerkrankungen. Das Organ leidet still vor sich hin, macht sich nicht bemerkbar, erst wenn es zu spät ist. Man spricht bereits von einer unsichtbaren Epidemie. Allein in der Schweiz werden bis 2032 eine Mil­lion Menschen betroffen sein. Tag für Tag arbeiten die Nieren auf Hochtouren, filtern jeden Tag einfach so 30 prall gefüllte Giesskannen Blut.

Am 8. Dezember vergangenen Jahres musste Sepp Blatter in der Klinik Hirslanden antreten. «Die wollten gar nicht mit mir reden, sondern schickten mich gleich zur Blutwäsche.» Und das macht er jetzt zweimal die Woche je drei Stunden. In nächster Zeit wollen die Ärzte analysieren, ob die Dialyse die Funktion der Nieren zu bessern vermag. «Ich möchte nicht für den Rest meines Lebens zur Dialyse. Mein ‹Getti-Büeb›, der gerade 60 Jahre alt geworden ist, hat mir eine seiner Nieren angeboten. Aber ob man einem 90-Jährigen noch eine Niere transplantiert, ist eher unwahrscheinlich.» Lange Reisen macht er nicht mehr. Aber wenn er ins Wallis fährt, immer mit dem Zug, so kann er im Spital Visp ebenfalls zur Dialyse.

«Das mit dem Herz war falscher Alarm. Nach den zwei Bypässen läuft es bestens. Die Ärzte meinten, dass ich mit diesem Herz 100 Jahre alt werden könne. Ich fragte zurück: Von jetzt an? Ihre Antwort: ‹Muesch ned übertriebe!› Mein Blutdruck ist ebenfalls fantastisch, 130 auf 70. Was will man mehr. I am a happy man.»

Fussball war sein Leben. Als Bub wollte er selber Spieler werden. «Ich hatte Qualitäten, konnte immerhin einen Corner links und rechts schiessen.» Als Walliser Meister über 100 Meter war er schnell, und Lausanne Sport, wo er Reservespieler war, attestierten ihm «avoir le sens du but», einen Torinstinkt zu haben. Der Club wollte ihn. Da er erst 18 Jahre alt war, durfte er den Vertrag damals noch nicht selber unterschreiben. Er legte das Papier seinem Vater zur Unterschrift vor. Der zerriss den Vertrag vor seinen Augen und sagte: «Mit Fussball wirst du nie dein Leben verdienen.» Ein schlechter Prophet!

1974 wurde er vom damaligen Präsidenten der Fifa, Joao Havelange, als Entwicklungshelfer, später Technischer Direktor, eingestellt. «Mit Leidenschaft habe ich mich in die Arbeit gestürzt, bin viel geflogen, habe technische Gruppen zusammengestellt, war auf Sponsorensuche.» Sepp Blatter führte auch das Gesundheitsprogramm ein. Prof. Dr. Jiri Dvorak, 23 Jahre lang Chief Medical Officer bei der Fifa, hat die Ärzte in den verschiedenen Ländern gecoacht. Es gab zum Beispiel Programme gegen Ebola. Fussballer engagierten sich, gaben Tipps. «Das war grossartig! Das Erste, was mein Nachfolger gekippt hat, war das Gesundheitsprogramm», empört sich Sepp Blatter noch heute.

Fussball für die ganze Welt

Sein grosser Verdienst als Fifa-Präsident war die Globalisierung des Fussballs. «Fussball ist nicht nur für Südamerika und Europa, Fussball ist für die ganze Welt.» Nirgendwo hat er tiefere Spuren hinterlassen als in Afrika. Der Fussball-Missionar sagt: «Ich war ein halber Afrikaner.» Höhepunkt der Aufbauarbeit war die Durchführung der WM-Endrunde in Südafrika. Bei einer der vergangenen Dialysen traf er auf einen Afrikaner. Blatter stellte sich vor: «Parlez-vous français?» Worauf der Mann sagte: «Mon­sieur Blatter, vous ne présentez pas. On vous connait en Afrique», was so viel heisst wie: Sie brauchen sich nicht vorzustellen. In Afrika kennt sie jeder.

Wenn er noch jung wäre, würde er mit Trump in einer Mannschaft spielen? «Nein!!!!» Wer ist denn verrückter, Blatter oder Trump? Mit fast 80 Jahren hat er sich 2015 nochmals zum Fifa-Präsidenten wählen lassen, das ist schon ein bisschen verrückt. «Un peu fou ist okay. Ich konnte nicht anders, es war ja sonst niemand mehr da. Trump sei wahnsinnig, das ist eine Krankheit, sagen deutsche Experten.»

Leben im Jetzt

Was würde Sepp Blatter anders machen? «Man kann das Leben nicht zurückdrehen. Wenn wir geboren werden, bekommen wir ein Zeitgefäss, das eine gewisse Fülle hat. Aber wir kennen sie nicht. Wichtig: Das Gefäss läuft aus, man kann die Zeit nicht stoppen. Es geht immer weiter. Was sollen wir tun? Wir sollten im Jetzt leben. Was vorbei ist, können wir nicht mehr ändern. In die Zukunft schauen, kann man ein bisschen, solange es nicht ein Fussballspiel auf dem Mars gegen die Venus ist! Lebe mit den Menschen, die dich mögen und lieben. Die Familie Blatter hat seit Kurzem einen neuen Slogan: Wir haben Frieden und Liebe.»