Ich habe höllische Schmerzen

Ein Arzt. Ein zweiter Arzt, ein dritter Arzt, schliesslich Notfallstation. Eine Leserin beklagt sich, dass man sie herumreicht und wegen ihrem hohen Alter nicht mehr richtig ernst nimmt. Antworten auf ihren Hilferuf.

Hand Schmerz
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Das Schreiben fällt mir sehr schwer. Ich habe höllische Schmerzen in der linken Hand und am Arm. Stechende, brennende, zwickende, schlagende Dauerschmerzen. Tag und Nacht. Ich schreibe mit der rechten Hand. Dabei schmerzt die linke Hand mit. Ich ging zu meiner Hausärztin in die Gesundheitspraxis. Sie schaute sich die Hand an und verordnete mir Schmerztabletten und kalte Umschläge. Ich habe alle Tabletten 3x täglich miteinander genommen und zusätzlich kalte Umschläge gemacht, wie verordnet.  Es hat nicht geholfen! Die starken Schmerzen blieben!

Der nächste Arzt in der Gesundheitspraxis machte nur vom Daumen eine Röntgenaufnahme, obwohl ich ihn gebeten hatte, von der ganzen Hand eine Röntgenaufnahme zu machen. Er gab mir eine Cortison-Spritze in das Daumengelenk und sagte, morgen haben Sie keine Schmerzen mehr. Die starken Schmerzen blieben!

Der dritte Arzt in der Gesundheitspraxis machte Röntgenaufnahmen von der Halswirbelsäule, vom Rücken, Becken und Hüfte und gab mir Cortison-Tabletten mit 30 mg täglich. Hat auch nicht geholfen! Die starken Schmerzen blieben!

Dann dachte ich, ich probiere es mit Akupunktur. Hab jetzt fünf Behandlungen gehabt, nach der Behandlung ging es mir besser. Aber wenn ich nur eine Kleinigkeit mache, beginnen wieder die starken Schmerzen.

Dann war ich eine Woche später wieder beim dritten Arzt und sagte ihm, dass ich immer noch starke Schmerzen habe und die Cortison-Tabletten nicht geholfen haben. Daraufhin bekam ich stärkere Schmerzmittel. Tramadol – Opium. Hat auch nicht geholfen! Die starken Schmerzen blieben! Man meinte, ich müsse zu einem Rheumatologen. Ich lehnte ab.

Dann sagte eine Freundin zu mir, gehe doch in eine Notfallklinik. Ich wollte nicht, aber sie organisierte es einfach, so bin ich in einem Kantonsspital gelandet. Nach längeren Abklärungen haben sie mich behalten. Sie machten eine Röntgenaufnahme von der Hand und von den Füssen. Ich bekam sehr viele Schmerztabletten.

Ich fragte sie, was die Röntgenaufnahmen gebracht hätten – alles in Ordnung, Sie haben Arthrose. Es kamen zwei Arthrose-Spezialisten im Schnellgang. Der eine sagte, Sie brauchen eine Gipsschiene und der andere sagte, Sie brauchen keine Gipsschiene. Nur weil ich alt bin, habe ich automatisch Arthrose!

Danach bekam ich doch eine Gipsschiene, die mir sehr grosse Schmerzen bereitete und ich bat, mir die Schiene abzumachen, sie drückte sehr stark auf die Knochen. Ich hielt die Schmerzen nicht mehr aus und entfernte am anderen Morgen die Schiene. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich habe den Eindruck, dass alte Menschen nicht mehr ernst genommen werden. Sie haben einfach Arthrose, weil es in diesem Alter normal zu sein scheint.

Das sagt Dr. Stutz:

Der vorliegende Fall ist ein trauriges Beispiel dafür, wie verloren sich viele Patienten und Patienten vorkommen, wenn sie einmal wirklich Hilfe benötigen, und das trotz einem scheinbar vorbildlich ausgebauten und teuren Gesundheitswesen. Die Aussage, dass „alte Menschen nicht mehr ernst genommen werden“, ist beklemmend, trifft aber leider sehr oft zu. Auch betagte und hochbetagte Menschen haben ein Recht darauf, dass man sie für voll nimmt, gründlich abklärt und ausreichend behandelt, ganz besonders, wenn sie Schmerzen haben. Dass es unserer Patientin aushängt, wenn in einem Gesundheitszentrum der dritte Arzt innert kürzester Zeit auftaucht und im Kantonspital zwei Ärzte sie im Schnellgang abfertigen, ist nur verständlich. Gerade von einem Gesundheitszentrum sollte man erwarten können, dass medizinisches Personal weiss, wie man Patienten führt und vor allem informiert. Ein vollumfänglich informierter, kooperativer Patient ist absolute Bedingung, wenn eine Abklärung und eine Therapie erfolgreich sein sollen.

Im weiteren Verlauf erhärtete sich der Verdacht auf Arthrose, die eventuell sogar operativ angegangen werden muss. Eine gründliche neurologische Untersuchung schloss hingegen ein Carpaltunnelsyndrom aus, das mit nächtlichen Schmerzen einhergeht und zu einer zunehmenden Schwäche der Hand führt. Ursache ist eine Einklemmung des Mittelnervs am Handgelenk, wo er durch eine enge Passage zieht, die Carpaltunnel genannt wird. Betroffen sind meistens Menschen, die in handwerklichen Berufen arbeiten, zum Beispiel Näherinnen, Küchenpersonal, Sekretärinnen etc. Besonders bei Frauen, deren Hände und damit auch der Carpaltunnel kleiner sind als bei Männern, kommt das Syndrom häufig vor.

Gegen eine entzündlich-rheumatische Erkrankung spricht, dass die Schmerzen und Schwellungen nicht auf Cortison reagieren. Jede frühe Form einer rheumatoiden Arthritis würde massiv gebessert. Dennoch braucht unsere Patientin dringend eine Konsultation bei einem erfahrenen Rheumatologen, und zwar rasch. Jede Verzögerung kann zu einem irreversiblen Verlust der Funktion der Hand führen, was vor allem bei betagten Menschen katastrophale Folgen haben kann. Hier ist ganz wichtig, dass man im Gesundheitszentrum aus vermeintlichen Spargründen nicht einer raschen Abklärung durch einen Spezialisten im Wege steht. In der Zwischenzeit teilte uns die Patientin mit, dass sie das Hausarztmodell gekündigt hat, um wieder die freie Arztwahl zu haben.

Das meint Dr. Franziska Häfner, Rheumatologin in Thalwil:

Rheumatoide Arthritis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist in diesem Fall schiefgelaufen?

Es wäre sicher am besten gewesen, die Patientin wäre ständig vom gleichen Hausarzt nachkontrolliert worden. Der hätte bestimmt nach der dritten Konsultation ohne Beschwerdebesserung trotz ausgebauter Schmerztherapie die Patientin zu einem Spezialisten wie einem Rheumatologen oder Handchirurgen überwiesen.

Gehören Abnützung und Schmerzen nicht einfach zum Alter?

Finger-, Hüft- und Kniearthrosen sind im Alter häufig, wohl auch abnützungsbedingt. Nicht immer muss das mit Schmerzen verbunden sein. Wenn sich aber ständige Beschwerden einstellen, sollte sich der ältere Mensch an seinen Hausarzt wenden, der eine Untersuchung und Therapie einleiten kann. Das müssen nicht immer Medikamente sein, oft hilft zum Beispiel auch Physiotherapie. Handgelenksarthrosen, wie in dem Fall, sind ungewöhnlich und sollten ärztlich abgeklärt werden.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 07.11.2019.

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