Ich habe null Anfälle mehr

Es ist ein neues Leben. Sandra Tellenbach aus Bätterkinden erzählt von ihrer fürchterlichen Migräne und weshalb sie heute völlig anfallsfrei ist.

Migraene

Salonfähig sei Migräne nicht, schon alleine deshalb, weil vorwiegend Frauen betroffen sind und weil man den Patientinnen die Schmerzen kaum abnimmt. Für Sandra Tellenbach, 52, Inhaberin eines Kosmetikinstitutes in Bätterkinden im Emmental im Kanton Bern, macht diese Ignoranz das Leiden besonders schlimm: «Jemand, der noch nie eine Migräne hatte, sollte weder so etwas denken, geschweige denn sagen.»

Immer wieder Attacken

Fürchterliche Kopfschmerzen, Blitze in den Augen, Übelkeit bis zu schwallartigem Erbrechen, Herzrasen, Hyperventilation, Kreislaufzusammenbruch. Immer wieder Attacken, oft jeden Tag. Dann die lähmende Angst vor den Attacken, Angst, wieder auszufallen, abgedunkelte Räume. «Auf einen Anfall folgte der nächste, ich hatte mich nicht einmal erholt. Weil ich vor lauter Übelkeit und Erbrechen nicht normal essen konnte, wurde ich magersüchtig.»

Ich habe alles ausprobiert

Das ist die Geschichte von Sandra Tellenbach. Begonnen hatte sie in ihrer Kindheit. Als sie 15 Jahre alt war, sagte ihr ein Arzt, das wachse sich mit den Wechseljahren aus. Hoffnung klingt anders. Zynischer geht’s nicht. Überhaupt fühlte sie sich nur von den allerwenigsten Ärzten verstanden. Einer habe gemeint, mit Aspirin gehe es auch. Als dann vor etlichen Jahren endlich spezifischere Mittel gegen Migräne auf den Markt kamen, habe es etwas gebessert. Aber ein gutes Leben war es trotzdem nicht, sie habe einfach nur funktioniert. «Ich habe alles ausprobiert, sämtliche Mittel der Schul- wie der Alternativmedizin. Auch alle Prophylaktika.»

Inzwischen fand Sandra Tellenbach mit Dr. Andreas Baumann vom Neurozentrum Oberaargau einen Arzt, der nicht nur das Krankheitsbild Migräne versteht, sondern für seine Patientinnen und Patienten auch die nötige Empathie aufbringt. «Endlich habe ich einen Arzt, der mir glaubt und mich für voll nimmt», sagt sie.

Sandra Tellenbach

Ein völlig neues Leben

Die grosse Wende kam, als Dr. Baumann seine Patientin auf die neue Spritze gegen Migräne einstellen konnte. «Es ist kaum zu glauben, aber seither habe ich keine Migräne mehr! Die alten Migränemittel mit ihren zum Teil sehr schweren Nebenwirkungen konnte ich allesamt absetzen. Eine Riesenbefreiung. Es ist ein völlig neues Leben.»

Wehren Sie sich

Umso unverständlicher, dass ihre Krankenkasse sich lange weigerte, die Kosten für die Therapie zu übernehmen. Sandra Tellenbach bezahlte die monatlichen Therapiekosten von 600 Franken über ein halbes Jahr lang aus dem eigenen Sack. Verständnis für die Verzögerungstaktik der Kasse hat sie keines: «Niemand nimmt solche Medikamente zum Vergnügen. Was soll jemand machen, der sich das nicht leisten kann? Einfach weiterleiden so wie ich? Ich wusste nicht mehr weiter. Die Migräne war unerträglich.» Sie rät allen Migräne-Betroffenen, sich entschiedener zu wehren. Für mehr Verständnis zu kämpfen, in der Öffentlichkeit, bei den behandelnden Ärzten, bei den Krankenkassen. Sonst müsse man sich wirklich die Frage stellen, wofür wir denn überhaupt noch Krankenkassenprämien bezahlen.

 

Eine Migräne beeinträchtigt das Leben enorm

Ist eine Migräne psychisch bedingt? Wie wirkt die neue Spritze? Dr. Andreas ­Baumann vom Neurozentrum Oberaargau beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie kommt es zu einer solch s­chlimmen Migräne?

Einige Menschen habe nur einzelne Migränetage, andere leiden an einer sehr häufigen Migräne. Man spricht von chronischer Migräne, wenn jemand an mehr als 15 Tagen pro Monat über mindestens drei Monate an Migräne leidet. Zwillingsstudien haben gezeigt, dass es in 40 bis 50 Prozent der Fälle eine genetische Disposition gibt. Bei schwerer Migräne scheint die genetische Komponente noch vermehrt im Vordergrund zu stehen.

Migräne
Dr. Andreas Baumann, Neurozentrum Oberaargau

Wie viele Menschen in der Schweiz sind so schwer von Migräne betroffen?

Man geht davon aus, dass rund 1 Million Menschen in der Schweiz an Migräne leiden. Untersuchungen in den USA zeigten, dass bei rund 1,3 Prozent der Bevölkerung eine chronische Migräne vorliegt. Auf die Schweiz übertragen würde dies bedeuten, dass zwischen 100 000 und 120 000 Menschen eine so schwere Migräne haben.

Sind solche Symptome nicht auch psychisch bedingt? Oder ist das eben genau so ein gängiges Vorurteil?

Aus Untersuchungen weiss man, dass eine chronische Migräne mit weiteren Beschwerden einhergeht, beispielsweise mit Depressionen, Angststörungen und anderen Schmerzerkrankungen. Was ist Ursache und was ist Wirkung? Wenn jemand an mehr als 15 Tagen im Monat eine Migräne hat, besteht naturgemäss eine Angst, dass der nächste Tag wieder geprägt ist von Kopfschmerzen. Kann jemand schmerzbedingt während der Hälfte der Zeit nicht normal leben, sondern muss tagelang im Dunkeln liegen, dann reagiert die Psyche. Es ist ein Vorurteil, dass die Psyche die Ursache ist. In vielen Fällen ist die psychische Reaktion eine Folge der Migräne.

Welche Auswirkungen auf das tägliche Leben hat eine solche Migräne?

Die Auswirkungen sind riesig. Ich habe Patien­tinnen, die sagen: Ich kann an keine Veranstaltung der Schule gehen, ohne Angst zu haben, dass ich plötzlich wegen einer Migräne nicht mehr dabei sein kann. Es kann sein, dass zu Hause die Mutter einen ganzen Tag ausfällt, weil sie mit Kopfschmerzen und Erbrechen im Dunkeln liegt. Das ist belastend für die Beziehung und auch für die Kinder.

Wie ist der Erfolg mit der neuen Spritze zu erklären?

Bei der Entstehung der Migräne geht man heute von einem Migränegenerator im Hirnstamm aus. Dieser wird durch unbekannte Trigger aktiviert und erzeugt einen Impuls bei den Fasern des Gesichtsnervs. Der Gesichtsnerv versorgt die Blutgefässe der Hirnhaut. Dabei spielen bestimmte Botenstoffe eine Rolle. Die neue Spritze blockiert die Andockstelle dieser Botenstoffe. Weil sie so selektiv in die Entstehung der Migräne eingreift, wirkt sie so gut.

Haben Sie Verständnis für die anfängliche ­Weigerung der Krankenkassen, die Kosten zu übernehmen?

Die Krankenkassen sind nicht das Problem. Die Krankenkassen führen die Weisungen des Bundesamtes für Gesundheit aus. Das BAG ist das Problem. Es entscheidet über die Einsatzmöglichkeiten der neuen Migränesubstanz und der gesamten Wirkstoffklasse. Das ist nicht haltbar, weil das über Sinn und Geist der Zulassung von Swissmedic hinausgeht. Zudem haben die Auflagen einen massiven administrativen Aufwand zur Folge. Dadurch können viele Betroffene von dieser Substanz nicht profitieren oder müssen das Medikament aus der eigenen Tasche bezahlen. Ich habe mich deshalb an Bundesrat Berset gewandt und eine neue Beurteilung des Sachverhaltes verlangt. Er hat geantwortet, dass er im Moment keinen Handlungsbedarf sieht. Ich bin da völlig anderer Meinung.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30.05.2019. Setzte ein Lesezeichen permalink.

Kommentare sind geschlossen.