Ich versteckte mich im Keller

Sein ganzes Leben litt ein Leser an einer schweren Psoriasis. Er wurde gehänselt und musste zum Gesundbeter, bis die Erlösung kam.

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Seit seiner Kindheit leidet ein Leser mit Jahrgang 1940 an der chronischen Hautkrankheit Psoriasis. «Als Bébé hatte ich Milchschorf und mit sechs Jahren brach die Schuppenflechte aus, was man zu dieser Zeit fast nicht kannte. Als kleiner Bub kratzte ich mich wund und versteckte mich im Keller, weil es dort kühl war.» In der Schule durfte er weder ins Turnen noch ins Schwimmen. In der Pubertät wurde der arme Junge immer wieder gehänselt. «Mit einem so gruusigen Kind mit einer Haut voller Eiter musst du sicher nicht abmachen», hörte er von den Eltern seiner Klassenkameraden, eine traumatische Erfahrung, die der Leser bis heute nicht vergisst. Seine Krankengeschichte sei schier unendlich. Vieles habe er zum Selbstschutz verdrängt.

Seine Eltern versuchten alles und gingen von Arzt zu Arzt, und auch bei Gesundbetern im Appenzell und in der Innerschweiz suchten sie in ihrer Verzweiflung Zuflucht. Genützt hat es nichts. Später als Erwachsener kam noch die entzündliche Rheumaerkrankung Bechterew dazu, sodass er oft fast nicht mehr gehen konnte. «Nachdem die Familienplanung abgeschlossen war, bekam ich Röntgenstrahlen im unteren Rückenbereich, um die Schmerzen zu lindern. Wegen der Psoriasis war ich einige Male auch im UniversitätsSpital in Zürich für Kortisonwickel am ganzen Körper und UV-Bestrahlungen.» Er bekam Langzeitmedikamente, doch der Erfolg war nur mässig. Am besten waren noch das Meer und die Sonne für seine Haut und den Bechterew. «Seit ich keinen Stress mehr habe und ich pensioniert bin, geht es mir viel besser.»

Seit letztem Oktober ist der Leser bei der Dermatologin Dr. Annett Härtel in Zürich in Behandlung. Das war seine Rettung. Sie stellte ihn auf ein neues orales Medikament ein, mit durchschlagendem Erfolg. «Meine Psoriasis ist innert kürzester Zeit verschwunden. Bis auf zwei kleine Flecken bin frei von Schuppenflechte. Nach einer so unendlich langen Leidenszeit kann ich das kaum glauben. Für mich grenzt das an ein Wunder. Ich rate jedem Betroffenen, zu einem Hautarzt zu gehen, um die Krankheit in Schach zu halten.»

Machen Sie den Online-Test

Die Schweizerische Psoriasis und Vitiligo Gesellschaft hat unter dem Slogan «Gib nicht auf – bekämpfe Psoriasis» eine Kampagne lanciert. Sie möchte Psoriasis-Patienten, die aufgegeben haben, wieder Mut machen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Mit einem Online-Test können Sie herausfinden, wie zufrieden Sie mit Ihrer Lebenssituation sind. Bei Bedarf hilft die Webseite, einen Dermatologen oder Rheumatologen in der Nähe zu finden.

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Dr. med. Annett Härtel, Dermatologin bei Somamedica in Zürich und Basel

Neue Medikamente haben das Leben vieler Psoriatiker extrem verbessert

Wieso bekommt man Schuppenflechte?

Dr. Annett Härtel: Bei der Entstehung der Schuppenflechte spielt das überschiessende Immunsystem eine wichtige Rolle. Es gibt eine genetische Veranlagung. Nach Infektionen wie einer Angina kann es besonders im Jugendalter zu einer akuten Psoriasis kommen.

Es gibt offensichtliche und weniger offensichtliche Erscheinungsformen. Hinter welchen Symptomen kann sich eine Psoriasis verbergen?

Für fast jeden sichtbar ist die Kopfhautpsoriasis, die mit starker Schuppenbildung und Rötungen bis über die Kopfhaargrenze einhergeht. Dicke Schuppenplaques sind häufig über den Knien und Streckseiten der Ellenbogen bei der Plaque-Psoriasis. Es gibt aber auch verstecktere Varianten der Psoriasis mit Befall in der Pofalte, Leistengegend und Rötungen unter dem Busen. Im Berufsleben besonders störend ist die Nagelpsoriasis, die sich mit gelblich krümeligen Nägeln ölfleckartig und tüpfelig zeigt oder die Psoriasis pustulosa mit Befall der Handflächen.

Ist Psoriasis «bloss» eine Hauterkrankung oder kann noch viel mehr passieren?

Die Psoriasis ist eine entzündliche System­erkrankung und wird oft begleitet von Gelenkproblemen, der Psoriasis-Arthritis, Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.

Was weiss man über die psychischen, sozialen und beruflichen Folgen?

Bei schweren Verläufen der Psoriasis können die Folgen gravierend sein. Die Lebensqualität ist eine der schlechtesten im Vergleich zu anderen Erkrankungen.

In der Schweiz rechnet man mit gegen 200 000 Betroffenen. Wo stecken all diese Patienten?

Gut wäre, wenn die Betroffenen zum Hautarzt gehen würden. Zahlreiche Patienten haben vor vielen Jahren die Diagnose Psoriasis erhalten und werden seither nur mit Cortison-Cremen behandelt, ohne vom medizinischen Fortschritt zu profitieren. Schlimm ist, wenn sie schleichend depressiv und arbeitsunfähig werden, ohne zu ahnen, welche hervorragenden Behandlungen heute zur Verfügung stehen.

Therapien gegen Psoriasis sind meistens auf­wendig und oft wenig wirksam. Oder dann fährt man schweres Geschütz auf. Beides ist vielen Betroffenen verleidet. Gibt es Alternativen?

Die Therapie hat sich in den ambulanten Bereich verlagert und lässt sich den Bedürfnissen des Patienten anpassen. Sind die Hauterscheinungen überschaubar, werden Cremes, Salben, Schäume und Pflaster mit Vitamin-D3-Präparaten und Cortison eingesetzt. Sehr gut wirken auch Lichttherapien. Weiter werden Wirkstoffe in Tablettenform wie Methotrexat, Vitamin A, Fumarsäure, Biologicals zum Spritzen und neuerdings auch sogenannte kleine Moleküle eingesetzt, welche einfach oral einzunehmen und recht sicher in der alltäglichen Anwendung sind und kein Labormonitoring erfordern. Die neuen oralen Medikamente und Biologicals haben das Leben vieler Patienten extrem verbessert. Die sicherste und wirksamste Therapie sollte mit dem Haut- und dem Hausarzt ausgewählt werden.

Welche Rolle spielt die Psyche? Ist die Schuppenflechte auch eine Stresserkrankung?

Die Behandlung fängt schon im Kopf an. Ein informierter Patient hat die beste Lebensqualität. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung sowie ausreichend Schlaf helfen. Ein Freundeskreis ist wichtig bei psychischer Belastung. Fehlt dieser, hilft das Psoriasis-Netzwerk, ein Coach oder der Rat eines Hautarztes, zu dem man ein langjähriges Vertrauensverhältnis aufbauen sollte.

Welche Behandlungen aus der Alternativmedizin können Sie empfehlen?

Licht- und Badekuren sowie die Pflegeprodukte mit Salz vom Toten Meer oder der Blauen Lagune, Feuchtigkeitsspender mit Aloe Vera, natürliche Pflegeöle, zum Beispiel auf Basis von Olivenöl, werden als sehr angenehm empfunden und helfen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14.06.2018. Setzte ein Lesezeichen permalink.

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