Der Ausnahmezustand ist vorbei, die Sommerferien auch. Jetzt, wo sich eine neue Normalität einstellt, holt uns die Vergangenheit ein und es wird klar, dass man nicht davor flüchten kann.
Neue Ängste, alte Probleme
Angst und mangelnde soziale Kontakte während der ausserordentlichen Lage führten bei vielen Menschen zu Depressionen und ungesundem Verhalten. Im März wurden in Schweizer Apotheken zwanzig Prozent mehr Beruhigungsmittel verkauft, ein Vorbote schwerer Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erwartet, dass deutlich mehr Leute wegen Corona psychische Hilfe in Anspruch nehmen werden.
Menschen mit psychischen Erkrankungen ertrugen den Lockdown besonders schlecht. Sie mussten ihre Therapien unterbrechen und ihre Medikamente waren nur eingeschränkt verfügbar. Schätzungen aus unseren Nachbarländern gehen davon aus, dass das Gesundheitssystem bis zu zehn Prozent der Patienten komplett aus den Augen verlor. Therapieuntreue bedeutet stets Komplikationen und höhere Kosten.
Die psychiatrische Welle kommt mit Verzögerung, weil psychische Konflikte und Erkrankungen während dem Lockdown eingefroren wurden. Einerseits war es schwierig, Unterstützung zu bekommen, andererseits stellen Menschen im Angesicht des gemeinsamen Feindes instinktiv eigene Interessen zurück. Ist die akute Bedrohung vorbei, tauen die unterdrückten Konflikte und Erkrankungen auf und viele entschliessen sich für professionelle Hilfe.
Immerhin weniger FOMO
Es gibt aber auch Personen mit psychischen Schwierigkeiten, für die der Lockdown überraschend positive Auswirkungen hatte. Besonders junge Menschen waren erleichtert, nicht mehr ständig mit anderen Schritt halten zu müssen. Der Wettlauf um die besten Posen und grossartigsten Erfahrungen in den sozialen Medien war für zwei Monate ausgesetzt. Das Gefühl der digitalen Beklemmung nennt man auch “fear of missing out”, kurz FOMO, also die Angst, etwas zu verpassen. Die kurzzeitige Erlösung von dieser Angst führte gemäss französischen Psychiatern zu 75% weniger absichtlichen Medikamentenvergiftungen unter Jugendlichen.
Weniger Facebookstress ist gut, doch die negativen Einflüsse von Corona auf die Psyche überwiegen. Die gesundheitlichen Gefahren führen zu einem dauernden Misstrauen im öffentlichen Raum. Die wirtschaftliche Talfahrt löst Existenzängste aus, denn es droht eine beispiellose Pleite- und Entlassungswelle. Ausserdem zeigen neue Studien, dass das Virus die Psyche auch direkt angreift. Genesene Coronapatienten können sich teilweise schwer an einzelne Wörter erinnern, was darauf hindeutet, dass der Erreger Hirnzellen befällt.
Für Psychiaterinnen und Psychologen stehen alle Zeichen auf Sturm. Spätestens mit der Kälte und den kürzer werdenden Tagen muss man mit der psychiatrischen Welle rechnen. Trotzdem oder gerade deswegen ist es wichtig, psychische Störungen früh und gemeinsam statt spät und alleine anzugehen.