Keine zweite Welle im Sommer

Lokale Infektionsherde sofort aggressiv angehen anstatt ein neuer Lockdown für das ganze Land. Prof. Dr. Manuel Battegay, Chefarzt der Klinik für Infektiologie & Spitalhygien am Universitätsspital Basel und Mitglied der Swiss National Covid-19 Science Task Force, erklärt, wie es mit dem Kampf gegen das Coronavirus weitergeht.

Prof. Battegay Bild AdobeStock Urheber S. Liudmyla
Bild: AdobeStock, Urheber: S. Liudmyla

Ist das Coronavirus fürs Erste besiegt?

Besiegt leider nicht, aber wir können das Coronavirus in Schach halten. Vor allem wissen wir, wie wir dem Coronavirus jetzt und in Zukunft entgegenwirken können. Die Schweiz ist jetzt gut aufgestellt und sollte die Verbreitung des Virus auch bei weiterer Lockerung der einschränkenden Massnahmen flach halten können. Besiegt ist das Virus erst, wenn sehr wirksame Medikamente und/oder eine Impfung zur Verfügung stehen. Am besten wäre natürlich beides.

War der harte Lockdown, wie ihn der Bundesrat verordnet hat, aus heutiger Sicht in dieser Form nötig oder hätten auch weniger harte Massnahmen genügt?

Die Pandemie ist beispiellos. Weder die Schweiz noch andere Länder verfügen über Erfahrungswerte mit gesundheitlichen Extremrisiken, wie sie mit Covid-19 verbunden sind. Es mussten rechtzeitig klare Massnahmen ergriffen werden, um die unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu verhindern, sonst würde die Schweiz heute deutlich mehr Tote und Kranke verzeichnen. Vor dem Hintergrund der extrem schwierigen Ausgangslage hat der Bundesrat richtig gehandelt und die angeordneten Massnahmen waren auch nötig. Beim jetzigen Kenntnisstand können wir davon ausgehen, dass die Lockdown-Massnahmen Wirkung gezeigt und Schlimmeres verhindert haben. Wir hatten und haben hier weder katastrophale Zustände noch einen sehr langen, harten Lockdown. Wir haben genügend intensivmedizinische Behandlungskapazitäten und alle Patientinnen und Patienten konnten betreut werden. Auch im Vergleich mit anderen Ländern stehen wir momentan gut da. Einige Länder, die später gehandelt haben, sind noch im Lockdown, andere, die gar nicht oder zu wenig intensiv gehandelt haben, verzeichnen deutlich höhere Opferzahlen. Auch die beispielsweise von Schweden verfolgte Durchseuchungsstrategie scheint keine valable Alternative zu sein, sind doch in Schweden viel mehr Leute erkrankt und gestorben als in der Schweiz. Und dann liegt nach alledem die Durchseuchung nur um die 10 Prozent – selbst in Stockholm. Wichtig ist aber auf jeden Fall, die Verhältnisse und getroffenen Massnahmen zu einem späteren Zeitpunkt sorgfältig zu evaluieren und Lehren für eine nächste Pandemie zu ziehen.

Ist die Gefahr einer zweiten Welle im Sommer angesichts der sehr tiefen Fallzahlen trotz weitreichenden Lockerungen gebannt?

Die Gefahr ist vorhanden, aber gering, umso mehr, als dass wir testen, Kontakten nachgehen, isolieren und Quarantänen vorsehen. Wir können jetzt Infektionsherde aggressiv angehen und gezielt, also auf lokaler und nicht mehr auf nationaler Ebene, reagieren. Wir dürfen auf keinen Fall nachlässig werden, sondern müssen wach bleiben, eine Surveillance aufbauen und entschieden, aber eben fokussiert reagieren. Es kann und wird zu lokalen Ausbrüchen kommen. Wenn wir diese resolut angehen und die Leute mitmachen, bin ich sehr zuversichtlich, dass es im Sommer nicht zu einer zweiten Welle kommt.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit für eine zweite Welle im Herbst oder Winter ein?

Wir sollen und dürfen weiter lockern, aber nicht leichtsinnig, sondern mit Kopf und diszipliniert. Die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsvorschriften bleibt bis auf Weiteres zentral. Machen wir nichts, wenn sich irgendwo Clusters, also Infektionsherde, bilden, würde eine zweite Welle kommen. Wenn ich aber sehe, wie verantwortlich und diszipliniert sich die Bevölkerung verhält, halte ich es für unwahrscheinlich, dass eine zweite Welle über die Schweiz schwappen wird. Wir haben ja gelernt, welche Massnahmen wirken. Die müssen wir jetzt befolgen.

Wie müsste man in einem solchen Fall reagieren? Ein zweiter Lockdown wäre der Bevölkerung und der Wirtschaft wohl schwer zu vermitteln.

Bei neuen Ausbrüchen müssen wir genau am betroffenen Ort rigoros reagieren und Massnahmen ergreifen und eben nicht schweizweit und ganze Landesteile schliessen. Ein neuerlicher Lockdown wäre tatsächlich kaum zu vermitteln. Wir müssen wachsam sein und mit dem vorhandenen Wissen besonnen reagieren und auch nicht in Panik verfallen, wenn es zu Ausbrüchen kommt – mit guter schweizerischer Präzision, in der Tradition schweizerischen Uhrmacherpräzisionshandwerks.

Wie fällt Ihr Vergleich zwischen Corona und der Grippe aus?

Die Sterblichkeit bei Covid-19 beträgt gemäss seriösen Modellierungen zwischen 0.7 und 1%. Das ist deutlich höher als bei der Grippe, wo der Sterblichkeitsfaktor bei ca. 0.1% liegt. Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist Covid-19 also sieben bis zehn Mal gefährlicher. Auch die Reproduktionszahl des Coronavirus ist mit ca. 2.5 höher als diejenige bei der Grippe mit Werten zwischen 1.2 und 1.8. Es ist keine Frage, das Coronavirus verbreitet sich schneller und die Krankheit Covid-19 ist deutlich schwerer als eine gewöhnliche Grippe. Es ist aber ein momentaner Vergleich. Ich bin optimistisch, dass bei Therapie und Impfungen bald Fortschritte erzielt werden.

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Prof. Dr. Manuel Battegay
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 04.06.2020.

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