Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ist eine der häufigsten psychischen Diagnosen in der Kindheit. Entsprechend hoch sind die Therapiekosten und die Anzahl der mit Psychopharmaka behandelten Kinder. Ein Ende der Zunahme ist nicht abzusehen. Dr. Stutz kennt das ADHS-Syndrom aus eigener Erfahrung und ging einen anderen, eigenwilligen Weg als es heute üblich ist. Sein betroffener Sohn ist ihm jeden Tag dankbar dafür. Hier sind seine wichtigsten Erkenntnisse.
Normal ist krank
Unsere Arbeitswelt und somit unsere Gesellschaft belohnen angepasste, unauffällige, normierte Kinder, die spätestens mir sechs Jahren stundenlang stillsitzen, schweigen und nur reden, wenn es den Erwachsenen passt. Ein solches Verhalten ist eigentlich krank und gleicht jenen Wildtieren, die auf engstem Raum in Käfigen gehalten werden und dabei schwerste Verhaltensstörungen entwickelten. Kinder, die heute mit der Schulnote 6 belohnt werden, wären in prähistorischen Gesellschaften kranke Nichtsnutze gewesen, unfähig, Nahrung zu sammeln, geschweige denn auf Jagd zu gehen.
Fragwürdige Diagnosen
Ist ein Kind heute nur ein bisschen auffällig, wird von allen Seiten die Forderung laut nach einer umfassenden Abklärung. Allein die stundenlangen Untersuchungen, das neue medizinische Umfeld, in welches das Kind von einem Tag auf den anderen hineinkatapultiert wird, und das unverständliche Gerede der Erwachsenen verunsichern es in höchstem Mass und machen ihm schmerzlich bewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Diese Pathologisierung und Stigmatisierung sind das eigentliche Problem. So wird aus einem normalen Kind definitiv ein krankes. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Rolle des kranken Kindes von jetzt an zu übernehmen.
Psychopharmaka mit Risiken
Kinder mit Psychopharmaka, welcher Natur auch immer, zu behandeln, ist riskant. Sie stehlen der heranwachsenden Seele einen Teil ihrer Identität, machen sie gefügsam, gehorsam und angepasst und unterdrücken den Drang nach Bewegung sowie den Versuch, aus einem vorgespurten, langweiligen Leben auszubrechen. Die Medikamente machen ein lebhaftes, vielleicht allzu lebhaftes zu einem ruhiggestellten, braven Kind, das nun alle Anforderungen der Gesellschaft erfüllt.
Allerheilmittel Bewegung
Spielerische Bewegung in allen nur denkbaren Formen ist das Mittel der Wahl und mit Abstand die wirksamste Massnahme, um Hyperaktivität zu fokussieren und die Aufmerksamkeit zu schulen. Lässt man den betroffenen Kindern buchstäblich freien Lauf, gehören sie dazu und werden nicht mehr ausgegrenzt. Sie erleben sich wieder als normal und legen wie von selbst mehr und mehr störendes Verhalten ab.
Paradoxe Interventionen
Bei Kindern mit einem vermeintlichem ADHS sollte man wenn immer möglich genau das Gegenteil von dem tun, was heute üblich ist. Wird der Ruf nach einer Sonderklasse laut, sollte das Kind in seiner angestammten Klasse bleiben. Wenn es den Unterricht stört, sollte man es nicht zurechtweisen, sondern ihm eine Auszeit von ein paar Minuten ermöglichen, zum Beispiel im Boxkeller oder im Musikraum. Fordert der Lehrer oder die Lehrerin eine Behandlung mit Psychopharmaka, wird der Lehrperson – und nicht dem Kind – eine Supervision angeboten, die sie fachlich und menschlich unterstützt.
Stärken statt Schwächen
Nicht mehr die angeblichen Defizite werden bewirtschaftet, sondern konsequent die Stärken gefördert. Jedes Kind hat spezielle Fähigkeiten, ganz besonders solche mit einem scheinbaren ADHS. In den meisten Fällen bleiben solche Fähigkeiten unentdeckt. Die andauernde Botschaft an das Kind – Du bist nicht normal – lässt solche Begabungen verkümmern. Zu den Stärken der ADHS-Kinder gehören ein phänomenales Gedächtnis, handwerkliche Geschicklichkeit sowie menschliche Wärme und Kollegialität.
Fazit: Je rigider und konformer das schulische und familiäre Umfeld, desto auffälliger sind Kinder mit angeblichem ADHS. Die Diagnose stempelt sie ein Leben lang. Die Betroffenen brauchen nicht in erster Linie Medikamente, sondern mehr Verständnis und viel Freiraum. Wo sind die Lehrpersonen, Schulbehörden, Psychologen und Eltern, die das endlich kapieren?
Eine neurologische Variante
Die Diagnose kann sehr entlastend sein. Prof. Susanne Walitza, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, erklärt, wie man am besten mit ADHS umgeht.

Prof. Susanne Walitza
Schule
In der Schule über längere Zeit still zu sitzen, zuzuhören und konzentriert zu arbeiten, ist für Kinder seit jeher eine Herausforderung, für manche mehr, für andere weniger. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS zeigt sich dies jedoch deutlich ausgeprägter und nicht nur im schulischen Bereich. Erfahrungen aus dem Schulalltag zeigen, dass Unterricht durch Interaktion und aktive Pausen sinnvoll gestaltet werden kann, so wie es an vielen Schulen bereits umgesetzt wird. Zu bedenken ist auch, dass unbehandelte Kinder und Jugendliche mit ADHS ein deutlich erhöhtes Unfallrisiko haben, auf dem Schulweg, im Klassenzimmer und in der Freizeit.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose ADHS kann für Betroffene und ihre Eltern entlastend wirken, da sie hilft, bislang schwer verständliche Verhaltensweisen einzuordnen und daraus passende Unterstützungsangebote abzuleiten. Im diagnostischen Prozess zeigen sich Patientinnen und Patienten sowie ihre Familien häufig sehr aufgeschlossen; sie suchen Antworten auf ihre Fragen. Viele relevante Informationen können bereits im häuslichen Umfeld erhoben werden, durch Eltern und – wenn möglich – auch durch Lehrpersonen.
Besteht zusätzlich ein Verdacht auf Lernstörungen, umfassen die Tests häufig spielerische neuropsychologische Aufgaben und sind im Vergleich zu schulischen Anforderungen in der Regel gut bewältigbar. Häufig werden Rückmeldungen geäussert wie: „Endlich hat sich jemand Zeit genommen, mein Kind ganzheitlich zu betrachten, statt den Fokus ausschliesslich auf Defizite zu legen.“ Ein zentraler Bestandteil der Diagnostik sind die Stärken der Kinder. Ziel ist es, diese wieder in den Mittelpunkt zu stellen und zu nutzen, um bestehende Schwierigkeiten auszugleichen. Nach Abschluss des diagnostischen Prozesses berichten einige Kinder über ein gesteigertes Gefühl von Selbstakzeptanz und Entlastung.
Zu Beginn der Diagnostik sollte man sich an einen runden Tisch setzen, Kind, Eltern, Lehrpersonen. Man bespricht gemeinsam, in welchen Situationen, zuhause und in der Schule, das Kind Schwierigkeiten hat. Das Kind sollte in diesen Situationen längere Zeit gezielt unterstützt werden. Dabei erfolgt ein kontinuierlicher Austausch mit dem Kind, den Eltern und gegebenenfalls auch mit Lehrpersonen.
Erst bei einer ausgeprägten und umfassenden Beeinträchtigung wird eine Behandlung mit Psychopharmaka in Erwägung gezogen. Der Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen erfolgt in unserer Klinik ausschliesslich nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken. Ziel ist die Linderung behandlungsbedürftiger Symptome.
Eine medikamentöse Therapie muss stets in ein umfassendes Behandlungskonzept eingebettet sein. Die Behandlung soll auf keinen Fall Persönlichkeit oder Kreativität verändern, sondern darauf abzielen, wieder Raum und Zeit für Kreativität sowie für positive zwischenmenschliche Erfahrungen zu schaffen.
Für Jugendliche mit ADHS ist es häufig schwierig, die Anforderungen von Schule oder Ausbildung, die Vielzahl digitaler Angebote sowie die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, sozialer Beziehungen und der Selbstfindung gleichzeitig zu bewältigen. Bevor Medikamente eingesetzt werden, sollten daher alle anderen unterstützenden Massnahmen ausgeschöpft werden. Dazu zählen unter anderem die Förderung von Bewegung, kreativen Aktivitäten, sozialen Kontakten und vor allem gemeinsamer Zeit mit anderen. Auch bei einer medikamentösen Behandlung bleiben diese Strategien ein zentraler Bestandteil der Therapie.
Selbstwirksamkeit
Auch in unserer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik legen wir grossen Wert auf die Förderung von Ressourcen wie Bewegung, Sport und kreativen Aktivitäten, aber auch auf die Entwicklung von Strategien, die die Selbstwirksamkeit unterstützen. Dies ist nicht nur wichtig, um ADHS-Symptome auszugleichen, sondern auch, um der Entwicklung von Angststörungen und Depressionen vorzubeugen. Je nach Alter der Patienten ist die Zusammenarbeit mit den Eltern ein weiterer wichtiger Pfeiler der Behandlung. Hier geht es auch aus unserer Sicht um Verständnis und ebenfalls um Unterstützung, Freiraum, aber auch um eine haltgebende Struktur. Die Atmosphäre im Familienalltag und in der Schule sollte von Wohlwollen und Geduld geprägt sein und man sollte Eltern und Lehrpersonen unterstützende und gegebenenfalls deeskalierende Strategien in die Hand geben.
Ein zentraler Bestandteil der Psychoedukation ist es zudem, verständlich zu vermitteln, dass ADHS nicht ausschliesslich mit Nachteilen verbunden ist, sondern auch mit bestimmten Stärken einhergehen kann. Wissenschaftliche Befunde weisen darauf hin, dass Menschen mit ADHS häufig ein hohes Mass an Neugier, Mut und Risikobereitschaft zeigen. Diese Eigenschaften können – unter geeigneten Rahmenbedingungen – dazu beitragen, neue Ideen zu verfolgen und innovative Projekte umzusetzen.
Diese Potenziale zeigen sich jedoch nicht automatisch bei allen Betroffenen. Insbesondere bei stärker ausgeprägten Symptomen gehen sie häufig mit erheblichen Schwierigkeiten einher. Die heutige wissenschaftliche Perspektive betont daher, dass ADHS weder ausschliesslich als Defizit noch ausschliesslich als Vorteil zu verstehen ist, sondern als eine neurologische Variante, die sehr herausfordernd oder auch sehr nützlich sein kann.
Für viele Betroffene ist eine ADHS mit einem erheblicher Leidensdruck verbunden. Umso wichtiger ist es, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in einem informierten und partizipativen Prozess für eine individuell angepasste Behandlung zu entscheiden, die auch die Angehörigen einbezieht.