Meine sieben goldenen Regeln für eine stressfreie Erziehung

Stressfreie Erziehung, Vater und Kind sind glücklich. Bild: AdobeStock, Urheber: kieferpix

Das gesellschaftliche Umfeld, die ständig steigenden Anforderungen der Schule und insbesondere die sozialen Medien erhöhen den Druck auf die ganze Familie ins Unerträgliche. Gefragt sind nicht ausschweifende Ratgeber, sondern einfach umsetzbare Rezepte. Meine sieben goldenen Regeln sind praxiserprobt und zeigen sofortige Wirkung, erfordern aber Mut, aus gewohnten Denk- und Handlungsmustern auszubrechen. Für diese Haltung werden Deine Kinder Dir ein Leben lang dankbar sein. Das darf ich bei meinen eigenen sechs Kindern bis heute erfahren.

So viel Freiraum wie nur möglich

Gib dem Kind von klein auf einen ganz weit abgesteckten Rahmen, in dem es frei entscheiden und sich bewegen kann. Es soll seinen ganz eigenen Weg im Leben gehen können und nicht die Erwartungen anderer erfüllen müssen, schon gar nicht die seiner Eltern. Akzeptiere, dass Dein Kind dabei Fehler macht und dass sein Weg oftmals nicht gradlinig verläuft. Pflege eine bewusste Fehlerkultur. Fehler sind nicht Niederlagen, sondern notwendige Erfahrungen, die uns reifer machen. Fange das Kind auf und sei bedingungslos für Dein Kind da, wenn es droht, aus dem Rahmen zu fallen. Mache ihm dabei nie Vorwürfe. Mache nie Vergleiche mit anderen Kindern. Habe den Mut, es anders zu machen als man es gewöhnlich in braven Familien macht. Solche paradoxen Interventionen lösen auch schwerwiegende Probleme meistens viel besser als festgefahrene Erziehungsmuster.

Die Schule ist nicht das Mass aller Dinge

Mit dem Eintritt in den schulischen Unterricht verändert sich das Leben eines Kindes radikal. Ein Verhalten wird von ihm verlangt, das eigentlich krank ist, zumindest aus Sicht einer Jäger- und Sammler-Gesellschaft. Stundenlang muss es stillsitzen, den Spiel- und Bewegungsdrang beinahe komplett unterdrücken. Kinder, die das nicht schaffen, werden pathologisiert, geraten in die Hände des Schulpsychologen und werden mit Ritalin behandelt. Hände weg von diesen Drogen! Und vor allem weg mit Sonderklassen. Eine Gesellschaft lebt von Diversität. Eine Klasse braucht starke und schwache Schüler. Und jeder sogenannt schwache Schüler hat auch seine Stärken. Weg mit dem Normierungsdruck! Schluss mit der Psychologisierung und der Pathologisierung! Befreit die Kinder und ihre Eltern von diesem unerträglichen Druck, dass man nur glücklich und erfolgreich wird, wenn man es ins Gymnasium schafft. Es gibt tausend andere Lebensentwürfe. Und liebe Eltern, knüpft Eure Liebe nicht an Bedingungen. Das Kind muss unabhängig von Leistungen und Noten Eure Wertschätzung spüren. Habt den Mut, wenn nötig das Kind in einer anderen Schule zu platzieren, wo die Pufferzone grösser ist. Und lasst die Kinder so viel Sport wie nur möglich machen. Denn spielerische Bewegung heilt.

Keine Verbote von sozialen Medien

In beinahe jedem Land der Welt wird zurzeit heftig diskutiert, ob der Zugang zu sozialen Medien erst ab einem bestimmten Alter erlaubt sein soll. Dass die verschiedenen Plattformen vielfältige negative Auswirkungen auf die Heranwachsenden haben und sogar gesundheitsschädlich sein können, ist unbestritten. Mangelnder Schlaf, fehlende Bewegung, kompetitive Verhaltensweisen, Selbstzweifel, negatives Körperbild und Essstörungen sind nur einige Beispiele. Dennoch braucht es keine Verbote. Sie machen den Konsum von sozialen Medien nur noch reizvoller. Es braucht spannendere Alternativen. Wenn sich ein Kind wieder schmutzig machen darf, wenn es die Welt wieder spielend entdecken kann, wenn seine Freizeit nicht durchorganisiert ist, wird es von selber seinen Social-Media-Konsum einschränken. Liebe Eltern, geht mit gutem Beispiel voran. Unternehmt gemeinsam spannende und ausgefallene Dinge in der analogen Welt. Eine Flussfahrt im Familienboot, ein Trip mit einem Pferdegespann durch den Jura, eine Nacht mit dem Fischer auf einem Schweizer See usw.

Wieder echte Lebensmittel essen

Die Kinder werden von klein auf mit hochverarbeiteten, verführerischen Lebensmitteln gefüttert und ruhiggestellt. Die industriell hergestellten Lebensmittel strotzen nur so von Zucker und Fett und sind wesentlich verantwortlich für die Adipositas-Epidemie, die immer mehr auch Kinder und Jugendliche erfasst. Zeige dem Kind einen wertschätzenden Umgang mit den Nahrungsmitteln. Besucht gemeinsam einen Bauernhof, vielleicht auch eine Metzgerei. Schaut dem Gemüsegärtner über die Schulter. Lässt das Kind, wenn es irgendwie geht, ein eigenes Gärtlein unterhalten. Kauft gemeinsam im Hofladen und auf dem Markt ein. Seid äusserst zurückhaltend mit Aktionen im Supermarkt und Fastfood jeglicher Art. Kocht gemeinsam. Setzt Euch zum Essen wieder zusammen an einen Tisch. Macht das Essen zum Familienereignis des Tages. Richtet das Essen und überhaupt den Tisch liebevoll her. Und benutzt diese Gelegenheiten auch zu ausführlichen Gesprächen.

Genügend schlafen, aber den Schlaf nicht erzwingen

Kleinkinder, die abends nicht einschlafen können oder schon bald wieder aufwachen und dann stundelang verwöhnt werden wollen, rauben ihren Müttern und Vätern jeden Nerv. Für das Elternpaar bedeutet das Stress pur und belastet die Beziehung schwer. Der Leidensdruck wird grösser und grösser, zumal all die gut gemeinten Ratschläge nichts fruchten. Der Schlaf ist eine der häufigsten Fehlerquellen in der Kindererziehung. Es ist ebenso falsch, dem Kind nachts Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es mitten in der Nacht aufwacht, wie es früh ins Bett zu bringen. Das Problem löst man am besten mit Bettrestriktion. Wie geht das konkret? Man verkürzt die Bettzeit, indem man das Kind sehr spät ins Bett bringt. Das darf ohne jegliche Bedenken erst um Mitternacht sein. Wichtig: Das Kind darf zwar spielen oder Hausaufgaben machen oder lesen, aber nicht mit einem Bildschirm agieren. Wird das Kind trotz allem immer noch mitten in der Nacht wach, macht man weder das Licht an noch schenkt man dem Kind besondere Aufmerksamkeit. Ein paar beruhigende Worte im Flüsterton, ein kurzes Streicheln, und das war’s. Ängste, der Schlaf komme bei der Restriktion zu kurz, sind fehl am Platz. Im Gegenteil. Der Schlafdruck wird so aufgebaut, dass das Kind innerhalb weniger Tage zu einem normalen Schlaf zurückfindet. Damit wird eine Chronifizierung des Schlafproblems verhindert.

Reden, reden und nochmals reden

In den meisten Familien wird viel zu wenig miteinander geredet. Je mehr Zeit für Social Media verschwendet wird, desto kürzer wird das Gespräch. Noch schwerer fällt es den meisten, seinem Gegenüber aufmerksam und vorurteilsfrei zuzuhören. Lieber deckt man ihn mit Vorwürfen ein, wenn man nicht grad gleicher Meinung ist. Es braucht unbedingt eine neue Gesprächskultur. Im Zentrum steht dabei das wohlwollende Interesse für den anderen.

Folgende zehn Punkte haben sich dabei bewährt

  • Zuhören, zuhören und nochmals zuhören.
  • Sich in den anderen hineinversetzen.
  • Ungeteiltes Interesse zeigen.
  • Beim Thema bleiben, nicht abschweifen.
  • Mit offenen Fragen anknüpfen.
  • Weder interpretieren noch werten.
  • Sein Gegenüber nicht herabsetzen und verletzen.
  • Keine Vorwürfe und Pauschalisierungen. Konkret bleiben.
  • Von sich sprechen, eigene Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse äussern.
  • Keine vorschnellen Lösungen präsentieren.

Es geht auch ohne Strafen

Strafen jeglicher Art sind Ausdruck eines Machtgefälles und setzen das Kind herab. Das gilt nicht nur für körperliche Strafen, die heute zu Recht verpönt sind, sondern auch für alle anderen Disziplinierungsmassnahmen. Das Kind soll aus Einsicht handeln, nicht aus Angst. Führt man ihm unaufgeregt vor Augen, was sein Tun für Folgen hat, werden Bestrafungen überflüssig. Kinder, die ständig ermahnt oder sogar bestraft werden, leiden in ihrer persönlichen Entwicklung. Es fällt ihnen schwerer, Empathie zu zeigen. Sie entwickeln Aggressionen, die sie offen oder versteckt ausleben müssen. Mach einmal den Versuch, Dein Kind eine ganze Woche lang nicht zu bestrafen, in welcher Form auch immer. Diese Intervention wird ein ganz neues familiäres Klima schaffen, das von einem neuen Verantwortungsbewusstsein und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist.