Eine Reihe hochwertiger Studien konnte zeigen, dass die partielle Meniskusentfernung bei degenerativen Meniskusrissen keinen relevanten Vorteil gegenüber einer Scheinoperation oder konservativen Behandlung bietet. Langzeitdaten legen sogar nahe, dass der Eingriff die Entwicklung einer Kniearthrose fördern könnte.
Degenerative Meniskusrisse unterscheiden sich stark von traumatischen Meniskusverletzungen jüngerer Patienten. Sie entstehen meist schleichend als Folge altersbedingter Gewebeveränderungen und treten häufig gemeinsam mit frühen arthrotischen Prozessen auf.
Die entscheidende Untersuchung wurde 2013 veröffentlicht. In dieser multizentrischen, randomisierten und doppelblinden Studie wurden 146 Patienten im Alter zwischen 35 und 65 Jahren mit degenerativem medialem Meniskusriss ohne radiologisch nachweisbare Arthrose untersucht. Die Patienten wurden entweder einer arthroskopischen partiellen Meniskektomie oder einer Scheinoperation zugeteilt. Bei der Scheinoperation erfolgte eine Arthroskopie ohne Entfernung von Meniskusgewebe. Weder Patienten noch Nachuntersucher kannten die Gruppenzugehörigkeit.
Wegweisende Langzeitdaten
Nach zwölf Monaten zeigten beide Gruppen deutliche Verbesserungen. Zwischen den Gruppen bestanden jedoch keine statistisch oder klinisch relevanten Unterschiede. Die operative Therapie war der Scheinoperation in keinem der untersuchten Grössen überlegen.
Besonders bedeutsam sind die inzwischen vorliegenden Langzeitdaten. Bereits Fünfjahresanalysen sowie weitere randomisierte Studien konnten nachweisen, dass Physiotherapie und operative Behandlung langfristig vergleichbare funktionelle Ergebnisse liefern.
Jetzt wurden die Zehnjahresergebnisse veröffentlicht. Die Autoren berichten, dass sich auch nach einem Jahrzehnt kein patientenrelevanter Nutzen der partiellen Meniskektomie nachweisen liess. Vielmehr deuteten sowohl klinische als auch radiologische Befunde auf mögliche Nachteile der Operation hin. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse „keinen Nutzen und möglicherweise Schaden“ durch die Meniskusresektion nahelegen.
Der Meniskus übernimmt eine zentrale biomechanische Funktion im Kniegelenk. Er verteilt Belastungen, reduziert Druckspitzen und stabilisiert das Gelenk. Wird Meniskusgewebe entfernt, sinkt die Kontaktfläche zwischen dem Oberschenkel- und dem Unterschenkelknochen. Dadurch steigt die lokale Gelenkbelastung deutlich an. Dies kann langfristig zu einer beschleunigten Knorpeldegeneration und Arthrose-Entwicklung führen.
Neue Behandlungsstrategie
Die Zehnjahresdaten weisen auf eine stärkere radiologische Arthrose-Progression bei operierten Patienten hin. Auch frühere Beobachtungsstudien hatten bereits einen Zusammenhang zwischen Meniskektomie und beschleunigter Arthrose-Entwicklung beschrieben.
Die Ergebnisse haben erhebliche Auswirkungen auf die Behandlungsstrategie bei degenerativen Meniskusläsionen. Alles spricht dafür, dass bei den meisten Patienten zunächst konservative Massnahmen durchgeführt werden sollten:
- strukturierte Physiotherapie
- Muskelkräftigung insbesondere der Quadrizepsmuskulatur
- Gewichtsreduktion bei Übergewicht
- Anpassung der körperlichen Belastung
- symptomorientierte Schmerztherapie
Eine routinemässige arthroskopische Teilresektion des Meniskus lässt sich bei degenerativen Meniskusläsionen ohne mechanische Blockierungsphänomene wissenschaftlich nicht mehr rechtfertigen.
Die Ergebnisse beziehen sich ausdrücklich auf degenerative Meniskusrisse bei Erwachsenen mittleren und höheren Alters.
Nicht betroffen sind:
- akute traumatische Meniskusverletzungen bei jüngeren Patienten
- dislozierte Korbhenkelrisse
- echte Gelenkblockaden („locked knee“)
- bestimmte reparable Meniskusverletzungen
Für diese Situationen kann eine operative Therapie weiterhin sinnvoll oder notwendig sein. Auch in der orthopädischen Fachwelt wird betont, dass die Daten nicht auf alle Meniskusprobleme übertragen werden dürfen.
Kein klinisch relevanter Vorteil
Die neue Studie stellt einen Meilenstein der evidenzbasierten Orthopädie dar. Sie zeigte erstmals in einer methodisch hochwertigen, Placebo-kontrollierten Untersuchung, dass die arthroskopische partielle Meniskektomie bei degenerativen Meniskusrissen keinen klinisch relevanten Vorteil gegenüber einer Scheinoperation bietet. Langfristige Nachbeobachtungen über zehn Jahre bestätigen diese Ergebnisse und deuten sogar auf eine mögliche Förderung arthrotischer Veränderungen hin.
Die heutige Beweislage spricht daher dafür, degenerative Meniskusläsionen primär konservativ zu behandeln und operative Eingriffe auf klar definierte Ausnahmeindikationen zu beschränken. Die Studie gilt als klassisches Beispiel einer medizinischen Umkehr, bei der eine weit verbreitete Therapie durch hochwertige Forschung als unwirksam oder potenziell schädlich identifiziert wird.