Mit Hyaluronsäure Arthrose in den Griff bekommen

Grosses Echo auf unseren Bericht über die Behandlung von Arthrose mit ­Hyaluronsäure. Dr. med. Martin Toniolo beantwortet die 13 wichtigsten Fragen.

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Warum bekommt fast jeder im Laufe seines Lebens Arthrose?

Verschiedene Faktoren spielen zusammen, die zur Funktionseinbusse des Knorpels führen. Das Alter, das Geschlecht, erbliche Veranlagung, Gelenkverletzungen, aber auch eine chronische Überlastung der Gelenke. Frühzeichen sind Anlaufschwierigkeiten nach dem Aufstehen am Morgen oder nach längerem Sitzen, Steifigkeit der Gelenke am Morgen und Schmerzen zum Beispiel beim Abwärtsgehen. Arthrose trifft häufig übergewichtige oder körperlich schwer arbeitende Menschen. Sie kann aber auch Folge einer entzündlichen Rheumaerkrankung wie Arthritis sein. Man spricht dann von einer sekundären Arthrose. Die Ursache ist bis heute aber nicht genau geklärt.

Lässt sich trotzdem etwas tun?

Ja. Schon bevor der Knorpel geschädigt ist, sollte man Übergewicht reduzieren und sich regelmässig bewegen. Menschen mit überbeweglichen Gelenken – der sogenannten ligamentären Hypermobilität – müssen die gelenkstabilisierende Muskulatur kräftigen. Sie reduzieren damit ungünstige Belastungen der Gelenke.

Welche Gelenke sind am häufigsten betroffen?

Knie-, Hüft- und Fingergelenke. Arthrose kann aber auch an der Wirbelsäule auftreten.

Wann sollte man zum Arzt?

Mit Arthrose sollte man in jedem Fall bald zum Arzt. Spätestens dann, wenn die Beschwerden immer wieder im gleichen Gelenk oder in mehreren Gelenken auftreten. Wenn das Gelenk bereits geschwollen, rot oder warm ist, sollte man schnell handeln.

Der Knorpel hat keine eigene Blutversorgung. Wie ernährt er sich?

Er holt sich die Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit und – vor allem bei jungen Menschen – aus dem knorpelnahen Knochenmark. Die Gelenkflüssigkeit enthält Hyaluronsäure, die für den Stoffwechsel des Knorpels wichtig ist. Zur Ernährung aus der Gelenkflüssigkeit und zur Regeneration braucht der Knorpel aber mechanische Reize. Sanfte Belastung gefolgt von Entlastung, wie sie sich beim Wandern und Velofahren abwechseln, ist darum gesund für die Gelenke.

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Dr. med. Martin Toniolo, Facharzt für Rheumatologie, Allgemeine Innere Medizin

Wie hilft Hyaluronsäure bei der Therapie?

Da Hyaluronsäure-Moleküle fadenartig und lang sind, verleihen sie der Gelenkflüssigkeit eine hohe Viskosität. Sie schmieren das Gelenk und dämpfen Stösse. Die Hyaluronsäure wirkt aber auch entzündungshemmend, regenerierend und ist für den Knorpelstoffwechsel wichtig. Bei Patienten mit Arthrose verändert sich die körpereigene Hyaluronsäure: Die grossen Moleküle werden aufgespalten und immer kleiner. Dies führt unter anderem zu einer Verschlechterung ihrer mechanischen, viskoelastischen, entzündungshemmenden und regenerierenden Eigenschaften. Mit einer Injektion direkt ins betroffene Gelenk kann man die Hyaluronsäure schnell und schmerzlos auffrischen.

Wie lange wirkt diese Behandlung?

Die Wirkungsdauer ist je nach Präparat unterschiedlich. Je grösser die Hyaluronsäure-Moleküle und je höher ihre Konzentration, desto länger dauert es, bis sie abgebaut sind. Wie lange und ob sie ausreichend wirken, ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Es gibt Patienten, die nach einer Gelenkinjektion über viele Jahre beschwerdefrei sind, und andere, bei denen die Wirkung nur kurz anhält oder gering ist. Bei diesen Patienten ist der Knorpelschaden oft schon zu weit fortgeschritten.

Welches sind mögliche unerwünschte Effekte einer Hyaluronsäure-Injektion?

Bei jeder Injektion besteht das geringe Risiko einer Infektion. Es lässt sich aber durch eine streng sterile Injektionstechnik minimieren. Am Tag der Injektion muss die Injektionsstelle trocken bleiben; die Patienten dürfen nicht duschen oder baden. Gelegentlich kann es zu Lokalreaktionen wie vermehrte Schmerzen, Rötung oder Überwärmung kommen. Diese sind harmlos und werden mit Eis und entzündungshemmenden Medikamenten behandelt. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht bekannt, auch nicht im übrigen Körper, denn die Hyaluronsäure wirkt nur in dem Gelenk, in das sie gespritzt wurde.

Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Hyaluronsäure-Präparaten?

Ja, in der Zusammensetzung, in der Anzahl der empfohlenen Injektionen pro Therapie und im Preis. Es gibt Präparate mit Hyaluronsäure mit hohem Molekulargewicht und solche mit niedrigem. Sie unterscheiden sich zum Teil in der Molekülstruktur, in der Art der Gewinnung der Hyaluronsäure und dem Volumen der Spritzen.

Worauf achten Sie selber?

Es kommt auf die Gelenkgrös­se an. Ich wähle ein Präparat, das gleichzeitig Hyaluronsäure mit hohem und niedrigem Molekulargewicht enthält und zu einem fairen Preis erhältlich ist.

Wann sollte man die Behandlung mit Hyaluronsäure wiederholen und wie oft kann man das tun?

Bei jungen Patienten und Sportlern macht es Sinn, die Infiltration mit der Spritze bereits nach einigen Monaten zu wiederholen. Bei allen anderen erst dann, wenn die Beschwerden wieder zurückkommen. Da keine gefährlichen Nebenwirkungen zu erwarten sind, dürfte man die Behandlungen theoretisch unbegrenzt wiederholen.

Nicht alle Ärzte machen intra-artikuläre ­Injek­tionen. Worauf sollten Arthrose-Patienten bei der Arztwahl achten?

Der Arzt muss Erfahrung mit Gelenkinfil­trationen haben und absolut steril arbeiten.

Obwohl sie es könnten, starten viele Ärzte die Arthrose-Behandlung nicht mit Hyaluronsäure. Wie machen Sie es?

In erster Linie ist es wichtig, die Therapie möglichst früh zu beginnen und sie auf den Patienten abzustimmen. Da wir noch kein Wundermittel haben, wählen wir meist eine Kombination aus einer Schmerz- und Entzündungskontrolle sowie regenerativen Massnahmen. Zur Regeneration haben sich Hyaluronsäure als Spritze, Chondroitinsulfat und Glucosaminsulfat sowie eine Optimierung des Vitamin-D-Spiegels bewährt. Eine sehr gute Ergänzung zur Reduktion von Übergewicht und für mehr Bewegung sind Faszientechniken und gelenkschonendes Muskeltraining. Bei mir entscheiden die Patienten, ob sie gleich zu Beginn eine Infiltration des Gelenkes mit Hyaluronsäure wollen oder ob sie zunächst den Verlauf unter den vorher genannten Massnahmen über die nächsten drei bis sechs Monate beobachten möchten.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 04.02.2021.

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