Revolution im Kampf gegen Darmkrebs

Darmkrebs Fritsch Turina Pohl Garcia Schueler 004 PD Dr. Daniel Pohl (Gastroenterologie), Dr. Ralph Fritsch (Onkologie), Dr. Helena Garcia-Schüler (Radioonkologie) und Prof. Matthias Turina (Viszeralchirurgie)

Muss heute noch jemand an Darmkrebs sterben?

Trotz aller Fortschritte sterben leider noch immer viel zu viele Menschen an Darmkrebs. Die Erkrankung ist häufig und in fortgeschrittenen Stadien auch heute oft noch nicht heilbar. Durch konsequente Vorsorge und Verbesserung von Diagnostik und Therapie werden aber immer mehr Patienten geheilt.

Was hat die Behandlung von Darmkrebs so ­revolutioniert?

Jede einzelne Disziplin ist besser geworden. Hochauflösende Endoskopie, minimal-invasive und roboterassistierte Chirurgie, Hochpräzisions-Strahlentherapie, moderne, genau auf den individuellen Tumortyp abgestimmte Chemotherapie. Ganz entscheidend ist jedoch die konsequente Zusammenarbeit der Disziplinen in einem Zentrum, wo individuelle Behandlungspläne erstellt und immer wieder neu angepasst werden, um das Optimale für jede einzelne Patientin herauszuholen.

Dazu kommt eine echte Revolution – die Krebsimmuntherapie. Antikörper, die gezielt körpereigene Abwehrzellen gegen den Krebs aktivieren. Sie wirken zwar bislang nur bei einem kleinen Teil der Darmkrebspatienten, bei diesen gibt es jedoch sensationelle Verläufe.

Wovon profitiert ein Patient mit Darmkrebs, wenn er zu Ihnen kommt?

Universitäre Zentren wie das Universitätsspital Zürich haben das Glück, viel Expertise von Ärzten und Pflegenden unter einem Dach bündeln zu können und gleichzeitig über modernste Ausstattung in Schlüsselbereichen zu verfügen. Zudem haben wir das erste Comprehensive Cancer Center der Schweiz etabliert, was ein sehr breites Angebot für die Patienten ermöglicht und gleichzeitig Nähe zur exzellenten Wissenschaft am Standort Zürich fördert.

Zwei Schlüsselbegriffe sind Präzisionsonkologie und Flüssigbiopsie. Was versteht man darunter?

Präzisionsonkologie ist eine Revolution in der Krebsbehandlung, weil man nicht mehr nach der einen besten Behandlungsart für alle Darmkrebspatienten sucht, sondern die Behandlung möglichst exakt dem Tumor des einzelnen Patienten anpasst. Das steigert die Wirksamkeit und erspart den Patienten unnötige Nebenwirkungen.

Die Flüssigbiospie ist ein Spezialverfahren der Präzisionsonkologie, bei der winzige Tumorbestandteile in der Blutbahn nachgewiesen werden. Dieses Verfahren kann zur individuellen Therapiesteuerung verwendet werden.

Welche Fortschritte machte die chirurgische Entfernung von Metastasen?

Die Metastasenchirurgie hat sehr grosse Fortschritte gemacht, insbesondere bei Lebermetastasen, der mit Abstand häufigsten Form von Darmkrebsmetastasen. Hier ist es wirklich wichtig, dass Patienten an einem leberchirurgisch erfahrenen Zentrum beurteilt werden. Tumorfreiheit lässt sich in vielen Fällen aber erst durch eine multimodale Therapie erreichen. Zunächst werden Metastasen durch eine individualisierte Chemotherapie verkleinert, danach wird operiert und am Ende oft nochmals chemotherapiert, um das Rückfallrisiko zu reduzieren. Das erfordert eine gute Strategie und enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Spezialisten.

Was sagen Sie zum Wunsch vieler Krebspatienten, sich nicht nur schulmedizinisch, sondern auch mit Komplementärmedizin behandeln zu lassen?

Wir unterstützen am Universitätsspital Zürich ausdrücklich ganzheitliche Ansätze. Natürlich geht es in erster Linie um die Erkrankung, aber nicht nur, sondern auch um den Patienten als Mensch. Wir arbeiten eng mit unserem Institut für komplementäre und integrative Medizin zusammen, weil es wichtig ist, aus der Vielzahl der Angebote Seriöses und Sinnvolles herauszufiltern und diese Ansätze auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Für uns Spezialisten ist es mitunter schwierig und für Patienten unmöglich, sich eine ­objektive Meinung zu bilden.

Stimmt es, dass Darmkrebs bei jüngeren ­Menschen immer häufiger wird?

Das ist eindeutig der Fall, und die Gründe dafür liegen weitgehend im Dunklen. In vielen westlichen Ländern nehmen Häufigkeit und Sterblichkeit von Darmkrebs bei den älteren Menschen kontinuierlich ab, was man auf die konsequente Vorsorge mit Darmspiegelung zurückführt. Bei jüngeren Patienten unter 50, die von Vorsorgeprogrammen nicht erfasst werden, ist dagegen eine deutliche Zunahme von Darmkrebs zu verzeichnen. Aber Grund zur Panik gibt es nicht. Nur circa zehn Prozent aller Darmkrebsfälle betreffen Menschen unter 50, und absolut gesehen ist Darmkrebs bei jungen Patienten noch immer selten.

Könnte man nicht die meisten Fälle von ­Darmkrebs verhindern?

Vorsorge und Wachsamkeit retten Leben. Darmkrebs ist eine der wenigen Krebsarten, gegen die wir wirksam Vorsorge betreiben können. Die Vorsorgekoloskopie, also die Dickdarmspiegelung, verhindert viele Erkrankungen oder entdeckt sie in frühen, gut heilbaren Stadien. Jeder sollte die angebotenen Vorsorgeprogramme annehmen und sich darmspiegeln lassen. Vorsorge muss aber personalisiert sein. Wer zum Beispiel ein hohes familiäres Risiko für Darmkrebs hat, muss möglicherweise früher zur Spiegelung, nicht erst mit 50. Verdächtige Symptome, beispielsweise ungeklärter Eisenmangel oder Blut im Stuhl, müssen auch bei jungen Menschen ernst genommen und konsequent abgeklärt werden.

Interview: Dr. Ralph Fritsch, Leiter des Darmkrebszentrums

Unter dem Dach des Comprehensive ­Cancer Center Zürich sind 17 Fachbereiche zu einzelnen Organzentren zusammengefasst.