Jeden Tag hat sie am Blasenzentrum Zürich mit Harnwegsinfekten zu tun. «Es lohnt sich, so lange wie möglich auf Antibiotika zu verzichten», weiss die Gynäkologin aus langjähriger Erfahrung. Der Grund ist so einfach wie klar. Antibiotika wurden in der Vergangenheit in vielen Bereichen zu häufig und teilweise auch falsch eingesetzt. Darum haben sich die Bakterien an die Medikamente gewöhnt. Antibiotika haben dann keine Wirkung mehr – aber Nebenwirkungen. «Sie zerstören auch die guten Bakterien in der Darm- und der Intimflora. Und sie können Allergien und Kollateralschäden verursachen. Eine einfache Blasenentzündung, die keine Komplikationen macht, sollte man darum primär immer ohne Antibiotikum behandeln. Auch das Bundesamt für Gesundheit weist uns an, die Antibiotikagaben so weit wie möglich zu reduzieren.»
Zurückhaltender Einsatz schützt die Gesundheit
Die Erfahrungen sprechen ohnehin für den sparsamen Einsatz. «In der Regel dauert die Heilung einer unkomplizierten Blasenentzündung nur wenig länger als mit Antibiotika. Es braucht aber mehr Geduld, eine gute Aufklärung und letzten Endes auch Durchhaltewillen.» Wann gilt eine Blasenentzündung denn als kompliziert? «Ein komplizierter Harnwegsinfekt wird von Fieber, allenfalls Schmerzen im Bereich einer Niere sowie Verschlechterung des Allgemeinzustandes und Abgeschlagenheit begleitet. Solch ein aufsteigender Infekt verursacht im Unterschied zur einfachen Blasenentzündung auch Veränderungen im Blut, die sich in ansteigenden Entzündungswerten äussern. In diesem Fall muss in der Regel zwingend antibiotisch behandelt werden, damit sich kein bedrohliches Krankheitsbild entwickelt.»
Warnzeichen ernst nehmen
Wie sollen Frauen auf erste Anzeichen reagieren, zum Beispiel auf leichtes Brennen und Ziehen? «Sofort die Trinkmenge erhöhen, mit pflanzlichen Therapien beginnen, D-Mannose einnehmen, aber auch entzündungshemmende Medikamente wie Ibuprofen. Oft hilft eine Wärmflasche auf dem Bauch. D-Mannose spielt nach wie vor eine wichtige Rolle, denn die E.-coli-Bakterien, welche die Blasenentzündung verursachen, docken an der D-Mannose im Urin an und werden ausgeschieden. D-Mannose sollte deshalb sehr früh, also schon beim kleinsten Verdacht auf eine Blasenentzündung und auch prophylaktisch eingesetzt werden. Auch Phytotherapeutika, also pflanzliche Arzneimittel, sollte man früh einnehmen. Es gibt Studien, die pflanzlichen Kombinationsprodukten eine den Antibiotika ebenbürtige Wirkung attestieren. Ich empfehle Phytotherapeutika gerne auch zur Stabilisierung nach einem überstandenen Infekt», sagt Dr. Ziviello Yuen.
Handeln statt abwarten
Es wird gesagt, betroffene Frauen sollen auf Kaffee, Alkohol und säurehaltige Getränke verzichten. Warum? «Koffein, Alkohol und kohlensäurehaltige Getränke können Reizblasenbeschwerden auslösen oder verstärken. Das ist sehr unangenehm, wenn ohnehin bereits Reiz- und Drangbeschwerden im Infekt vorhanden sind.» Aber Preiselbeer- oder Cranberrysaft ist doch auch sauer? «Ja, aber im Cranberrysaft sind Proanthocyanidine enthalten, denen nachgesagt wird, dass sie die Anhaftung der Bakterien an der Blasenwand hemmen können.»
Etwas neuer ist die Therapie, bei der Chondroitinsulfat und Hyaluronsäure in Form eines flüssigen Gels direkt in die Blase instilliert wird. Die Blase darf in dieser Zeit nicht akut entzündet sein. Das Gel wird über einen Zeitraum von ein paar Wochen regelmässig direkt in die Blase gespritzt. Diese Therapie findet in der Praxis statt. «Wir machen gute Erfahrungen mit solchen Blaseninstillationen. Laut Studien kann man damit rund zweieinhalb Infekte pro Jahr verhindern und den Gebrauch von Antibiotika reduzieren.»
Immunisierung
Was können betroffene Frauen sonst noch tun? «Sie können über eine Schluckimpfung mit den krankheitsauslösenden E.-coli-Bakterien eine Immunisierung machen. Damit lässt sich die Infekthäufigkeit um rund einen Drittel reduzieren. In der Peri- und Postmenopause profitieren die allermeisten Frauen von einer lokalen Östrogentherapie in Form von Cremen, wenn keine spezifischen Kontraindikationen dafür vorhanden sind. Die Infektfrequenz nimmt ab, der Scheiden-pH-Wert wird saurer, und die erwünschten Laktobazillen nehmen zu.»
Ganz besonders wichtig ist laut Dr. Ziviello Yuen auch die Phase nach einer durchgemachten Blasenentzündung, besonders wenn die Therapie doch den Einsatz von Antibiotika nötig machte. «Danach kann es lohnenswert sein, die zerstörte Darm- und Scheidenflora wieder behutsam aufzubauen. Es gibt Präparate, die direkt in die Scheide appliziert werden, aber auch Probiotika, die man einnimmt. Die Datenlage dazu ist aber sehr dünn. Aus meiner Sicht ist Vorsorge immer noch die beste Therapie.»
Weitere Infos erhalten Sie unter www.blasenzentrum.ch
