Was sind die Auslöser für diese Art von ungewolltem Urinabgang?
Husten, Niesen, Lachen, Sport, Rennen, Tanzen oder Trampolinspringen. Alles Dinge, die ruckartig zu erhöhtem Druck im Bauchraum führen.
Warum passiert das?
Die Ursache liegt im Beckenboden. Der Blasenschliessmuskel und der Kontinenzmechanismus halten derartigen Extremsituationen nicht mehr stand.
Aber früher ging es doch auch. Was hat sich verändert?
Schwangerschaften und vaginale Geburten können den Beckenboden stark belasten. Zusätzliche Risikofaktoren sind Übergewicht und Alter, bei Senkungen kommen chronische Verstopfung oder chronischer Husten hinzu, kurzum alle Situationen, die den Beckenboden akut oder über die Jahre hinweg strapazieren. Dadurch können Gewebestrukturen geschwächt oder sogar geschädigt werden. Auch eine genetische Veranlagung zu schwachem Bindegewebe erhöht das Risiko für eine Belastungsinkontinenz.
Es gibt aber auch jüngere Frauen und solche, die keine Geburten durchgemacht und trotzdem Probleme haben.
Hier sind es in erster Linie das Gewicht, sportliche Extrembelastungen und die Genetik. In einer norwegischen Studie war jede zwölfte Frau im Alter von 20 Jahren von Belastungsinkontinenz betroffen. Ab 50 beinahe jede vierte, dann aber auch von einer Mischform mit Reizblase.

Wie funktioniert ein gesunder Schliessmechanismus bei der Frau?
Im Wesentlichen beruht er auf drei Dingen. Erstens auf einem intakten und möglichst kräftigen Schliessmuskel der Harnröhre, zweitens auf einem starken Konstrukt aus speziellen Bändern im Bereich der Harnröhre und drittens auf einer kräftigen Beckenbodenmuskulatur. Husten zum Beispiel erhöht den Druck im Bauchraum. Der Beckenboden zieht sich reflexartig zusammen, die Harnröhre wird an die Bänder gedrückt, komprimiert und abgedichtet. Der Schliessmuskel hilft seinerseits beim Abdichten. Ein geniales System. Erst wenn dieses geschwächt ist, kann es zu ungewolltem Urinverlust kommen.
Was kann man tun?
Zuerst sollte man eine spezialisierte, angeleitete Beckenboden-Physiotherapie in Anspruch nehmen. Auf diese Weise wird die Muskulatur gekräftigt und die Koordination verbessert. Da der Beckenboden oft nicht bewusst wahrgenommen und auch nicht korrekt angesteuert wird, lohnt sich dieses Training. Daneben kann man Inkontinenztampons verwenden, die in die Scheide eingeführt werden und die Harnröhre zusätzlich unterstützen. Medikamente haben in der Behandlung der Belastungsinkontinenz – im Gegensatz zur überaktiven Blase – keinen grossen Stellenwert.
Und wenn diese Massnahmen nicht ausreichend sind?
Mit der Inkontinenzschlinge, die auch als Harnröhrenband bezeichnet wird, steht eine operative Methode zur Verfügung, die die Lebensqualität und Kontinenz der meisten betroffenen Frauen wiederherstellen kann. Die minimal-invasive Einlage der Schlinge ist oft eine sehr gute Lösung. Die Schlinge wird schmerzfrei, über kleine Schnitte von wenigen Millimetern, in örtlicher Betäubung mit Beruhigungsmedikamenten eingesetzt. Wenn die Harnröhre hingegen wenig beweglich und schwach ist, kann die Unterfütterung mit einem Quellmittel die idealere Lösung sein; sie ist dank minimal-invasiver Technik ebenfalls sehr risikoarm.
Wer entscheidet, was gemacht wird?
Welche Art der Inkontinenzoperation gemacht wird, hängt von unseren urogynäkologischen Untersuchungsbefunden ab. Entscheidend für den Zeitpunkt ist der Behandlungswunsch der Patientin, denn wichtiger als der Schweregrad und die objektive Menge des Urinverlustes ist der subjektive Leidensdruck. Für die eine Frau ist bereits ein tropfenweiser Urinverlust enorm belastend. Eine andere Frau verliert nur während der Untersuchung viel Urin, fühlt sich im Alltag aber aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität gar nicht gross beeinträchtigt.
Weitere Infos: www.blasenzentrum.ch