Sport und ADHS – mehr Aufmerksamkeit durch Bewegung?

Confused memory, remember mind. Puzzled chaos. Person amnesia. Bild: AdobeStock, Urheber: Andrii-Zastrozhnov

In Europa steigt die Anzahl der Kinder, die Medikamente gegen ADHS einnehmen. Bereits 4 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 0 bis 19 Jahren nehmen regelmässig Ritalin & Co. Ob eine Person die Diagnose ADHS erhält, hängt vom jeweiligen Land und vom Zeitpunkt ab. Und von der Definition selbst. Als Hauptsymptome werden Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivität und Impulsivität angegeben. Diese können Verhalten, Emotionsregulation sowie exekutive Funktionen, etwa Planen und Impulshemmung, beeinträchtigen und schulische Leistungen und soziale Kompetenzen negativ beeinflussen.

Die Einnahme von ADHS-Medikamenten kann auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Leistungsanforderungen stehen. Eine Schweizer Umfrage im Rahmen der Rekrutierungstage zeigt, dass rund 2 Prozent der Männer regelmässig ADHS-Medikamente wie Ritalin oder Concerta einnehmen. Viele mit der Hoffnung, wacher, konzentrierter und leistungsfähiger zu sein.

Vor dem Hintergrund steigender Diagnoseraten und Medikamentenverschreibungen soll der Fokus auf eine Alternative gelegt werden, die sich positiv auf Aufmerksamkeit und kognitive Funktionen auswirken kann: Bewegung.

Bewegung fördert Konzentration

Eine Übersichtsarbeit von 15 Studien mit insgesamt 734 Kindern und Jugendlichen mit ADHS bestätigt, dass regelmässige Bewegung, 2 bis 3 Mal pro Woche über 2 bis 3 Monate, die Konzentrationsfähigkeit verbessert. Die aufmerksamkeitsfördernde Wirkung ist schon nach einer einzigen Bewegungseinheit beobachtbar. 23 Erwachsene mit ADHS schnitten bei einem kognitiven Test zur Messung von Aufmerksamkeitskontrolle nach 30 Minuten Velofahren besser ab als nach 30 Minuten Fernsehen.  

Welche Bewegungsformen eignen sich am besten? Übersichtsarbeiten legen nahe, dass Open-Skill-Aktivitäten exekutive Funktionen, die stark von der Aufmerksamkeitskontrolle abhängen, besonders effektiv verbessern. Open-Skill-Aktivitäten sind Sportarten mit variierender Umgebung, bei denen Entscheidungen situativ getroffen werden müssen, wie beim Fussball, Tennis, Pingpong oder bei Kampfsportarten. Als Beispiel dient hier eine Studie aus Taiwan. Nach drei Monaten Pingpong-Training an zwei Tagen pro Woche zeigten 15 Kinder mit ADHS Verbesserungen in ihren exekutiven Funktionen.

Es müssen aber nicht immer Spielsportarten sein. Bereits ein 20-minütiger Spaziergang im Park kann die Aufmerksamkeit von Kindern mit ADHS verbessern. Und es profitieren nicht nur Kinder. Bewegung fördert auch bei Erwachsenen ohne ADHS-Diagnose die Konzentrationsfähigkeit und Kreativität.

Bewegung und Impulskontrolle

Die Beziehung zwischen Bewegung und Selbstkontrolle ist vermutlich bidirektional. Einerseits bewegen sich Personen mit höherer Selbstkontrolle häufiger, andererseits scheint Bewegung selbst zur Verbesserung der Selbstkontrolle beizutragen. Beispielsweise zeigen Erwachsene, die sich mehr bewegen, im Durchschnitt eine geringere Impulsivität. Hilft das auch bei ADHS?

Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass regelmässige Bewegung Hyperaktivität und Impulsivität bei Personen mit ADHS reduzieren kann. Die effektivsten Bewegungsformen waren dabei Closed-Skill-Aktivitäten. Das sind Bewegungsformen unter konstanten und vorhersehbaren Bedingungen, wie das beim Wandern, Joggen, Velofahren oder Krafttraining zutrifft. Der repetitive, meditative Charakter dieser Sportarten scheint beruhigend und regulierend zu wirken.

Bewegung ist also in der Lage, Kernsymptome von ADHS positiv zu beeinflussen. Hat Bewegung auch Auswirkungen auf weitere ADHS-Symptome, Verhalten und schulische Leistung?

Chancen und Grenzen von Bewegung bei ADHS

Eine umfassende Zusammenfassung der Literatur zu Bewegung und ADHS bei Kindern und Erwachsenen listet zahlreiche Studien auf, die von positiven Auswirkungen auf kognitive Kontrolle, schulische Leistungen, z. B. Leseverständnis und Arithmetik, sowie auf Verhaltens- und emotionales Funktionieren berichten.

Doch nicht alle Studien zeigen positive Auswirkungen. Die Befunde sind teilweise inkonsistent, wie sich etwa am Beispiel des Arbeitsgedächtnisses zeigt: Einige Studien berichten von einer Verbesserung, andere finden keine Effekte. Diese Unterschiede hängen zumindest teilweise mit dem Studiendesign zusammen. Die Effekte von Bewegung variieren je nachdem, ob sie akut oder regelmässig durchgeführt wird, vom Alter der Teilnehmenden sowie von der jeweiligen Bewegungsform.

Fazit

Insgesamt spricht die aktuelle Studienlage dafür, dass Bewegung bei ADHS sowie zur Förderung kognitiver Leistungsfähigkeit wirksam ist. Bewegungsformen in dynamischen oder variierenden Umgebungen, z. B. Spielsportarten, sind effektiv, um die Aufmerksamkeit zu fordern. Repetitive Bewegungsformen wie Joggen, Schwimmen, oder Velofahren können helfen, die Impulsivität zu regulieren. Besonders motivierend ist der Befund, dass positive Effekte bereits nach einer einzelnen Bewegungseinheit nachweisbar sind. Analog zur Neurodiversität liegt auch in der Vielfalt der Bewegungsformen besonderes Potential.