Es ist die häufigste Hauterkrankung im Kindesalter. Bis zu 20 Prozent der Kinder und 5 Prozent der Erwachsenen sind in der Schweiz von der Atopischen Dermatitis, auch Neurodermitis genannt, betroffen. Die Hauptursache ist eine genetisch bedingte Störung der Hautschutzbarriere. Durch den verminderten Schutz kommt es zu vermehrtem Wasserverlust über die Haut. Sie trocknet aus. Reizstoffe und Allergene können einfach über die Haut eindringen. Die roten, schuppenden, manchmal nässenden Ausschläge und der belastende Juckreiz sind für Betroffene eine Qual.
Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier über Ursachen, Behandlung und neue Therapien.
Welches sind die ersten Symptome einer Atopischen Dermatitis?
Trockene, juckende Haut, dann auch leichte Hautrötungen und Schuppen. Typisch ist ein symmetrisches Auftreten, also dass meistens beiden Kniekehlen oder Ellenbeugen betroffen sind.
Kann man die Krankheit in Schach halten, wenn man frühzeitig zum Arzt geht und die allergieauslösenden Faktoren meidet?
Nur sehr bedingt. Gute Hautpflege kann den Juckreiz mindern und das Entstehen von Ekzemen reduzieren. Eine vorbeugende Wirkung ist aber bisher nicht bewiesen. Allergien auf Nahrungsmittel spielen zudem nur bei wenigen Betroffenen eine zentrale Rolle. Mögliche allergieauslösende Nahrungsmittel vorbeugend zu vermeiden, wird nicht mehr empfohlen. Eine abwechslungsreiche Ernährung im frühen Kindesalter ist besser als restriktive Eliminationsdiäten.
Wie stark wirkt sich die genetische Veranlagung aus?
Als Ursachen für die Neurodermitis werden heutzutage eine verminderte Barrierefunktion der Haut, ein verändert reagierendes Immunsystem und eine andere Zusammensetzung der Bakterien in Haut und Darm angesehen. Genetische Faktoren beeinflussen alle diese Aspekte, aber nicht ausschliesslich. So spielen auch Umweltfaktoren, Körperpflege und Lebensstil eine Rolle.
Warum ist eine frühzeitige Abklärung so wichtig?
Gerade bei Nahrungsmittel- und Atemwegsallergien können so schwere Allergien wie Allergisches Nesselfieber oder Kreislaufreaktionen sowie chronische Atembeschwerden verhindert oder deren Risiko besser erkannt werden. Auf der anderen Seite lassen sich unnötige Eliminationsdiäten vermeiden, wenn gewisse Allergien ausgeschlossen werden.
Was versteht man unter dem Atopischen Marsch?
Der Atopische Marsch bedeutet, dass auf Neurodermitis oft Nahrungsmittel- und später Atemwegsallergien wie Heuschnupfen sowie allergisches Asthma folgen. Dieser Ablauf gilt heute nicht mehr als unumstritten. Es scheint jedoch, dass bei schwerer Neurodermitis im Kleinkindesalter die Wahrscheinlichkeit doch erhöht ist, später Atemwegsallergien zu bekommen.
Wie sieht das vierstufige Therapiemanagement aus?
Erstens: Hautpflege, Rückfettung der Haut, Patienten-Ausbildung bei leichter Neurodermitis.
Zweitens: Anwendung von entzündungshemmenden lokalen Substanzen wie Crèmen, Salben, Lotionen auf Cortison-Basis oder anderen entzündungshemmenden Substanzen bei leichter bis mittelschwerer Neurodermitis.
Drittens: Wie unter Punkt 2, aber vermehrter Einsatz von lokalen Substanzen mit höherer Stärke oder Konzentration, ergänzt um zusätzliche Massnahmen, unter anderem Lichttherapie bei mittelschwerer Neurodermitis.
Viertens: Anwendung von innerlich wirksamen Medikamenten wie Tabletten und Spritzen bei mittelschwerer und schwerer Neurodermitis.
Wann kommen Biologika zum Zug?
Biologika wie auch Janus-Kinase-Inhibitoren kommen in Stufe 4, also bei mittelschwerer und vor allem schwerer Neurodermitis zum Einsatz, falls mit anderen innerlich eingesetzten Medikamenten kein ausreichender Erfolg erzielt werden kann.
Wie wirken sie?
Biologika sind Medikamente, die hochselektiv einzelne Botenstoffe des Immunsystems hemmen. Sie kommen bisher als Spritzen zum Einsatz. Janus-Kinase-Inhibitoren hemmen die Regulation mehrerer Botenstoffe an unterschiedlichen Stellen des Immunsystems. Diese werden bei der Neurodermitis in Tablettenform eingesetzt. Die Substanzgruppe kann auch lokal in Salben oder Crèmen eingesetzt werden und ist in grossen Studien als sehr wirksam beim Handekzem eingesetzt worden.

Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier