Wenn das Smartphone wichtiger ist als der Instinkt

Woman use of cellphone Bild: AdobeStock, Urheber: leungchopan

Immer wieder zeigen sich in Gefahrensituationen Verhaltensmuster, die irritieren, besonders bei jungen Menschen. Anstatt bei klar erkennbaren Risiken instinktiv zu fliehen, wird gezögert, gefilmt oder fotografiert. Szenen wie bei einem Brand in Crans-Montana, bei dem Augenzeugen von Menschen berichten, die die brennende Decke dokumentierten statt den Raum zu verlassen, stehen sinnbildlich für ein tieferliegendes Problem unserer Zeit.

Diese Reaktion ist nicht zwangsläufig Ausdruck von Gleichgültigkeit oder Dummheit. Vielmehr spiegelt sie eine veränderte Wahrnehmung von Realität wider. Wer mit dem Smartphone aufgewachsen ist, erlebt die Welt oft durch eine Linse. Ereignisse werden nicht nur erlebt, sondern gleichzeitig archiviert, geteilt und bewertet. Der Impuls, etwas festzuhalten, kann in kritischen Momenten den Impuls zur Selbstrettung überlagern.

Statt Flucht der Griff zum Handy

Hinzu kommt eine gewisse Distanz zur realen Gefahr. Brände, Unfälle oder Naturkatastrophen sind für viele junge Menschen vor allem Bilder aus Nachrichten, Serien oder sozialen Medien. Sie wirken kontrollierbar, fast wie ein Film. Wenn die Gefahr dann plötzlich real wird, fehlt mitunter die Fähigkeit, sie sofort als existenziell zu erkennen. Der Körper reagiert nicht mit Flucht, sondern mit Erstarren, oder mit dem Griff zum Handy.

Auch die mangelnde Übung spielt eine Rolle. Frühere Generationen wuchsen oft mit klaren Notfallregeln auf: rausgehen, Hilfe holen, Abstand halten. Heute sind solche Handlungsanweisungen weniger präsent, während digitale Kompetenzen dominieren. In Schulen und im Alltag wird selten trainiert, wie man sich in akuten Gefahrensituationen richtig verhält.

Digitale Fähigkeiten verdrängen die Gefahrenkompetenz

Die Kritik an jungen Menschen sollte deshalb nicht bei Schuldzuweisungen stehen bleiben. Viel wichtiger ist die Frage, was Gesellschaft, Bildung und Medien versäumt haben. Medienkompetenz darf nicht nur bedeuten, gute Fotos zu machen, sondern auch zu wissen, wann man das Gerät weglegt. Gefahrenkompetenz, das schnelle Erkennen von Risiken und das richtige Reagieren, gehört genauso ins 21. Jahrhundert wie digitale Fähigkeiten.

Wenn Menschen in brennenden Räumen fotografieren statt zu fliehen, ist das ein Warnsignal. Nicht nur für individuelles Fehlverhalten, sondern für eine Gesellschaft, die das Erleben zunehmend durch Bildschirme ersetzt.