Urininkontinenz ist eine Erkrankung, die aufgrund des altersbedingten Verlustes an Beckenbodenmuskulatur mit den Jahren häufiger wird, keinesfalls aber ausschliesslich im Alter auftritt. Auch während und nach einer Schwangerschaft und Geburt, im Rahmen anderer Erkrankungen wie beispielsweise neurologischer Krankheiten oder aus angeborenen Gründen kann es zu einer Inkontinenz kommen. Unsere Erbsubstanz spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, und nicht selten hat bereits die Mutter oder die Grossmutter einer Patientin Probleme mit dem Beckenboden gehabt.
Harninkontinenz ist der nicht gewollte Verlust von Urin, und ca. 30% der Frauen und 15% der Männer leiden daran. Sie kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Manche Betroffene reisen deswegen nicht mehr, besuchen ihre Freunde und Verwandten kaum noch und meiden generell die Öffentlichkeit. Scham, Angst als unsauber zu gelten und nach Urin zu riechen, tragen immer noch zur Tabuisierung der Inkontinenz bei.

Risikofaktoren bei Frauen sind Schwangerschaften und Geburten, Menopause, Übergewicht, Rauchen und genetische Faktoren, aber auch der Alterungsprozess am Beckenboden. Pro Tag verlieren wir eine Muskelfaser im Bereich des Beckenbodens, und ab einem bestimmten Muskelverlust kommt es dann zur Inkontinenz.
Wir unterscheiden bei Frauen hauptsächlich zwei Formen der Inkontinenz: Die Belastungsinkontinenz – früher Stressinkontinenz genannt – und die Reizblase. Andere Bezeichnungen sind überaktive Blase, Drangblase, Urgeblase, oder auch Konfirmandenblase.
Oft reichen schon wenige Tropfen
Bei der Belastungsinkontinenz verlieren Betroffene bei Husten, Lachen oder beim Sport – hier besonders zu nennen ist Trampolinspringen – Urin in unterschiedlichen Mengen. In diesen Situationen steigt der Druck im Bauchraum meist plötzlich an und übersteigt den Druck in der Harnröhre, was zum Urinverlust führt. Die Urinmenge ist für den Störwert für die Patientinnen oft unerheblich, manche Patientin ist durch den Verlust von wenigen Tropfen beim Tennisspielen gestört, andere sind selbst bei erheblichen Urinverlusten kaum eingeschränkt.
Bei der Reizblase haben die Frauen oft einen dauernden Harndrang, lösen nur kleine Mengen Urin, dies aber sehr häufig, auch in der Nacht. Die Urinportionen, die in der Blase bereits frühzeitig Harndrang auslösen, können sehr klein sein, oft deutlich unter 200 ml. Normalerweise sollte eine weibliche Blase 300 bis 500 ml pro gelöster Harnportion halten können.
Oft kann die Toilette nicht schnell genug erreicht werden, es gibt das bekannte Schlüssel-im-Schloss-Problem. Sobald der Hausschlüssel ins Türschloss gesteckt wird, beginnt ein kaum unterdrückbarer Harndrang, weil sich die Person bereits die Toilette vorstellt, was den Harndrang deutlich verstärken kann. Hier können Ablenkungsstrategien helfen, den Urinverlust zu bessern.
Liegt das Fassungsvermögen der Harnblase deutlich unter 100 ml, wird der Alltag langsam zur Qual. Vor allem nächtliche Gänge zur Toilette stören den erholsamen Schlaf, für den wir mindestens vier Stunden ungestörte Nachtruhe brauchen.
Beim Anblick einer Toilette geht’s los
Der erste Schritt sollte der Gang zum Hausarzt oder zur Hausärztin sein, wo ein Harnwegsinfekt ausgeschlossen werden kann und – je nach Art der Inkontinenz – erste Schritte zur Therapie unternommen werden. Inkontinenzeinlagen werden nach ärztlicher Verordnung von der Krankenkasse grösstenteils übernommen. Auch die behandelnde Gynäkologin oder der Urologe kann weiterhelfen und bei postmenopausalen Patientinnen mit einer vaginalen Östrogengabe einen Hormonmangel nach der Menopause behandeln.
Bei schlechter Beckenbodenfunktion kann sowohl bei der Belastungsinkontinenz als auch bei der Reizblase die spezialisierte Physiotherapie helfen, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken und den Reizzustand der Blase zu beruhigen. Der Physiotherapeut oder die Physiotherapeutin sollte eine strukturierte Ausbildung für Beckenbodenerkrankungen haben. Wohnortnahe und bestens ausgebildete TherapeutInnen können über pelvisuisse.ch gefunden werden.
Bei der Reizblase gibt es zusätzlich Tabletten, die die Blase beruhigen und den Harndrang mindern können. Es handelt sich sowohl um klassische Medikamente als auch um sehr gut untersuchte pflanzliche Präparate.
Auch andere, die Blase beruhigende Therapien wie die perkutane Nervenstimulierung, bei der eine kleine Akupunkturnadel ans Bein gesetzt wird und ein schwacher Strom zur Blasenberuhigung gegeben wird, kann erwogen werden.
Dauernder Urinverlust begünstigt Pilzinfektionen
Je nach individueller Situation kann auch eine Stützung des eigenen lokalen Mikrobioms sinnvoll sein. Laktobazillen sind im vaginalen Bereich sehr wichtige Bakterien, die zur Gesundung beitragen können. Laktobazillen sind in Form von vulvovaginalen Cremes und Waschlotionen verfügbar und sorgen für ein gesundes Milieu. Zu scharfe, meist basische Waschlotionen stören das gesunde vaginale Milieu, heben den pH-Wert an und sollten vermieden werden. Viele Patientinnen mit Inkontinenz waschen sich häufig mit den falschen Substanzen, eine gute Hautpflege ist extrem wichtig. Dauernder Urinverlust kann an der Haut im Intimbereich Pilzinfektionen begünstigen, die Haut reizen und zu Hautirritationen führen.
Sollten diese Schritte nicht ausreichen, können operative Eingriffe diskutiert werden. Bei der Belastungsinkontinenz kommen künstliche Schlingen in Frage, die mit einer Operation unter die Harnröhre eingelegt werden und die Inkontinenz langfristig bessern können. Die Schlingen unterstützen die Harnröhre, so dass es keine Inkontinenz mehr gibt. Auch Spritzen in den Schliessmuskelbereich der Harnröhre können hier Abhilfe schaffen. In Gesprächen mit dem Spezialisten oder der Spezialistin können individuelle Lösungen gefunden werden.
Bei der Reizblase kommen in manchen Fällen Botulinumtoxin-Spritzen zum Einsatz. Dabei wird das Botulinumtoxin – eine Substanz, die den Blasenmuskel beruhigt – mit einem feinen Spiegelinstrument direkt in den Muskel gespritzt.
Bei den häufigen Mischformen aus Belastungsinkontinenz und Reizblase können beide Komponenten je nach Gewichtung der Beschwerden gestartet werden.
Wenn die Blase macht, was sie will, leidet immer die Lebensqualität. Die Gesamtsituation der Patientin oder des Patienten muss berücksichtigt werden. Ziel der Therapien ist es, dass der oder die Betroffene die Blase wieder kontrollieren kann, einen ausreichenden Schlaf bekommt und den sozialen, beruflichen und sportlichen Aktivitäten ungehindert nachgehen kann.
Die Schweizerische Gesellschaft für Blasenschwäche hilft hier aktiv mit und bietet Informationsmaterial, Beratungen und Fortbildungen an.
Die Schweizerische Gesellschaft für Blasenschwäche hilft hier aktiv mit und bietet Informationsmaterial, Beratungen und Fortbildungen an.
Weitere Infos
Schweizerische Gesellschaft
für Blasenschwäche
Gewerbestrasse 12, 8132 Egg
www.inkontinex.ch
[email protected]
Telefon 044 994 74 30