Wenn Liebe zur Qual wird

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Gewalt gegen ältere Menschen ist viel häufiger, als es den Anschein macht. Was sind die Anzeichen? Und welches ist die beste Reaktion?

Ein Ehepaar meldet sich bei uns in der Memory-Klinik. Die Frau leidet an Gedächtnisproblemen, ihr Mann ist sehr besorgt. Wir lernen ein Paar kennen, das sich in tiefer Liebe verbunden ist. Sie haben 50 Jahre zusammengelebt und auch beruflich erfolgreich zusammen gearbeitet. Die Frau nimmt die Diagnose einer Alzhei­mer­demenz gelassen hin, der Mann schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. Er kann es nicht wahrhaben, dass seine hochintelligente Frau an dieser Krankheit leidet. Die Jahre gehen dahin. Wir sehen das Ehepaar alle sechs Monate, manchmal auch öfter. Sie kommen, wenn der Alltag durch die Krankheit schwieriger wird. Immer wieder sprechen sie von ihrer tiefen Liebe, die man deutlich spürt. Wir schauen gemeinsam, wie sie das Leben mit der Demenzerkrankung meistern können. Im Laufe der Jahre benötigt die Frau zunehmend Hilfe. Ihr Mann ist nicht bereit, fremde Hilfe zu akzeptieren. Immer wieder sprechen wir mit ihm darüber. Als die gemeinsame Tochter stirbt, die sich sporadisch um die Eltern gekümmert hat, gerät alles aus den Fugen. Der Mann ist in seiner Trauer um die Tochter und durch die Pflege seiner Frau stark belastet, ja überfordert, verwahrlost zusehends. Für Bekannte und Verwandte hat er im Alltag kaum mehr Zeit. Er vereinsamt, und wir von der Memory-Klinik sind bald seine einzigen Vertrauenspersonen.

Ständig erinnert er sich und uns an das Versprechen, das er seiner Frau gegeben hat: bis zum Tod füreinander zu sorgen. Als die Frau kaum mehr laufen und sprechen kann, darf endlich die Spitex in die Wohnung kommen. Sie hilft und entlastet ihn. Eines Tages wird seine Frau nach einem Sturz ins Spital eingewiesen. Sie hat mehrere Verletzungen, die auf mögliche Gewalteinwirkungen hindeuten. Wir sorgen uns und suchen das Gespräch mit dem Ehemann. Er erzählt uns von seinen Nöten und seiner Überforderung, aber auch von seinem Wunsch, für seine Frau da zu sein. Gemeinsam suchen wir eine für alle akzeptable Lösung, die er schliesslich schweren Herzens annimmt. Die Ehefrau wird in ein Pflegeheim eingewiesen, wo er sie jeden Tag besucht. Dort verbringen sie wertvolle Stunden miteinander. Seine Frau kann sich kaum mehr äussern. Das einzige Wort, das noch verständlich über ihre Lippen kommt, ist der Name ihres Mannes.

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist körperliche Gewalt gegen ältere Menschen weitverbreitet. Sie schätzt, dass in Europa etwa drei Prozent der Menschen über 65 physischer Gewalt ausgesetzt sind. Für die Schweiz existieren keine Zahlen. Überträgt man jedoch die Zahlen aus Irland, das als eines der wenigen Ländern über ein Meldesystem verfügt, auf den Kanton Zürich, kann man davon ausgehen, dass pro Jahr zwischen 600 und 700 ältere Menschen so misshandelt werden (gem. Angaben PD Dr. med. A. Wettstein, Zürich), dass es ihrer Umgebung auffällt. Die Dunkelziffer ist vermutlich um ein Vielfaches grösser. Würde man die europäischen Zahlen der WHO auf die Schweiz anwenden, wären etwa 40 000 ältere Menschen betroffen und damit Schmerzen und Verletzungen durch Schlagen, Treten, Festhalten, Schütteln, aber auch durch sexuelle Übergriffe ausgesetzt. Gewalt gegen ältere Menschen beschränkt sich aber nicht nur auf physische Gewalt, sondern bezieht weitere Gewaltformen mit ein. Wo Gewalt beginnt, ist jedoch häufig nicht einfach zu definieren.

In der Sprechstunde erscheint unangemeldet ein Mann. Seine Frau betreue ich wegen ihrer Demenzerkrankung schon seit längerem. Er erzählt, dass sie seit Tagen nicht mehr geschlafen habe, wirres Zeugs rede und komische Dinge sehe. Zweimal sei sie in der Wohnung schon gestürzt. Er habe ihr schon etliche Beruhigungsmittel verabreicht, aber es werde immer schlimmer. Auch er könne kaum mehr schlafen, sei verzweifelt und am Ende seiner Kräfte. Ich kann ihn davon überzeugen, mit seiner Frau so schnell wie möglich zum Hausarzt zu gehen, der sie noch am gleichen Tag ins Spital einweist. Dort wird eine akute Verwirrung aufgrund von Medikamentenüberdosierung diagnostiziert. Schon nach einigen Tagen geht es der Patientin deutlich besser. Das Ehepaar ist bereit, die Spitex zur Medikamentenüberwachung zu akzeptieren.

Die unabhängige Beschwerdestelle für das Alter beschreibt in ihrer Broschüre «Misshandlungen alter Menschen» verschiedene Formen von Gewalt. Neben physischer Gewalt erleiden ältere Menschen auch psychische Gewalt. Darunter fallen Demütigungen, Kränkungen, Vorwürfe, Kritik, Anschuldigungen, Beschimpfungen, Befehle, Fehler und Defizite vorhalten, Liebesentzug, Schweigen, aber auch Bestrafen und Freiheitseinschränkung. Die Vernachlässigung wichtiger alltäglicher Bedürfnisse wie Körperpflege, Bewegung, Trinken und Essen, Unterlassen von notwendiger Hilfe gilt ebenso als Gewalt wie auch finanzielle Übergriffe wie das Verfügen über Vermögen, Aneignen von Geld oder Druck auf Testamentsänderungen.

Die Tochter einer knapp 90-jährigen an Demenz erkrankten Frau berichtet aus dem Alltag ihrer Mutter: «Ich wohne nicht weit entfernt von ihr. Zu Besuch bin ich regelmässig. Aber ich arbeite 14-tägig in Schicht. Dann kann ich nicht gehen. Die Wäsche erledigen wir für meine Mutter, aber sie hängt sie noch allein in der Wohnung auf. Von einem Schlaganfall vor drei Jahren hat sie sich nicht wieder ganz erholt. Das merken wir schon. Sie ist auch ganz wackelig auf den Beinen, aber in der Nähe der Wohnung geht sie noch selbständig spazieren. Wenn sie stürzt, wie grad vor dem Spitaleintritt, kriecht sie zur Treppe. Dort kann sie sich dann wieder hochziehen. Den Einkauf hat sie teils noch allein geschafft, aber viel war es nicht. Tee und kleinere Sachen kocht sie sich noch.»

Nach unseren Erfahrungen gibt es selten eindeutige Hinweise auf Gewaltsituationen. Die Grauzone ist gross. Es gibt aber Anzeichen, denen man nachgehen muss. Körperliche Verletzungen sind nur die offensichtlichsten Anzeichen. Angst, Depressionen, Rückzug, Verunsicherungen und Klagen der älteren Menschen müssen ebenfalls sehr ernst genommen werden, wie auch widersprüchliche Aussagen über die Entstehung von Verletzungen. Besteht ein Verdacht auf Misshandlungen irgendwelcher Art, muss man handeln.

Ganz selten kommt es vorsätzlich und bewusst zu Gewalt. Meistens tritt Gewalt in Überforderungssituationen auf und entwickelt sich schleichend. Je mehr ein Mensch überfordert ist, umso hilfloser wird er und desto öfter reagiert er oder sie aggressiv. In fast 50 Prozent der Fälle sind die eigenen Kinder die Täter. Die Hand rutscht aus, auch wenn man sich deshalb schuldig fühlt. Es wird geflucht und beleidigt, obwohl man sich immer wieder vornimmt, nett und anständig zu bleiben.

Die Einteilung in Täter und Opfer ist bei Gewalt mit älteren Menschen wie auch bei Kindern und ihren Eltern nicht eindeutig. Täter und Opfer brauchen Hilfe, Verständnis und Entlastung. Man kann verstehen, handeln und unterstützen, muss aber klar gegen die Gewalt Stellung beziehen und Grenzen setzen. Gewalt jeglicher Art ist nicht akzeptabel. Wichtig für alle Beteiligten sind Beratung, Aufklärung und Entlastung. In gravierenden Fällen hilft nur die sofortige Einweisung ins Spital oder in eine Institution.

Vorgehen bei Gewaltverdacht

  • Gespräch möglichst allein mit Betroffenen und Betreuungspersonen führen
  • Keine Vorwürfe, sondern Verständnis zeigen und gemeinsam nach Lösungen suchen
  • Berufliche, finanzielle, familiäre Belastungen aller Beteiligter erfragen
  • Behutsam offene Fragen zu Verletzungen, Umgangston, Vernachlässigungen stellen
  • Wissensstand und Verständnis der Pflegeperson für die Situation älterer Menschen beurteilen
  • Gespräch mit Patienten unter Berücksichtigung ihres kognitiv-geistigen Zustandes (Achtung Demenz!) führen
  • Nach Besuchen, Sicherheitsgefühl, Zuwendung, erhaltener Hilfe, vorhandenen Meinungsverschiedenheiten fragen
  • Den Umgangston zwischen Pflegenden und Gepflegten beobachten
  • Die Sauberkeit in der Wohnung, Zimmer, Kleidung, Bett beurteilen


Wer hilft

  • Hausarzt oder Hausärztin
  • Lokale Spitexorganisationen, Spitex vor Ort: Spitex Verband Schweiz, 031 381 22 81, www.spitex.ch
  • Memory-Kliniken, www.swissmemoryclinics.ch
  • SchweizerischeAlzheimervereinigung und ihre kantonalen Sektionen, Alzheimer-Telefon 024 426 06 06, www.alz.ch 
  • Lokale Sozialberatungen der ProSenectute, www.pro-senectute.ch 
  • UnabhängigeBeschwerdestellefür das Alter Schweiz, 058 450 60 60, www.uba.ch
  • Literatur: WHO, «European Report on preventing eldermaltreatment», 2011
  • Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter Schweiz, «Misshandlungen alter Menschen – leider eine Realität»


Autorinnen

Lic. phil. Brigitte Rüegger-Frey, Fachpsychologin für Neuropsychologie undKlinische Psychologie, FSP

Lic. phil. Birte Weinheimer, Psychologin, Leitung Psychologischer Dienst Stadtspital Waid, Klinik für Akutgeriatrie, Zürich