Die meisten Leute folgen dem Schweizerischen Impfplan von der Geburt bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit recht genau. Im Erwachsenenalter wird man dagegen viel seltener routinemässig mit der Impffrage konfrontiert. Dies geschieht am ehesten im Militärdienst, auf dem Notfall nach einer Verletzung, bei der Planung einer Fernreise oder als Geburtsvorbereitung in der Schwangerschaft und wenn mit den eigenen Kindern der Gang zum Impftermin ansteht.
Fehlende Vorbildfunktion
Ab einem gewissen Alter sind diese Impfanreize meist hinfällig. Seniorinnen und Senioren leiden an vielerlei Gebrechen, die bei der hausärztlichen Betreuung im Vordergrund stehen. Dabei geht das Thema Impfen gern vergessen. Ältere Menschen denken oft: «Ich bin doch so alt! Impfen ist etwas für Kinder. Das brauche ich nicht mehr!» Angehörige machen sich vielfach Sorgen, dass eine Impfung eine zu grosse Belastung für die betagte Mutter oder den gebrechlichen Vater wäre und raten von Impfungen ab. Auch Pflegepersonen beeinflussen direkt oder indirekt den Impfentscheid: durch eine ablehnende Haltung oder fehlende Vorbildfunktion. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen den offiziellen Empfehlungen, dem Willen von Patienten und Angehörigen und der Impfmotivation der Gesundheitsfachpersonen. Kaum verwunderlich, dass die Durchimpfungsraten in der älteren Bevölkerung den Zielen bei Weitem hinterherhinken. Beispiele: Influenza-Impfung: Ziel 75%, aktuell: 32%; Pneumokokken: bei 65+ aktuell 10%, bei Risikopatienten: 25%, wo doch eine möglichst hohe Impfabdeckung sinnvoll und erstrebenswert wäre.
Hohes Vertrauen in den Arzt
Die Kompetenz in der Schweizer Bevölkerung in Impffragen ist mittelmässig. Durchschnittlich 4,8 von 9 Wissensfragen zum Impfen werden richtig beantwortet. In der subjektiven Selbsteinschätzung gibt etwa jede fünfte Person an, Schwierigkeiten bei Entscheiden im Zusammenhang mit Impffragen zu haben. Wo holt man die Informationen? Welches sind vertrauenswürdige Quellen? Mit zunehmendem Alter steigt das Vertrauen in den Arzt signifikant; 85% der 50- bis 74-Jährigen sehen in ihrem Arzt den kompetentesten Ratgeber in Gesundheitsfragen. An zweiter Stelle folgen die Apotheker, 45% der Schweizerinnen und Schweizer holen sich hier Informationen. Überraschend liegen die Eltern (27%) an dritter Stelle. Bekannte und Freunde sowie Heilpraktiker und Alternativmediziner folgen knapp dahinter mit je 25%. Krankenversicherern vertrauen die wenigsten: Nur 4% der Schweizer attestieren ihnen Kompetenz in Gesundheitsfragen.
Leid verhindern
Die Erstellung von Patientenverfügungen, Vorsorgeaufträgen, Entscheide über Seniorenwohnformen, Fragen zum Eintritt in Alters- und Pflegeheime etc. prägen die gesellschaftlichen Diskussionen im Alter. Die Behandlungsziele älterer Menschen bewegen sich immer mehr vom kurativen Ansatz zu Palliative Care. Auch beim Impfen in dieser Altersgruppe geht es nicht um lebensverlängernde Massnahmen. Vielmehr gilt es, das Risiko von leidvollen Verläufen von Infektionskrankheiten zu vermindern, einschränkende Komplikationen und belastende Hospitalisationen zu vermeiden. Hier setzt die Wertediskussion ein. Wollen wir, wollen Patienten und Angehörige den Kampf mit gewissen Krankheitskeimen und ihren Folgen lieber mit oder ohne Impfung austragen? Soll man an einer Grippe oder Pneumokokkensepsis sterben dürfen? Mag man das Risiko einer schmerzhaften Gürtelrose und von postherpetischen Neuralgien tragen oder doch das Risiko dafür mit der Impfung um ca. 90% reduzieren?

Zuger Kantonsspital, Medizinischer Leiter Emeda – die Heimärzte
Empfohlene Impfungen im Alter 65+
- Tetanus/Diphtherie/Pertussis (Auffrischung alle 10 Jahre)
- Influenza (jährlich), ab 75 Jahren Hochdosisimpfstoff!
- Herpes zoster (2 Dosen im Abstand von 2 Monaten)
- Pneumokokken (PCV20 oder PCV21, einmalig)
- Coronavirus (COVID-19) (saisonal variantenbasiert)
- Respiratorisches-Synzytial-Virus (RSV) (leider ohne Kostenübernahme)
- FSME (je nach Risiko, Grundimmunisierung mit 3 Dosen, Auffrischung alle 10 Jahre)
Das Bundesamt für Gesundheit BAG publizierte vor Kurzem den Schweizerischen Impfplan 2026. Sie können ihn auf www.bag.admin.ch/de/schweizerischer-impfplan kostenlos herunterladen.