Wie ein Mensch zum Sexmonster wird

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Wenn bekannt wird, dass ein hochgebildeter Mensch oder ein erfolgreicher Politiker über Jahre hinweg Frauen betäubt, sexuell missbraucht, die Taten dokumentiert und gleichzeitig nach aussen ein respektiertes Leben führt, stellt sich immer dieselbe Frage: Wie ist das psychologisch überhaupt möglich?

Die spontane Reaktion lautet häufig: „So etwas kann nur ein Monster tun.“ Aus wissenschaftlicher Sicht greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Die Forschung aus Psychologie, Kriminologie und Neurowissenschaft zeigt vielmehr, dass schwere Gewaltverbrechen selten das Ergebnis eines plötzlichen moralischen Zusammenbruchs sind. Häufig entwickeln sie sich über Jahre durch eine Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen, schrittweiser Grenzverschiebung, Macht, Rationalisierung und mangelnder Kontrolle.

Moralische Grenzen verschwinden nicht über Nacht

Die meisten Menschen verfügen über stabile moralische Hemmungen. Diese entstehen durch Empathie, soziale Normen, Gewissen und die Fähigkeit, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen. Damit jemand über Jahre hinweg schwerste sexuelle Gewalt ausüben kann, müssen diese inneren Barrieren nach und nach ausgeschaltet werden.

Der Psychologe Albert Bandura beschrieb den Begriff der moralischen Entkopplung. Menschen können ihre eigenen moralischen Massstäbe vorübergehend ausser Kraft setzen, indem sie ihr Verhalten rechtfertigen, die Verantwortung auf äussere Umstände schieben oder ihre Opfer entmenschlichen. Bei schweren Straftätern geschieht dies häufig über einen langen Zeitraum.

Macht verändert die Wahrnehmung

Politische Ämter, wirtschaftlicher Erfolg oder gesellschaftliches Ansehen können eine gefährliche Dynamik erzeugen. Macht führt nicht automatisch zu Missbrauch. Studien zeigen jedoch, dass Macht das Gefühl verstärken kann, über Regeln zu stehen oder weniger Konsequenzen befürchten zu müssen.

Wer über Jahre positive Rückmeldungen erhält, kaum Widerspruch erlebt und gesellschaftliche Anerkennung geniesst, kann ein Gefühl eigener Unverletzlichkeit entwickeln.

Die schrittweise Eskalation

Schwere Sexualstraftaten entstehen häufig nicht als erste Grenzüberschreitung. Kriminologen beobachten vielmehr eine Eskalation. Eine Person überschreitet zunächst kleinere moralische Grenzen, erlebt keine oder nur geringe Konsequenzen und verschiebt dadurch ihre eigene Normalität. Mit jeder erfolgreichen Grenzüberschreitung sinkt die innere Hemmschwelle. Was früher undenkbar erschien, wird zunehmend als akzeptabel oder kontrollierbar wahrgenommen. Dieser Prozess kann sich über viele Jahre entwickeln.

Betäubung als Instrument vollständiger Kontrolle

Das heimliche Verabreichen bewusstseinsverändernder Substanzen stellt eine besonders schwerwiegende Form krimineller Planung dar. Es dient nicht allein der sexuellen Gewalt, sondern auch der Ausschaltung von Widerstand, Erinnerung und Beweisbarkeit.

Psychologisch zeigt dieses Vorgehen ein hohes Mass an Instrumentalisierung. Das Opfer wird nicht mehr als eigenständiger Mensch mit Rechten und Würde wahrgenommen, sondern lediglich als Objekt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse.

Warum werden die Taten gefilmt?

Für Aussenstehende erscheint das Filmen eigener Straftaten besonders unverständlich. Tatsächlich nennen Fachleute mehrere mögliche Motive, die je nach Einzelfall unterschiedlich ausgeprägt sein können. Das Filmen kann der späteren sexuellen Erregung dienen. Manche Täter erleben die Aufnahmen als Erinnerung oder als Möglichkeit, die Tat erneut zu betrachten.

Ebenso kann das Filmen Ausdruck eines gesteigerten Machtgefühls sein. Die Kamera dokumentiert nicht nur die Tat, sondern symbolisiert die vollständige Kontrolle über das Opfer.

Bei manchen Tätern spielt außerdem die Vorstellung eine Rolle, durch ihre gesellschaftliche Stellung ohnehin nicht entdeckt zu werden. Diese Selbstüberschätzung kann dazu führen, dass sie Beweise gegen sich selbst schaffen.

Doppelleben sind häufiger, als man vermutet

Man könnte meinen erwartet, dass gefährliche Straftäter nach aussen auffällig wirken. Die Forschung zeigt jedoch das Gegenteil. Ein erheblicher Teil schwerer Gewalt- oder Sexualstraftäter führt nach aussen ein scheinbar völlig normales Leben. Sie haben Familie, Beruf, soziale Kontakte und gesellschaftliches Ansehen.

Psychologen sprechen von einer starken Fähigkeit zur sozialen Maskierung. Diese Menschen können unterschiedliche Rollen strikt voneinander trennen. Das öffentliche Selbstbild und das geheime Verhalten existieren nebeneinander, ohne dass Aussenstehende die Widersprüche erkennen.

Persönlichkeitsmerkmale statt einfache Diagnosen

In der öffentlichen Diskussion wird häufig vorschnell von Psychopathie oder Narzissmus gesprochen. Solche Begriffe sollten jedoch nicht leichtfertig verwendet werden. Nicht jeder Sexualstraftäter erfüllt die Kriterien einer psychischen Persönlichkeitsstörung. Gleichzeitig weisen manche Täter Merkmale auf wie geringe Empathie, starkes Anspruchsdenken, ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, manipulative Fähigkeiten und hohe Bereitschaft zur Täuschung.

Fazit

Die Frage, wie ein intelligenter und erfolgreicher Mensch über Jahre hinweg Frauen betäuben, sexuell missbrauchen und die Taten sogar filmen kann, lässt sich nicht mit einem einzigen Begriff beantworten. Die wissenschaftliche Forschung beschreibt vielmehr ein Zusammenspiel aus moralischer Entkopplung, schrittweiser Grenzverschiebung, Macht, Objektifizierung der Opfer, möglicher Empathiedefizite sowie dem Glauben, aufgrund der eigenen gesellschaftlichen Stellung unantastbar zu sein. Bildung, Intelligenz oder politischer Erfolg schützen einen Menschen nicht vor schwerem Fehlverhalten. Im Gegenteil: Sie können in manchen Fällen dazu beitragen, Straftaten besser zu planen, zu verbergen und über längere Zeit fortzusetzen.