Wie wenn ein nebliger Schleier die Sonne verdeckt

Wie geht es Ihnen?

Gut.

Wie geht es Ihnen tatsächlich?

Auch gut.

Weshalb fällt es uns oft schwer, ­offen über unser Befinden zu sprechen?

Mir fällt das überhaupt nicht schwer. Wenn es jedoch die übliche beiläufige Frage ist, weshalb soll man sagen, dass es einem schlecht geht und den anderen damit belasten?

Ändert sich diese Zurückhaltung im Alter?

Die Gesundheit spielt im Alter eine aufdringliche Rolle. Ich meide das Thema, vor allem, wenn ich mit Gleichaltrigen zusammen bin. Ich will keine Zeit verschwenden mit dem ständig verhandelten Gesundheitsthema. Da mache ich nicht mit. Über alles andere rede ich gern.

Wird man im Alter weiser?

Weisheit im Alter ist eine intellektuelle Reduktionserscheinung. Wenn das Denken nicht mehr lebendig ist, wird man weise. Im Alter ist man aber erfahrener und klüger, weil man einen grossen Erfahrungsschatz hat – und entdeckt. Im Vergleich zu früher bin ich heute viel lebendiger, kämpferischer, schneller, authentischer.

Man hört oft, im Alter sei man mit sich im Reinen. Stimmt das?

Ich weiss nicht, was das ist. Ich bin zufrieden mit mir. Aber im Reinen? Das ist man auf dem Sterbebett! Ich pflege eine gewisse Heiterkeit. Ich bin mir nicht langweilig. Wer mit sich im Reinen ist, der muss ein langweiliges Leben haben.

Andere sind im Alter verbittert. ­Weshalb?

Das Leben besteht aus Leistung, aber auch aus Glück. Was man im Leben erreicht, ist niemals nur Leistung. Wir haben die Aufgabe, aus dem etwas zu machen, was man genetisch, aber auch von den Eltern mitbekommen hat.

Was alles verändert sich mit dem ­Alter? Körperlich und seelisch?

Im Alter öffnet sich die Schere: Einerseits beschert es dem Menschen geistigen Reichtum; andererseits lebt man mit körperlichen Reduktionen. Der Schlaf wird schlechter, der Rücken tut weh, die Gelenke ebenso. Physisch nimmt alles ab. Der Rückbau ist nun mal so. Was ich daraus mache, habe ich in der Hand. Bin ich ein Gefangener meines Alters? Oder mache ich meine intellektuelle Lebendigkeit zum Komplizen? 

Gibt es eine Altersdepression?

Ja. Ich hatte ein eigenartiges Erlebnis: Als ich plötzlich die Zahl 8 bei meiner Altersangabe sah, war es, als hätte mich der Blitz getroffen. Dieser Übergang war für mich ein Schock. Seither spüre ich eine Traurigkeit oder Melancholie, obwohl ich nach wie vor ein volles Arbeits­pensum erfülle.

Wie erklären Sie sich das?

Im Erwachsenenalter hat man lange das Gefühl, noch überflüssige Zeit zu haben. Man blickt in die Zukunft wie in die Ewigkeit: Alle Wahlmöglichkeiten hat man noch in der Hand. Mit 80 ist das plötzlich anders. Das Tor zur Zukunft schliesst sich. Optionen hat man kaum mehr. Es ist wie ein Nebelschleier, der die Sonne verdeckt.

Was macht Ihnen am meisten zu schaffen?

Das Einschlafen.

Stellen Sie selbst Veränderungen beim Denken, Erinnern oder Sprechen fest?

Beim Erinnerungsvermögen: Ich bin nicht gut in der Chronologie.

Kommt es vor, dass Ihnen plötzlich das richtige Wort fehlt?

Nein.

Bleiben Ihnen die Namen von neu kennen­gelernten Personen nicht mehr hängen?

Doch, eher habe ich Mühe mit den Namen von mir längst bekannten Menschen.

Müssen Sie sich Dinge häufiger ­aufschreiben?

Ich habe das ganze Leben Dinge, die mir gerade wichtig schienen, also Ideen und Spracheinfälle, aufgeschrieben, ich hatte immer einen Block dabei.

Gehen Ihnen Gesprächsdetails schneller ­vergessen?

Nein.

Was würden Sie tun, wenn Sie bei sich solche Veränderungen ­feststellen?

Ich würde das mit dem Arzt besprechen.

Je älter man wird, desto mehr ­Fähigkeiten und Perspektiven gehen verloren. Wie gehen Sie mit solchen Verlusterfahrungen um?

Ich denke darüber gar nicht nach. Ich bin kein Patient. Ich lebe einfach damit. Das Leben ist spannend wie eh und je.

Viele fliehen in den Alkohol. Andere nehmen Antidepressiva oder Beruhigungsmittel.

Ich nehme etwas zum Einschlafen. Psychopharmaka kann ich gar nicht brauchen. Die vernebeln meinen Geist.

Inzwischen gibt es eine Biografie über Sie. Als was wollen Sie der Nachwelt in Erinnerung bleiben?

Auf dem Grabstein sollte dereinst stehen: Ich bin gleich wieder da. Im Ernst: Mit dieser Frage möchte ich mich nicht beschäftigen. Ich beschäftige mich mit dem Leben.

Graut es Ihnen nicht vor der Vorstellung, dass es auch nach dem Tod des leibhaftigen Frank A. Meyer irgendwo in einer Datenwolke da oben ­unsterbliche Kopien von Ihrem Geist gibt, die sich nie wieder einfangen lassen?

Das ist mir einerlei.

Sind Sie Christ?

Ich bin Agnostiker. Aber das Christentum ist Befreiung. Zwei Sätze sagen alles. Erstens: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes. Das ist eine gewaltige Aussage: Der Mensch in voller Verantwortung für sein Tun, aber auch in vollem Recht, ein freier Mensch zu sein. Zweitens: Was Ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt Ihr mir getan. Im Klartext: Wir stehen in der Pflicht, den Mitmenschen gegenüber gerecht zu handeln. So ergänzen sich Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Es sind die fundamentalen drei Begriffe, die unsere Gesellschaft zum Zusammenleben benötigt.

Auf was steuert die Menschheit zu? Auf eine Klima­katastrophe? Auf die Auslöschung durch die KI? 

Auf nichts von dem.

Warum?

Ich ärgere mich über die Leute, die eine Apokalypse brauchen. Das ist linksgrünes Geschwafel. Diese Moralisten brauchen Menschen, die Angst haben, damit sie sie manipulieren können. Wer herrschen will, macht den anderen Angst, damit sie gehorchen.

Und was ist mit der künstlichen Intelligenz?

Irgendwann wird auch diese Blase platzen – und ihre domestizierte Dimension finden.

Drei Tipps für ein gesundes Gehirn

Aktiv bleiben

Soziale Aktivitäten fördern die mentale Gesundheit und bauen Stress ab. Zusammen Kochen oder ein Telefonat mit einem Freund können bereits viel bewirken. Und regelmäs­sige Bewegung verbessert die Durchblutung des Gehirns. Schon ein Spaziergang kann etwas bewegen.

Das Gehirn fordern

Gedächtnisspiele und Rätsel trainieren das Gehirn und fördern die Anpassungsfähigkeit. Schon 20 Minuten täglich haben eine spürbare Wirkung.

Ginkgo

Ginkgo biloba ist ein breit eingesetztes pflanzliches Medikament. Es hilft, indem es die Energieversorgung des Gehirns verbessert. Besprechen Sie den Einsatz von Ginkgo biloba immer mit Ihrem Arzt.

Checken Sie Ihr Gedächtnis

Direkt zum Gedächtnis-Check

Ist Ihr Gedächtnis noch fit? Sind Sie vergesslich? Machen Sie den einfachen Online-Test, und finden Sie heraus, wie es um Ihr Gedächtnis bestellt ist. Dieser kurze Test liefert Ihnen Informationen und Anregungen über Ihre ko­gnitive Gesundheit.

Trainieren Sie Ihr Gehirn

Unterschiede finden, Gegenstände merken und Texte richtig verstehen. Es gibt viele Übungen, um möglichst lange geistig fit zu bleiben. Eine Auswahl an Gedächtnisübungen zum Ausdrucken finden Sie kostenlos auf www.check-dein-gedaechtnis.ch