Am Anfang steht die absurde Behauptung, dass Arbeit und Leben zwei verschiedene Dinge sind. Work auf der einen, Life auf der anderen Seite. Was ist denn das, was wir montags bis freitags von neun bis fünf machen? Offenbar nicht leben. Die Botschaft der Work-Life-Balance lautet unterschwellig: Pass auf, dass deine Arbeit dir nicht zu viel von deinem Leben wegnimmt.
Vielleicht gibt die Arbeit uns auch etwas. Geld. Können. Herausforderung. Gemeinschaft. Status. Sinn. Selbstwirksamkeit. Verantwortung. Erkenntnis. Vielleicht arbeiten Menschen manchmal sogar deshalb so intensiv, weil ihnen etwas wichtig ist.
Eine allzu simple Vorstellung
Die Waage ist eine schlechte Metapher. Als wäre ein gelungenes Leben eine Waage: Links Arbeit, rechts Leben. Noch drei Überstunden – schnell zwei Stunden Yoga. Noch eine Geschäftsreise – anschliessend Wellness. Die Vorstellung ist bestechend simpel: Weniger Arbeit, mehr Leben. Mehr Freizeit, weniger Stress.
Wir reden über Arbeit fast ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt ihrer Begrenzung. Wie können wir weniger arbeiten? Wie können wir früher Feierabend machen? Wie können wir die Arbeitszeit reduzieren? Wie können wir verhindern, dass Arbeit in unser Privatleben hineinragt?
Vielleicht ist das Problem gar nicht zu viel Arbeit. Vielleicht ist es zu viel unsinnige Arbeit. Zu wenig Gestaltungsspielraum. Zu wenig Anerkennung. Zu viel Bürokratie. Dann wird die Forderung nach Work-Life-Balance zur Kapitulation: Nicht die Arbeit soll besser werden. Wir wollen nur genug Abstand von ihr, um sie auszuhalten.
Die unbequemen Fragen
Wir brauchen keine Work-Life-Balance. Wir brauchen ein lebendiges Leben. Es besteht aus Beziehungen, Arbeit, Liebe, Verantwortung, Freizeit, Ambition, Langeweile, Scheitern, Erfolg, Familie, Einsamkeit, Gesundheit, Geld, Neugier und tausend anderen Dingen. Wir müssen nicht jeden Bereich unseres Lebens sauber voneinander trennen.
Wir müssen auch nicht jeden Sonntagabend überprüfen, ob die Waage noch exakt 50:50 steht. Vielleicht sollten wir stattdessen eine viel unbequemere Frage stellen: Ist das Leben, das ich führe, ein Leben, das ich führen möchte? Ziel sollte sein, ein Leben zu führen, in dem die verschiedenen Dinge, die uns wichtig sind, ihren Platz finden. Manchmal bekommt die Arbeit davon mehr, manchmal die Familie.
Es ist besser, wir hören auf, unser Leben zu balancieren. Wir sollten anfangen, es besser zu gestalten.