Yoga gegen die hormonelle Achterbahn

Wechseljahre, PMS, Kinderwunsch. Hormonyoga hilft, die natürliche Balance zu finden. Tanja Forcellini hat jahrelange Erfahrung.

Hormonyoga yoga Aufmacher 06.22

Wer ist berühmt für Multitasking? Frauen. Sie beantworten Anrufe, kochen gleichzeitig Spaghetti und geben den Kindern nebenbei Handzeichen, dass die Jacke nicht auf den Boden, sondern in die Garderobe gehört. Was als effizient gilt, sorgt für viel Stress. Sich ständig auf mehrere Dinge konzentrieren zu müssen, ermüdet. In Zusammenhang mit hormonellen Schwankungen reicht dann manchmal ein umgekipptes Wasserglas und man verliert die Nerven.

«Früher habe ich mir nie Gedanken über den Einfluss meines Zyklus gemacht», erzählt Yogalehrerin Tanja Forcellini. «Dass ich mich vor meiner Periode ein paar Tage wie ferngesteuert fühlte, fand ich normal.» So geht es vielen Frauen. Schmerzen, Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen gehören einfach dazu. Über die Ursache, den komplizierten Hormonhaushalt, wissen die wenigsten Bescheid.

Weniger klimakterische Beschwerden und Stressreduktion

«Während der Wechseljahre kommt es zu einer Abnahme der Ovarialfunktion und zur Abnahme von Östrogen. Daraufhin werden mehr stimulierende Hormone im Gehirn ausgeschüttet, und es kommt zu einer Instabilität», erklärt Dr. med. Kerstin Khattab, Kardiologin und Leiterin einer komplementärtherapeutischen Ausbildung für Yogatherapie in Zürich. «Studien zeigen, dass Yoga klimakterische Beschwerden reduzieren kann und insgesamt eine Stressreduktion bewirkt, wodurch das vegetative Nervensystem positiv beeinflusst wird.»

Die brasilianische Philosophin und Psychologin Dinah Rodrigues hat 1992 die Hormonyoga-Technik entwickelt. Mit Übungen, Atemtechniken und Energielenkungen sollen hormonproduzierende Organe wie Eierstöcke, Schilddrüse, Hypophyse und die Nebennieren aktiviert und harmonisiert werden.

Schutz vor kardiovaskulären Erkrankungen

«Nach der Menopause steigt für Frauen auch das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen deutlich an. Hier haben Studien gezeigt, dass Yoga viele Risikofaktoren wie zum Beispiel arterielle Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Ängstlichkeit und Depressivität reduziert und möglicherweise die Entstehung einer koronaren Herzerkrankung verlangsamen kann», sagt Dr. med. Kerstin Khattab.

Ein wichtiges Element im Hormonyoga ist Bhastrika, eine Atemtechnik, die im herkömmlichen Yoga eher selten praktiziert wird. Dabei wird nicht nur die Ausatmung aktiv durch ein Einziehen der Bauchdecke gesteuert, sondern auch die Einatmung. Und das in schnellem, gleichmässigem Rhythmus. «Man nennt die Übung auch Blasebalg, weil sie sozusagen das Feuer entfacht. Durch die Hin-und-her-Bewegung werden die Eierstöcke massiert. Das soll die Östrogenproduktion anregen und so das Verhältnis zwischen Östrogen und Progesteron ausgleichen», erklärt Tanja Forcellini.

Hormonyoga yoga in Beitrag 06.22

Wichtig, wer zu viel Östrogen produziert und an einer hormonbedingten Erkrankung wie Brustkrebs leidet, sollte diese Atmung auslassen. «Es gibt bisher noch keine Studie, die untersucht hat, ob Yoga tatsächlich den Hormonspiegel der weiblichen Sexualhormone verändern kann. Generell gehen wir davon aus, dass alle Yogahaltungen sowohl das Nerven- als auch das Hormonsystem beeinflussen können. Daher führe ich gemeinsam mit Prof. Petra Stute vom Berner Inselspital aktuell eine wissenschaftliche Studie durch, die genau diese Fragestellung untersucht», sagt Dr. med. Kerstin Khattab.

Der Schlüssel ist Achtsamkeit

Zentral in allen Yogarichtungen ist die Entspannung. «Die Achtsamkeit im Alltag ist der Schlüssel zu mehr Lebensqualität», sagt Tanja Forcellini. Schulmedizinisch ist es bewiesen, dass Stress einen Einfluss auf das Hormonsystem hat. «Durch Stress kann sich der Cortisolspiegel im Blut verändern, oft kommt es zunächst zu einem Anstieg. Dieses Stresshormon kann auch den Stoffwechsel blockieren. Das zeigt sich dann auch oft in einer Gewichtszunahme. Der Cortisolspiegel in der Nebennierenrinde ist durch Speichel-, Blut- oder Urintests einfach festzustellen», erklärt Dr. med. Kerstin Khattab. Eine Studie der Charité Berlin zeigte, dass ein Programm aus dem Iyengar-Yoga den Cortisolspiegel und das Stressempfinden bei Frauen reduzieren kann.

Pausen im Alltag

Weniger Stress. Was so leicht gesagt ist, können viele nicht umsetzen. «Es geht ganz einfach. Man muss sich dafür nicht einmal hinlegen», sagt Tanja Forcellini. Sie plädiert für Pausen im Alltag. Das heisst nicht, dass man alles ruhen lassen soll. Es bedeutet, die Dinge mit allen Sinnen zu erledigen. «Dass man zum Beispiel beim Kleiderzusammenlegen ganz bewusst jeden Schritt wahrnimmt.» Das Gehirn kann sich so entspannen. Wenn es sich nur auf eine Tätigkeit konzentrieren kann, muss es nicht ständig in Alarmbereitschaft sein.

Tanja Forcellini bietet ihre Hormonyoga-Kurse am liebsten als einmaligen Workshop an. «Hätten die Frauen einen zusätzlichen wöchentlichen Termin, würden sie sich nur wieder gestresst fühlen». Damit die Hormone wieder in Balance kommen, braucht es vor allem eines: Mut zur Pause.

Bei diesen Beschwerden hilft Hormon­yoga

In der Prämenopause ab etwa 40 Jahren

  • Hitzewallungen
  • Nächtliche Schweissausbrüche
  • Schlafstörungen
  • Trockene Haut und Schleimhäute
  • Libidoverlust
  • Stimmungsschwankungen
  • Postmenopausenbeschwerden

Bei jüngeren Frauen

  • Ausbleiben der Periode durch physischen oder psychischen Stress
  • Polyzystische Eierstöcke
  • Gewichtsabnahme bei jungen Mädchen
  • Frühzeitige Menopause
  • Ungewollte Kinderlosigkeit
  • Regelanomalien
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23.06.2022.

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