Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber auf die gute Art. So könnte man die erfolgreiche Hornhaut-Behandlung bei Tobias Bauer, 70, aus Bern zusammenfassen. Aus einem Eckzahn, etwas Knochen und Plexiglas hat der Augenchirurg Prof. Dr. David Goldblum von den Pallas Kliniken zwei Mal innert 13 Jahren eine Prothese geformt und diese als Sehhilfe in Bauers eingetrübte Hornhaut eingesetzt. Der Patient sieht zwar nur noch durch ein zylindrisches Loch, aber er sieht wieder. Die mehrteiligen Operationen markieren das vorläufige Ende einer schier unglaublichen Geschichte.
Burn-out mit fatalen Nebenwirkungen
Er war gesund. Er war erfolgreich. Er war zufrieden. Bis Tobias Bauer in einen Burn-out rasselte. Nicht nur wegen Arbeitsüberlastung, sondern auch als Folge eines schlimmen Velounfalls. «Ein Autolenker hatte mich übersehen und frontal erwischt. Es war nicht klar, ob ich jemals wieder würde gehen können.»
Von den körperlichen Blessuren erholte er sich. Der Schock und das Bewusstsein der plötzlichen physischen Verletzung setzten ihm aber auch Jahre später noch zu. «Um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, bekam ich ein Antidepressivum. Der Arzt sagte noch, ich solle den Beipackzettel mit der Auflistung möglicher Nebenwirkungen gar nicht erst lesen.»
Vortrag 6.11.25, 18 Uhr, Augenklinik Pallas Olten, Thema „Diabetes und Auge“
Vortrag 12.11.25, 18 Uhr, Augenzentrum Pallas Wohlen, Thema „Grauer Star“
Die Welt wurde dunkler und dunkler
Doch dann passierte es. Eine der seltenen Nebenwirkungen traf Tobias Bauer mitten in der Nacht. «Mit unzähligen Pusteln im Gesicht wachte ich auf. Stunden später bedeckte ein Teppich von Blasen den ganzen Körper. Meine Haut brannte wie Feuer. Ich kam in den Notfall. Die Diagnose, medikamentöses Lyell-Syndrom, bei dem sich die Haut wie nach einer Verbrennung einfach ablöst, hatte ich gar nicht mehr mitbekommen. Im Delir stürzte ich schwer und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma.»
Es folgten drei Wochen künstliches Koma, Spezialklinik für Verbrennungsopfer, ein Verschluss der Speiseröhre, mehrere weitere Operationen. Alles Nebenwirkungen des Medikamentes, das längst abgesetzt war. Und als Tobias Bauer glaubte, das Schlimmste überstanden zu haben, trübte sich die Hornhaut beider Augen ein. «Bereits in der Klinik sah ich immer schlechter. Das werde wieder gut, hiess es. Doch die Welt um mich herum wurde dunkler. An Weihnachten 2010 konnte ich den Christbaum nicht mehr sehen. Ich war blind.»
Sich auf ein Leben ohne Augenlicht einzulassen, war schwierig. «Meine Partnerin unterstützte mich wo sie konnte, ich lernte die Blindenschrift und jasste mit Spezialkarten, doch im Job konnte ich nicht mehr Fuss fassen. Ich war verzweifelt, hinkte der normalen Geschwindigkeit des Alltags hinterher.»
Ein Stück Zahn im Auge sollte die Lösung sein
Ein ganzes Jahr verging, bis ein Schimmer von Hoffnung aufkeimte. «Ich lernte Prof. Goldblum kennen. Er erzählte mir von einem komplexen Verfahren, das mir mein Augenlicht zurückgeben könne. Es tönte so unglaublich, ja fast gespenstisch. Mit Hilfe meines Eckzahns würde eine neue Optik konstruiert. Ein Stück Zahn im Auge, ein Plexiglaszylinder mit Mundschleimhaut überzogen. Wahnsinn. Ich willigte ein. Wir entschieden uns für den Eingriff links.»
Die komplexen Vorbereitungen dauerten mehrere Monate. Alle Eingriffe verliefen gut. «Ein paar Tage lang trug ich noch eine Augenklappe. Dann wurde es hell! Prof. Goldblum strahlte mich an. Ich sah viele weitere Personen um mich herum. Sie begannen zu klatschen. Ein Jahr kompletter Dunkelheit war zu Ende. Ich empfand Glück, Lebensfreude und grenzenlose Dankbarkeit.»
Der zweite Neustart
Zwölf Jahre lang konnte Tobias Bauer sehen, bis eine Infektion die Netzhaut zerstörte und er abermals erblindete. «Eine Netzhaut lässt sich nicht ersetzen. Das linke Auge war verloren. Ich hatte zum Glück noch das rechte. Es war meine letzte Chance.» Alles von vorne. Wieder präzise Vorbereitungen, Zahnextraktion, Transplantation der Mundschleimhaut und schliesslich der finale Eingriff. Abermals wurde Tobias Bauer die Augenklappe abgenommen.
«Dieser Moment war meine zweite Sternstunde. Wieder sah ich Prof. Goldblum vor mir. Wieder strahlte er. Der zweite Arzt und meine Partnerin winkten mir zu. Und ich war erleichtert. Alles noch besser als beim ersten Mal. Ich sah Menschen, die ich bisher nur hatte hören können. Ich erblickte erstmals meine Assistentin, die ich wegen meiner Blindheit engagiert hatte. Mit ihnen allen organisierte ich ein grosses Fest. Doch am meisten freute ich mich darauf, nach zehn Monaten Dunkelheit meinen zweijährigen Enkel wieder sehen zu können.»
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Darum braucht es den Zahn
Prof. Dr. David Goldblum von den Pallas Kliniken ist einer der wenigen Augenchirurgen weltweit, die die Technik der Osteo-Odonto-Keratoprothese OOKP beherrschen.
Die Vorstellung, einen Zahn im Auge zu haben, ist gewöhnungsbedürftig.
Man hat nicht den Zahn als solchen im Auge. Es ist ein Teil des Kieferknochens und der Zahnwurzel, reduziert auf ein kleines Plättchen, nur zwei bis drei Millimeter dick. Das Ganze muss lebendig bleiben und im Auge anwachsen können, nachdem es angenäht wurde.
Und warum ein Zahn?
Ein Zahn ist von Natur aus genial. Er verbindet sich mit Gold, mit Amalgam, mit Kunststoff und mit Keramik. Das kennt man vom Zahnarzt. Diese Fähigkeit nutzen wir im Auge. Im Zahnplättchen wird ein Plexiglaszylinder eingeklebt. Durch diesen Zylinder, den man in die trübe Hornhaut einbaut, fällt Licht auf die Netzhaut. Der Patient kann wieder sehen.
Wer kommt für diesen Eingriff in Frage?
Menschen, die auf beiden Augen hornhautblind sind und bei denen eine Hornhauttransplantation nicht möglich ist.
Wie lange hält so eine Optik aus Plexiglas und Zahn?
Grundsätzlich ewig, solange der Zahn am Leben bleibt.
Was treibt Sie an, diese komplizierte Operationstechnik anzuwenden?
Ich war fasziniert von diesem Eingriff, den Prof. Benedetto Strampelli in Italien bereits in den 1960er-Jahren entwickelt hat. So etwas wollte ich auch machen. Den Menschen zu helfen, ist eine gute Sache. Ich bin Mediziner und Wissenschaftler. Wir forschen und suchen immer nach den optimalen Methoden.