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Die müde Mutter will keinen Sex

Für die bekannte Zürcher Sexualtherapeutin Dania Schiftan ist klar: «Die Mutter und Ehefrau hat keine Lust auf Sex, weil sie nichts davon hat.»

Dani Schiftan

Päng. Das sitzt. Nicht die Kinder sind schuld, nicht das Wetter, nicht die Mens, weder Kopfweh noch Migräne, sondern allein das, was im ehelichen Schlafzimmer jeweils abläuft – beziehungsweise was eben nicht abläuft. Mit andern Worten: Lust auf Sex hätte die Gattin schon. Doch sie hat keine Lust auf unbefriedigenden Sex. Befriedigender Sex ist für viele Frauen ein Traum, den sie aus Romanen und Filmen kennen, aber kaum selber erlebt haben. Woran liegt das?

Es fängt mit der Technik an

«Es fängt mit der Technik an», sagt Dania Schiftan. «Bei der Selbstbefriedigung wissen die Frauen ganz genau, wie sie reiben müssen, damit sie zum Höhepunkt kommen.» Doch diese Befriedigung ist sehr eindimensional. Sie zielt allein auf den klitoralen Orgasmus ab, der durchaus auch Entspannung bringt. Das grosse Problem ist aber: Für ein lustvolles Erlebnis braucht es einfach mehr. Damit die Frau den Orgasmus in seiner vollen Blüte erleben kann, müssen nämlich mehrere Regionen ihres Körpers und ihre Sinne ins Liebesspiel miteinbezogen werden. Dania Schiftan: «Die ganze Scheide von innen zum Beispiel, die Brüste, die Haut, die Ohren, der Hals. Doch ganz viele Frauen sind es sich von der Selbstbefriedigung gar nicht gewohnt, diese Teile an sich selber einzubinden. Besonders die empfindlichen Sensoren in der Scheide drin schlummern darum seit eh und je unberührt vor sich hin. Und dann kommt der Mann, dringt mit dem Penis in die Frau ein, und sie hat nichts davon, weil sie es nicht gewohnt ist, dort erregt zu werden. Auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt, es passiert einfach nichts bei ihr. Ein frustrierendes Erlebnis.»

Es klappt nicht immer

Selbst wenn der Mann genau das macht, was die Frau von der Selbstbefriedigung her schon kennt, klappt es nicht immer mit der Erregung. Der Grund ist einleuchtend: Beim Streicheln der Klitoris bewegen die einen Frauen ihre Finger im Uhrzeigersinn, die anderen im Gegenuhrzeigersinn, mit mehr oder weniger Druck, aber eben an der richtigen Stelle. Wenn der Mann das bei ihr tut, ist es vielleicht die falsche Drehrichtung, zu viel Druck, zu stark reizend, zu raue Finger. Dania Schiftan: «Auch solch ein Erlebnis ist für die Frau frustrierend. Sie weiss im ersten Moment nicht, dass es an seiner Technik liegt. Sie weiss einfach, dass es so nicht funktioniert, versucht aber, mit aller Kraft irgendwie ein Lustempfinden herbeizuführen. Anstatt sich gehen zu lassen, muss sie sich dann zu stark konzentrieren und anstrengen. Ob’s zur Erregung reicht, ist mehr als fraglich, ein Höhepunkt eher unwahrscheinlich. Auf solch einen Sex kann man keine Lust haben. Und das ist genau das, was bei den Frauen passiert.»

Aufwand und Ertrag stimmen nicht

Nicht überraschend, oder? Dania Schif­tan: «Überhaupt nicht überraschend. Sex ist eben eine höchst ökonomische Angelegenheit. Eine ganz banale Frage von Input und Output, von Aufwand und Ertrag. Und der Aufwand für sie ist zu gross. Der Aufwand an Zeit, Energie und Emotion. Das weibliche Hirn rechnet gnadenlos ab und fragt sich, ob es sich für solch einen kleinen Ertrag wirklich lohnt: Nein, es lohnt sich nicht. Unter dem Strich ist das einfach zu anstrengend. Die Flaute kommt nicht gleich nach dem ersten Frusterlebnis. Aber wenn es immer wieder passiert. Dann tut der Sex vielleicht auch noch weh und die Frau zweifelt an sich und ihrer Liebesfähigkeit. Vielleicht ahnt sie auch, woran es wirklich liegt, und denkt sich dann: Er begreift einfach nicht, was ich will. Und wenn ich etwas sage, reagiert er beleidigt. Auf jeden Fall ist es ihr nicht zu verübeln, wenn sie keine richtige Lust mehr verspürt und stattdessen lieber eine Runde schläft. Der Schlaf bringt ihr immerhin einen Nutzen, nämlich Erholung.»

Was läuft hier falsch? Dania Schiftan: «Sex ist so ökonomisch wie alles andere im Leben auch. Wir Menschen denken und handeln ökonomisch. Wir machen nur Dinge, die uns etwas bringen. Alles, was mehr Aufwand als Ertrag bringt, lassen wir sein. Zugunsten von Dingen, die einen höheren Nutzen haben. Kommt hinzu: Biologisch gesehen brauchen Frauen 10 bis 15 Minuten, um ihr Geschlecht überhaupt einmal aufzuwärmen. Ein Mann ist tendenziell innerhalb einer Minute aufgeheizt. Nur schon daran scheitert es oft. Der Mann kommt aufgeladen zu ihr und wundert sich, dass sie eher abweisend reagiert. Er hat das Gefühl, sie hat zu wenig Interesse. Demgegenüber sieht sie, dass er schon heiss, sie selber aber überhaupt noch nicht parat ist.»

Mechanischer Sex bringt sie nicht auf Touren

Stellt sich die Frage: warum es am Anfang der Beziehung funktioniert hat. Dania Schiftan: «Am Anfang helfen die Hormone – die kurbeln massiv an und geben viel Echo in die Scheide. Generell kann man aber feststellen, dass sich die Paare zu Beginn fünfmal mehr bewegen als später. Die Lust am Erforschen des anderen Körpers rief nach Bewegung. Man ertastete sich, machte mehr Stellungswechsel. Die emotionale Leidenschaft schwappte auf die Genitalien über. Man gab sich mehr hinein. Das Hirn war stärker involviert, weil es mehr Input und mehr Reize bekam. Man befand sich in diesem Flow-Erlebnis, das man auch vom Arbeiten kennt, wenn man sich fragt, wo die Zeit bloss geblieben ist. Auf allen Ebenen und durch alle Kanäle kommen die Reize.» Und warum wurden sie immer weniger? Dania Schiftan: «Auch aus ökonomischen Gründen: Mit der Zeit kennt sich das Paar, weiss, wie es geht und möchte mit möglichst geringem Aufwand zum Ziel kommen. Dann steht der Mann kurz vor dem Orgasmus, bevor die Frau überhaupt erste Reize wahrnimmt. Rein mechanischer Sex lastet das System der Frau eben nicht genügend aus. Sie kommt nicht recht auf Touren.»

Biologische Umstellungen bei Müttern

Ist das vor und nach einer Geburt gleich? Dania Schiftan: »Bei der Mutter kommen biologische Umstellungen hinzu. Während und nach der Schwangerschaft findet eine Volumenveränderung statt – eine Frau durchlebt mit einer Schwangerschaft extreme Veränderungen des Körpers. Viele Körper fühlen sich nicht mehr gleich an wie vorher. Die Frau muss eine wahnsinnige Leistung erbringen, um sich im neuen Körper wieder zu Hause zu fühlen. Als Mutter ist sie riesigen Anstrengung im Alltag ausgesetzt. Auch emotional erlebt sie ganz neue Herausforderungen. Ein neuer Mensch ist komplett von ihr abhängig; hängt auch körperlich viel an ihr. Schlaftechnisch ist sie ganz und gar fremdgesteuert. Beim Mann ist das meistens viel weniger der Fall. Für ihn sind die Umstellungen kleiner.»

Es würde immerhin bedeuten, dass sich die Unlust der Frau korrigieren lässt, wenn das Paar ein wenig dazulernt. Dania Schif­tan: «Ja, genau. Man kann viele Aussenfaktoren ändern; neue Dinge lernen. Das ist wichtig zu wissen. Wenn die Frau beim Liebesspiel extrem viel spürt in ihrer Scheide und weiss, dass es sich richtig lohnt, Sex zu haben, wird sie nie darauf verzichten wollen. Da kann der Mann ein Pascha sein, im Haushalt keinen Finger rühren und die Erziehung der Kinder komplett abdelegieren. Wenn sie durch den Sex gute Gefühle hat und Energie tanken kann, wird die Frau den Sex trotzdem einfordern. Und zwar selbst dann, wenn um sie herum das ganze Haus Kopf steht. Wenn der Sex hingegen schlecht und unbefriedigend ist, lässt sich die Frau ablenken und bringt die äusseren Faktoren als Entschuldigung vor. Dass die Ursache eine ganz andere ist, ist ihr selber vielleicht gar nicht bewusst.» |

Der 4-Punkte-Plan für besseren Sex

Die Sexualtherapeutin hat einen 4-Punkte-Plan für besseren Sex entwickelt:

  1. Mehrere Kanäle öffnen: Eine Frau ist besser erregbar, wenn mehrere Kanäle eingeschaltet sind. Die Frau kann diese Kanäle auch bei der Selbstbefriedigung zum Leben erwecken, damit er diese nachher im partnerschaftlichen Sex miteinbeziehen kann. Das ist lernbar und muss geübt werden.
  2. Biologie beachten: Das Paar muss die biologischen Unterschiede anerkennen. Die Frau braucht länger als ein Mann, um warm zu werden.
  3. Sich darauf einlassen: Der Hunger kann auch beim Essen kommen. Selbst wenn die Frau am Anfang noch keine Lust verspürt, kann sie darauf vertrauen, dass es mehr wird, und dass es einen Nutzen stiftet.
  4. Etwas dafür tun: Es ist wie beim Sport und in der Musik: Je mehr man trainiert und übt, desto besser wird man, und desto lieber macht man es. Man muss investieren. Viele Menschen erwarten, dass im Sex andere Regeln gelten als sonst im Leben. Das ist falsch. Auch für den Sex gilt: ohne Fleiss kein Preis.

Ihr direkter Draht inklusive Onlineberatung:

Dania Schiftan ist Dr. phil in Clinical Sexology, Klinische Sexologin ISI, lic. phil, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Psychotherapie und Sexualtherapie. Sie arbeitet im Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin ZISMed in Zürich. www.daniaschiftan.ch

Beratung in der Praxis: Minervastrasse 99, 8032 Zürich, Telefon 044 233 30 30, d.schiftan@zismed.ch